7/I How the Mighty Fall

Im Strandhaus herrschte an diesem Morgen reger Betrieb, da sowohl die regulären Hausbewohner Liane, Jake, Kelly und Jean als auch Luke und Kayla die Nacht dort verbracht hatten. Jake hatte wie gewohnt den Esstisch gedeckt und auch für frischen Kaffee gesorgt. Als Erste erschien Kelly Wyland auf dem Treppenabsatz, die noch recht verschlafen aussah. "Guten Morgen. Und, wie war die erste Nacht im neuen Zuhause?" wollte Jake von ihr wissen, während er einen Korb mit Brötchen in der Mitte des Tisches platzierte. "Ungewohnt, aber keinesfalls schlecht. Vom Rauschen der Wellen geweckt zu werden, ist jedenfalls eine ganz neue Erfahrung," lächelte sie und setzte sich danach auf einen der Stühle. Kurz darauf kamen auch Liane Connor und Luke Foster aus dem ersten Stockwerk hinunter. "Hallo allerseits. Hmm, das duftet aber verführerisch," freute sich Liane, als ihr der Kaffeeduft in die Nase stieg. Schließlich schloss sich auch noch Kayla Evans der Frühstücksrunde an. Diese setzte sich demonstