8/I Take My Breath Away
Mit angsterfüllten Augen starrte Silvia Shoon in die weitaufgerissenen Augen des Hotelpagen, der noch immer eine Pistole an ihre Schläfe hielt. Obwohl sie seinen warmen Atem in ihrem Gesicht spüren konnte, lief ihr der kalte Angstschweiß über den Rücken. Silvia wagte sich nicht zu bewegen oder auch nur ein Wort zu sagen. Regungslos blieb sie mitten im Zimmer stehen, während der Mann einmal im Kreis um sie herumging und dabei ihre Haare berührte. "Du bist wunderschön," sagte er dabei immer wieder in gebrochenem Englisch. Silvia hätte sich am liebsten übergeben, so sehr verabscheute sie diesen Mann, der sie in der vorherigen Nacht zuerst bewusstlos gemacht und anschließend vergewaltigt hatte. "Da bin ich wieder. Ich hatte die Brieftasche tatsächlich auf dem Rücksitz liegengelassen, wie leichtsinnig von mir," ertönte plötzlich eine männliche Stimme auf dem Flur – es war Robert, der inzwischen zurückgekehrt war. Der Hotelpage hatte nicht mit dem Erscheinen des Modedesigners gerechnet und war dementsprechend verwirrt, da er nun nicht mehr wusste, auf wen von beiden er seine Waffe richten sollte. Robert hingegen erkannte die Lage nach einem ersten Schreck sofort. Er nutzte die Verwirrung des Hotelpagen aus, sprang auf ihn zu und versuchte ihm mutig die Pistole aus den Händen zu reißen, indem er sie in Richtung Boden drückte. Auch Silvia erwachte nun aus ihrer Erstarrung und mischte sich in den Kampf ein. Ein erster Schuss löste sich, der ein großes Loch im teuren Teppichboden hinterließ. Silvia sprang entsetzt zur Seite und verschanzte sich hinter einem Sessel, während es Robert endlich gelang, dem Mann die Waffe zu entreißen und sie in eine Ecke des Zimmers zu schleudern. Mit einem gewaltigen Fausthieb versuchte der Page Robert daraufhin k.o zu schlagen, so dass Robert schwer getroffen zu Boden zu ging. Mit blutender Nase rappelte er sich wieder auf, doch sein Gegner hatte inzwischen die Waffe wieder an sich genommen und richtete sie nun erneut auf Silvia. Mit letzter Kraft stürzte sich Robert auf den Mann und versuchte ihn zu Fall zu bringen. Dies gelang ihm schließlich auch, doch nur Bruchteile einer Sekunde später stürzten die beiden Männer in den hölzernen Couchtisch, der mit einem lauten Krachen auseinanderbrach. Plötzlich löste sich ein zweiter Schuss aus der Waffe, der diesmal die Decke und den daranhängenden Kronleuchter traf. Dieser sauste nun mit einem schnellen Tempo hinunter. Ein gellender Schrei ertönte aus Silvias Kehle und Robert konnte sich im letzten Augenblick zur Seite rollen, um aus der Gefahrenzone entkommen. Der Hotelpage konnte jedoch nicht so schnell reagieren und kurz darauf zerbrach der Kronleuchter auf seinem Körper in tausend Scherben. Blutüberströmt blieb er in dem Trümmerhaufen liegen und zeigte keinerlei Regung mehr. "Ist er.. ist er...?" brachte Silvia nur noch stockend hervor. "Ja, ist er," nickte Robert. Der dunkelhaarige Italiener, der selbst an einigen Stellen seines Körpers blutete, ging zu Silvia, half ihr auf die Beine und nahm sie anschließend fest in den Arm. In dieser Position konnte Silvia erstmals ihren Tränen freien Lauf lassen.
Starring
Jennifer Gareis as Liane Connor
Johnny Messner as Luke Foster
William deVry as Jean Voltaire
Kim Raver as Maria Zavigo
Alex Dimitriades as Steve Morena
Timothy Adams as Jake Webb
Sydney Penny as Silvia Shoon
Molly Sims as Kelly Wyland
Sharon Case as Nancy Gray
Romany Malco as Chris Monroe (credit only)
Nia Long as Victoria Harris
Guest Starring
Patrick Duffy as Jacob Zavigo
Natalie Imbruglia as Kayla Evans
Adam Kaufman as Robert Holden
Kate Linder as Teresa
John Slattery as James Connor
Vor dem "Redfield Hospital" flackerten zahlreiche blaue Sirenen, die in kurzen Abständen immer wieder die einsetzende Dunkelheit erhellten. Sanitäter brachten verletzte Menschen durch den Eingang in die Notaufnahme, und innerhalb des Gebäudes schwirrten zahlreiche Ärzte, Krankenschwestern, Patienten und deren Angehörige durch die Gänge. Inmitten dieses Chaos befand sich die blonde Liane Connor, die vollkommen außer sich neben einer weißen Säule stand und vor sich hin ins Leere starrte. Plötzlich öffnete sich die automatische Eingangstür und Lianes Vater James Connor betrat die Eingangshalle der Notaufnahme. Als er seine Tochter erblickte, atmete er erleichtert auf und ging mit schnellen Schritten auf sie zu. "Dad," rief Liane und warf sich sogleich in seine Arme. "Liane, ich bin ja so froh, dass es dir gut geht. Was um alles in der Welt ist denn bloß passiert? Ich hatte schon die Befürchtung, dass du verletzt bist, als mir meine Sekretärin mitteilte, dass du im Krankenhaus bist," erzählte James und streichelte seiner Tochter kurz über den Rücken. "Mir geht es gut," schniefte Liane leise, "aber Luke hatte einen Unfall." "Wie? Was ist denn mit ihm?" "Das weiß ich ja nicht! Ich weiß überhaupt nichts!" erhob Liane nun ihre Stimme und Wut und Verzweiflung machten sich in ihren Äußerungen bemerkbar. "Liane, bitte reiß dich zusammen. Die Leute gucken schon," herrschte James sie an und schaute sich nervös zu allen Seiten um. "Dann lass sie doch gucken!" pampte Liane zurück. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr verhasster Mitbewohner Jean Voltaire ungefähr einen Meter hinter ihrem Vater stand. "Was macht der denn hier?" fragte sie geschockt. "Wir waren gerade in einer Besprechung, als du angerufen hast. Jean hat mich hergefahren," erklärte James. "Er soll verschwinden! Er hat hier nichts verloren," rief Liane wütend aus, doch ihr Vater reagierte überhaupt nicht auf ihre Worte. Als Liane dies merkte, drehte sie sich um und versuchte einen Blick auf die Behandlungsräume zu erhaschen. "Gibt es hier eigentlich niemanden, der einem Auskunft geben kann?" fragte sie verzweifelt. Schließlich öffnete sich eine Tür und ein Arzt kam auf Liane und ihren Vater zu. "Sind Sie Angehörige von Luke Foster?" "Ich bin seine Verlobte und das ist mein Vater," erklärte Liane schnell, "er hat sonst keine Angehörigen in den Vereinigten Staaten. Wie geht es ihm?" "Wir mussten eine Notoperation durchführen. Dr. Foster liegt jetzt auf der Intensivstation. Wenn Sie möchten, können wir jetzt dorthin gehen und ich werde Ihnen Genaueres über den Zustand des Patienten erzählen," sagte der Arzt und Liane nickte stumm. Sie versuchte die Tränen, die sich in ihren Augen angesammelt hatten, tapfer herunterzuschlucken.
Normalerweise war Maria Zavigo stets mit Leib und Seele bei ihrem Beruf, doch an diesem Tag konnte sie sich keinesfalls auf die Therapiesitzungen mit ihren Patienten konzentrieren. Der eigene Ärger und vor allem der Streit mit ihrem Freund Steve beschäftigten sie in jeder Sekunde, so dass sie unendlich froh war, als sie sich von ihrem letzten Patienten verabschieden konnte. Nachdem dieser gegangen war, sortierte Maria noch einige Akten und checkte ihre E-Mails, als es plötzlich an ihrer Bürotüre klopfte. "Herein," rief Maria und wunderte sich gleichzeitig, wer sie um diese Uhrzeit noch stören wollte. Sie staunte umso mehr, als sie kurz darauf Steve vor sich stehen sah. "Was um alles in der Welt machst du denn hier?" "Ich wollte mich bei dir entschuldigen," sagte er kleinlaut, "ich weiß auch nicht, was ich mir dabei gedacht habe, dich so anzuschnauzen." "Und deswegen bist du extra hergekommen?" lächelte Maria sanft. "Das ist ja süß von dir." "Ich dachte mir, hier könnte ich eher mit dir reden. Zu Hause hast du ja genügend Möglichkeiten, um mir aus demWeg zu gehen. Denn wir wissen ja beide, wenn du erst einmal eingeschnappt bist..." "Also komm, du bist mindestens genau so zickig wie ich," erwiderte Maria schmunzelnd und ging auf ihren Freund zu, "aber ich würde es gar nicht anders haben wollen." Nur einige Sekunden später trafen sich ihre Lippen zu einem langen Versöhnungskuss. Erst jetzt bemerkte Maria, dass Steve die ganze Zeit etwas hinter seinem Rücken versteckt hielt. "Was ist da drin?" fragte sie neugierig, als sie die Tüte in Augenschein nahm. "Champagner. Durch den ganzen Streit haben wir nämlich etwas ganz Wichtiges vergessen: Wir kennen uns heute auf den Tag genau seit fünf Jahren, und ich dachte, wir sollten dieses Datum gebührend feiern. Immerhin hast du mich damals vor dem sicheren Tod bewahrt und die letzten fünf Jahre meines Lebens habe ich nur dir zu verdanken," erklärte Steve. "Wenn du so weiter redest, fange ich noch an zu heulen," schniefte Maria daraufhin und griff schnell nach einem Taschentuch, um sich die Tränen abzuwischen, die sich bereits in ihren Augen gebildet hatten. "Jetzt wird nicht geweint," erwiderte Steve, "lass uns lieber anstoßen. Hast du Gläser oder sowas hier?" "Ich habe noch ein paar Pappbecher in einer Schreibtischschublade." "Die tun’s auch. Ich mach schon mal die Flasche auf." Während Maria die Becher holte, widmete sich Steve dem Korken, der schließlich mit einem lauten Knall gegen die Decke schoss. Nur wenige Sekunden später ließen sich Maria und Steve das teure Getränk schmecken und strahlten dabei regelrecht um die Wette. Sie wussten genau, dass niemand ihnen diesen Augenblick mehr nehmen konnte.
"Wo hast du dich denn den ganzen Tag herumgetrieben?" fragte Nancy Gray, als sie ihrer Freundin Victoria Harris im Salon begegnete. "Ich hatte einige Dinge zu erledigen," erwiderte diese knapp und ging in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu nehmen. Nancy folgte ihr und blieb im Türrahmen stehen. Mit einem misstrauischen Blick betrachtete sie Victoria, was dieser natürlich nicht verborgen blieb. "Was glotzt du denn so?" herrschte sie ihr Gegenüber an. "Du führst irgendetwas im Schilde und willst mir partout nicht sagen, was," ärgerte sich Nancy sichtlich. "Der Zeitpunkt ist einfach noch zu früh. Ich muss mir noch genau überlegen, wie ich meinen nächsten Schritt plane," erwiderte Victoria, "denn jetzt geht es langsam in die alles entscheidende Phase." "Du machst es ja wirklich spannend," verdrehte Nancy genervt die Augen. "Siehst du, das ist genau der Grund, wieso ich es dir nicht sage: Du nimmst die Sache einfach nicht ernst und ziehst alles ins Lächerliche! Außerdem habe ich das Gefühl, dass du dich inzwischen von den Zavigos hast einlullen lassen." "Wie redest du denn mit mir? Ich dachte, wir sind ein Team?" rief Nancy empört aus, als sie diese Worte vernahm. "Ich weiß auch nicht, wie ich so naiv sein konnte, das zu glauben. Es war ein Fehler, dich nach South Beach mitzunehmen. Ich frage mich, Nancy, auf welcher Seite stehst du? Willst du mich unterstützen oder mir in den Rücken fallen?" Victorias drohender Blick durchbohrte Nancy regelrecht und dieser schlug das Herz plötzlich bis zum Halse. "Aber Victoria, du weißt doch ganz genau, dass ich dich niemals im Stich lassen würde," brachte sie nur stockend hervor. "Gut. Ich wollte mich nur noch einmal vergewissern," begann Victoria plötzlich zu grinsen und Nancy schaute sie irritiert an. "Wie bitte?" "Ich habe dich lediglich einem kurzen Test unterzogen, um deine Loyalität mir gegenüber zu prüfen," klärte Victoria sie schließlich auf. "Du hast mir einen riesigen Schrecken eingejagt," atmete Nancy erleichtert auf. "Das war auch meine vollste Absicht. Aber jetzt Spaß beiseite: Sind die Zavigos heute alle ausgeflogen?" "Helen ist im Country Club und die anderen drei sind seit einiger Zeit im Krankenhaus," erklärte Nancy ihrer Freundin. "Perfekt," rieb sich Victoria zufrieden die Hände, "falls jemand in den nächsten zehn Minuten nach Hause kommen sollte, musst du sie um jeden Preis aufhalten. Hast du das verstanden?" "Ja, schon... aber was um Himmels Willen hast du denn vor?" "Das wirst du gleich sehen," ließ Victoria mit verschwörerischer Miene verlauten und machte sich dann auf den Weg zum Gästehaus.
Kelly Wyland und Jake Webb befanden sich unterdessen im Strandhaus und versuchten die Spuren von Lukes Unfall zu beseitigen. Ausgestattet mit Schwämmen, einem Aufnehmer und zwei großen Eimern Wasser knieten die beiden auf den Holzdielen und wischten die großen Blutlachen auf, die sich am unteren Treppenabsatz und teilweise auch auf den Treppenstufen befanden. "Hoffentlich sind wir fertig, bevor Liane nach Hause kommt. Sie sollte das nicht sehen müssen," meinte Jake, während er mit einem Schwamm die rote Flüssigkeit aufsog und diesen danach im Putzeimer auswrang, bevor er dasselbe Prozedere erneut durchführte. Während er mit all seiner Kraft über die glatte Holzfläche schrubbte, verhärteten sich Jakes Oberarmmuskeln und Kelly merkte, wie sehr er sich anstrengte, die Dielen von der durchdringenden Masse zu befreien. "Schalt mal einen Gang runter," meinte sie behutsam und legte ihre rechte Hand auf seinen Oberarm, woraufhin Jake innehielt und sie verstört anschaute. "Ist alles in Ordnung mit dir?" fragte Kelly besorgt, während er den Schwamm zu Boden gleiten ließ. "Mir geht’s gut. Es ist nur... das ganze Blut erinnert mich an früher. Nachdem mein Vater gestorben ist, hat meine Mutter mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen. Es war eine furchtbare Zeit und ich hab die Bilder immer noch vor Augen, wie sie in ihrem eigenen Blut auf dem Küchenboden lag. Ich war damals ungefähr zehn Jahre alt und ich wusste nie, wann sie das nächste Mal zum Messer greift." "Das ist ja schrecklich," war alles, was Kelly in diesem Moment dazu sagen konnte. "Und wie geht es deiner Mutter heute?" "So weit ich weiß, blendend. Sie hat vor einigen Jahren neu geheiratet und führt jetzt mit ihrem Mann eine Tankstelle an der Route 66. Sie hat die Abgeschiedenheit schon immer geliebt." "Habt ihr noch viel Kontakt zueinander?" "Ja, wir telefonieren jede Woche. Und wenn es die Zeit zulässt, besuche ich sie so oft ich kann," erzählte Jake, "sie hat trotz ihrer Depressionen so viel für mich getan und mir so viele Dinge ermöglicht. Meine Mutter ist einfach der wichtigste Mensch in meinem Leben, und das wird sich auch nie ändern." "Das ist schön," lächelte Kelly, "und wieder einmal bin ich zutiefst erstaunt, was für ein gefühlvoller Mann in dir steckt. Wenn man dich so sieht, würde man das nie vermuten. Ich finde das echt toll." Jake errötete leicht und hielt es für besser, nichts darauf zu antworten. Stattdessen nahm er den Schwamm wieder in die Hand und begab sich erneut an die Arbeit. "Ich denke, wir sollten jetzt weitermachen. Nicht, dass das Blut noch antrocknet."
Das laute Piepsen der Kontrollmonitore drang unüberhörbar bis in die letzten Winkel der chirurgischen Intensivstation des "Redfield Hospital", doch Liane war wie betäubt und nahm ihre Umwelt nur schemenhaft war. Fassungslos starrte sie auf ihren Verlobten Luke Foster, der vor ihr in einem Krankenbett lag. Fast hätte sie ihn nicht wiedererkannt, da mehrere Schläuche in seinem Mund stecken. Eine Atemmaske versorgte ihn zusätzlich mit Sauerstoff und um seinen Kopf war ein dicker Verband gewickelt, unter dem tiefrote Blutspuren durchsickerten. "Luke," sagte sie stockend und berührte sein linkes Handgelenk, "Luke, ich bin’s, Liane. Ich bin hier bei dir, mein Schatz. Ich lasse dich nicht alleine. Es wird alles wieder gut." "Dass ich nicht lache! Du hast doch selbst gehört, was der Arzt gesagt hat. Er liegt im Koma, Liane!" sagte James Connor in seiner gewohnt dominanten Art. "Es wird alles wieder gut," wiederholte Liane unter Tränen, "er wird wieder aufwachen und alles wird wieder wie vorher." "Gott bewahre," stieß James verächtlich aus, allerdings so leise, dass seine Tochter nichts davon mitbekam. Für ihn war es die reinste Genugtuung, Luke in diesem Zustand zu sehen, da ihm dieser Mann seit jeher ein Dorn im Auge war. Doch nun war er vollkommen hilflos und diese Tatsache brachte James auf eine Idee. Er dachte für einen kurzen Augenblick nach und legte seine Stirn in Falten. Schließlich hellte sich seine Miene auf und er trat an seine Tochter heran. "Liane, ich weiß, dass du gerne bei Luke bleiben würdest, aber erstens geht das nicht und zweitens stehst du selbst unter Schock. Du brauchst dringend etwas Ruhe. Ich werde Jean bitten, dass er dich nach Hause fährt und sich etwas um dich kümmert." James legte seine Hand auf Lianes Schulter und zog sie langsam von Lukes Bett weg. "Es ist besser so, glaub mir bitte." Lianes Unterlippe bebte vor Trauer und Schmerz, doch schließlich wandte sie sich von Luke ab und richtete ihren Blick auf ihren Vater. "Kommst du denn nicht mit?" "Ich werde noch etwas hier bleiben und einige Formalitäten erledigen," erwiderte James, "geh nur. Jean wartet draußen." Liane nickte stumm und verließ dann wie in Trance die Intensivstation, während James mit verschränkten Armen vor Lukes Bett stehenblieb und diesen niederträchtig anschaute.
Teresa, die Haushälterin der Zavigos, saß in ihrer Kammer und nähte gerade den Saum eines Kissens wieder fest, als Victoria die Tür aufriss und wie von der Tarantel gestochen in das kleine Zimmer stürmte. "Was... was wollen Sie?" fragte Teresa mit weit aufgerissenen Augen, doch statt einer Antwort knallte Victoria ein Bündel vergilbter Briefe auf den alten Holztisch. "Ich will, dass Sie mir den Inhalt dieser Briefe Wort für Wort übersetzen," fügte sie schließlich hinzu, "und versuchen Sie bloß nicht mich zu verarschen." "Warum sollte ich das für Sie tun?" "Weil ich den Zavigos sonst sagen werde, dass Sie das kostbare Geschirr und das Geschmeide aus den Schlafzimmern an eine Hehlerbande verkauft haben, um mit dem Erlös ihre verlauste Sippe in Cancún zu ernähren. Na, kommen wir jetzt ins Geschäft?" "Puta," zischte Teresa verächtlich. "Denken Sie etwa, ich habe das nicht verstanden?" schrie Victoria und verpasste Teresa noch im selben Atemzug eine schallende Ohrfeige. "Sie sind ja vollkommen durchgeknallt!" wimmerte Teresa und hielt sich ihre gerötete Wange. "Jetzt fangen Sie endlich an, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!" befahl Victoria und faltete hastig den obersten Brief auseinander, der offensichtlich von einer weiblichen Verfasserin geschrieben wurde. "Lieber Steve, hier schreibt dir deine Mutter Lucia. Ich wünsche dir alles Gute zu deinem achten Geburtstag und wünschte, ich könnte heute bei dir sein," las Teresa stockend vor, da sie oftmals einige Augenblicke über eine passende Übersetzung nachdenken musste. "Ich kann dir gar nicht sagen, wie leid mir alles tut, aber du musst mir glauben, dass es nicht anders ging. Irgendwann wirst du sicher verstehen, dass ich keine andere Wahl hatte. Deine Tante Conchita und ich haben deshalb beschlossen, dass du vorerst bei ihr leben wirst. In Liebe, deine Mutter." "Wie rührselig," meinte Victoria in einem abfälligen Tonfall und nahm dann ein Foto in die Hände, das mit einer Büroklammer am Briefpapier befestigt war. Das schwarzweiße Bild zeigte eine dunkelhaarige Frau, die in einem Sommerkleid vor einem großen Kirschbaum posierte. "Das ist wohl Steves Mutter. Sie ist sehr hübsch." "Sie war sehr hübsch," korrigierte Teresa und zog ein anderes Papier hervor, "das hier ist ist ihre Sterbeurkunde." "Woran ist sie gestorben?" "Mehrere Kopfschüsse," erwiderte Teresa und verzog angewidert das Gesicht. "Welch pikante Geschichte mag da wohl hinterstecken?" sinnierte Victoria und zeigte dann mit dem Finger auf das Foto des brünetten Mannes, das sie schon einmal in Augenschein genommen hatte. "Dieses Foto ist höchstens fünf oder sechs Jahre alt. Kennen Sie diesen Mann? Wer zum Teufel ist dieser Matthew?" "Ich weiß es nicht," zuckte Teresa ratlos mit den Schultern Victoria wollte gerade kontern, als sie ein Motorengeräusch aus der Einfahrt vernahm – offenbar war Helen nach Hause gekommen. Um keinen Verdacht zu erwecken, nahm Victoria die Briefe schnell wieder an sich und wandte sich vor dem Verlassen des Raumes mit eiskalter Miene an Teresa: "Denken Sie an meine Worte. Ich spaße nicht." Danach knallte sie die Tür hinter sich zu und ließ die vollkommen verängstigte Teresa in ihrem Kämmerchen zurück.
Maria und Steve saßen auf der Couch, auf der normalerweise Marias Patienten Platz nahmen, und unterhielten sich über belanglose Dinge. Steve hatte seinen Arm um seine Freundin gelegt und drückte sie fest an sich. Die traute Zweisamkeit der beiden würde jedoch jäh unterbrochen, als Marias Vater Jacob unangemeldet in das Büro seiner Tochter platzte. "Dad? Was machst du denn hier? Woher wusstest du überhaupt, dass ich noch hier bin?" fragte Maria verwirrt und löste sich schnell aus Steves Umarmung. "Ich sah, dass noch Licht brennt. Habt ihr es schon gehört?" "Was gehört?" "Luke Foster hatte heute einen Unfall. Er liegt auf der chirurgischen Intensivstation," berichtete Jacob den beiden. Maria und Steve schauten ihn fassungslos an. "Und wie geht es ihm jetzt?" wollte Maria wissen. "Schlecht. Er hat schwere Kopfverletzungen erlitten und musste in ein künstliches Koma versetzt werden." "Das ist ja furchtbar," stieß Maria aus und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. "Weiß man schon, wie es passiert ist?" "Er ist offensichtlich eine Treppe heruntergestürzt. Allerdings hatte er nicht die winzigste Spur von Alkohol im Blut. Die Polizei ermittelt bereits, da sie von einem Gewaltverbrechen ausgehen." Als Maria diese Worte vernahm, hätte sie am liebsten laut losgelacht, denn die Situation war in ihren Augen einfach zu bizarr: Ausgerechnet Luke Foster, der selbst nicht davor zurückschreckte, rohe Gewalt anzuwenden, war Opfer eines Verbrechens geworden! "Sowas nennt man wohl Karma – oder Ironie des Schicksals," dachte sie sich. Trotzdem machte sich tiefe Betroffenheit in Marias Herzen breit. Sie hätte Luke nie etwas Böses gewünscht, da sie durch die gemeinsamen Therapiestunden große Sympathien für ihn entwickelt hatte. "Können wir irgendetwas tun?" fragte sie ihren Vater schließlich, doch dieser zuckte nur mit den Schultern. "Ich denke nicht. Wir müssen zunächst die Nacht abwarten, um zu sehen, wie sich Lukes Zustand entwickelt." Maria merkte ihrem Vater deutlich an, dass der Vorfall auch ihn sehr mitgenommen hatte. Immerhin war Luke so etwas wie Jacobs Protegé. Er hatte den angehenden Arzt von Anfang an unter seine Fittiche genommen, da er Lukes Potenzial auf Anhieb erkannt hatte. Steve ertappte sich indessen dabei, dass sich seine Gedanken nur um eine Frage drehten: Wie hatte Liane diesen schweren Schicksalsschlag verkraftet? Um Maria nicht zu verärgern, hielt er jedoch seinen Mund und drückte stattdessen Marias Hand.
Mit gesenktem Blick saß Silvia in der Wartehalle des Flughafen Mailand-Malpensa und hielt einen Becher Kaffee in ihren Händen, den sie zuvor aus einem Automaten gezogen hatte. "Mir ist nicht wohl dabei, dich alleine nach Hause fliegen zu lassen," meinte Robert, der neben ihr saß und sie mit sorgenvoller Miene betrachtete. "Soll ich dich nicht lieber begleiten?" "Was würde das ändern?" erwiderte Silvia nach einigen Augenblicken. "Was geschehen ist, ist geschehen. Ich muss es hinter mir lassen, so schnell wie möglich." "Du weißt genauso gut wie ich, dass das nicht geht," sagte Robert behutsam, "obwohl ich mir nichts mehr wünsche, als es ungeschehen zu machen." Er seufzte tief. "Es ist und bleibt alles meine Schuld. Wenn ich nicht wäre, wärst du niemals nach Rom gekommen." "Es hätte an jedem anderen Ort der Welt passieren können, sogar vor meiner eigenen Haustür." "Ich kann nicht ganz nachvollziehen, dass du plötzlich so abgeklärt wirkst," meinte Robert irritiert, "dir ist eines der schlimmsten Dinge widerfahren, die das Leben für einen Menschen bereit halten kann, und du willst allen Ernstes einfach zur Tagesordnung übergehen?" "Habe ich eine andere Wahl?" beantwortete Silvia seine Frage mit einer Gegenfrage. "Ich bin als starke Frau nach Italien gekommen und in diesem Zustand werde ich das Land auch wieder verlassen." "Nun gut, wenn du das für dich so entschieden hast, sollte ich vielleicht lieber meinen Mund halten." "Vielleicht solltest du das wirklich," murmelte Silvia mehr zu sich selbst und trank dann ihren Kaffee aus. Nachdem sie damit fertig war, warf sie ihr letztes Andenken an ihren Italienaufenthalt demonstrativ in den nächsten Papierkorb.
Während der gesamten Fahrt vom Krankenhaus zum Strandhaus hatten Jean und Liane nicht ein einziges Wort miteinander gewechselt. Erst nachdem Jean seinen Wagen in der Einfahrt geparkt hatte, brach Liane ihr Schweigen. "Danke, dass du mich nach Hause gefahren hast," sagte sie kraftlos und löste mit zittrigen Fingern ihren Anschnallgurt. "Bedank dich bei deinem Vater," erwiderte Jean kühl. Er stieg aus dem Wagen aus, schaltete die Alarmanlage an und ging dann mit schnellen Schritten in Richtung Haus. Liane folgte ihm in einigen Metern Abstand. Als die beiden das Strandhaus betraten, wurden sie dort bereits von zwei Polizisten erwartet, die gemeinsam mit Jake und Kelly im Flur standen und offenbar auf ihre Rückkehr gewartet hatten. "Liane Connor, nehme ich an?" fragte einer der beiden Männer und Liane nickte stumm. "Detective Cooper und Detective Harlow vom SBPD. Wir würden Ihnen gerne einige Fragen zu Luke Fosters Unfall stellen. Haben Sie für die Tatzeit ein Alibi?" "Wie bitte?" fragte Liane verstört und schaute die beiden Beamten ungläubig an. "Liane weiß genauso wenig über den Tathergang wie Sie, da sie den ganzen Nachmittag mit mir zusammen war," mischte sich plötzlich Jean in das Gespräch ein, "als sie die Nachricht von Lukes Unfall erhalten hat, habe ich sie sofort ins Krankenhaus gefahren. Wir sind bis vor 20 Minuten dort gewesen. Ihr Vater James Connor kann dies bezeugen." "Und Sie sind?" "Jean Voltaire. Ich bin ein Freund der Familie." Liane, Kelly und Jake trauten ihren Ohren kaum, als sie diese Worte aus Jean Mund vernahmen, ließen sich aber vor den Polizisten nichts anmerken. "Vielleicht sollten Sie jetzt lieber gehen. Liane ist ohnehin nicht in der Lage, weitere Fragen zu beantworten, da sie noch unter Schock steht." Jean öffnete demonstrativ die Haustür und kurz darauf verschwanden die beiden Polizisten im Dunkel der Nacht. Jake nahm Liane in den Arm und streichelte ihr sanft über den Rücken, um ihr ein wenig Trost zu spenden. "Ganz schön mutig von dir, eine Falschaussage zu machen," meinte er schließlich zu Jean und betrachtete misstrauisch dessen Gesicht. "Ich habe nur getan, was ich für richtig hielt," ließ Jean großspurig verlauten, "wenn sonst schon keiner den Mut dafür aufbringt." "Hört, hört, hier möchte unbedingt jemand den Helden spielen. Schade nur, dass dir niemand die Nummer abkauft, denn normalerweise hat man für Helden zumindest ein kleines Fünkchen Sympathie übrig. Was man bei dir nun wirklich nicht behaupten kann." "Äußerst schade, dass ich auf eure Meinung nicht angewiesen bin. Ihr seid mir nämlich scheißegal – und das ist noch milde ausgedrückt. So, jetzt wünsche ich euch allen eine gute Nacht," lächelte Jean in die Runde und ging anschließend die Treppe ins obere Stockwerk hinauf. "Was für ein Mistkerl," meinte Kelly abfällig und schüttelte ungläubig den Kopf. Jake pflichtete ihr zwar mit einem nachdenklichen Brummen bei, doch insgeheim war er sich sicher, dass Jeans abweisendes Verhalten lediglich eine gut konstruierte Fassade war.
Unterdessen befand sich Lianes Vater James immer noch auf der chirurgischen Intensivstation des "Redfield Hospital". Unter dem Vorwand, einige Formulare für die Krankenversicherung ausfüllen zu müssen, hatte er sich in den Besucherraum zurückgezogen. Als ein Notfall eingewiesen wurde und sich das gesamte Stationspersonal um den Neuankömmling kümmerte, nutzte James die Gunst der Stunde und kehrte auf leisen Sohlen in Lukes Behandlungszimmer zurück. Nur das gleichmäßige Heben und Senken seines Brustkorbes verriet, dass Luke noch am Leben war, doch auch dem wollte James sobald wie möglich ein Ende setzen. Wie ein Geier schlich er um das Bett herum und blieb schließlich am Fußende stehen. Plötzlich spürte er, dass sein Handy in seiner Manteltasche vibrierte. Als er einen Blick auf das Display warf, erkannte James auf Anhieb, wem die Nummer gehörte. "Ich hatte schon gedacht, du meldest dich gar nicht mehr. Wo steckst du?" fragte er, nachdem er das Gespräch entgegen genommen hatte. "Ich bin in Sicherheit," meldete sich eine Frau am anderen Ende der Leitung. "Perfekt. Du hast übrigens gute Arbeit geleistet: Luke Foster ist so gut wie tot. Besser hätte es nicht laufen können. Ich bin stolz auf dich, Kayla," sagte James mit gedämpfter Stimme. "Es war ein Unfall. Ich hatte das nicht geplant," erwiderte Kayla verängstigt, "außerdem werden sie sicher bald herausfinden, dass ich mit der Tat in Verbindung stehe! Wir konnte ich nur so dumm sein, Lukes Auto zu stehlen!" "Zerbrich dir darüber mal nicht dein hübsches Köpfchen. Um das Auto werden wir uns noch kümmern. Jetzt sorge ich erst einmal dafür, dass Luke das erhält, was er verdient – und zwar einen langsamen, qualvollen Tod." "Ich wünschte, ich könnte dir dabei helfen, nach allem was er mir angetan hat," sagte Kayla mit hasserfüllter Stimme. "Du solltest lieber zur Ruhe kommen. Wir telefonieren morgen," erwiderte James und beendete das Gespräch dann abrupt. Er begab sich neben Lukes Bett und begann langsam, die Sauerstoffzufuhr abzustellen...











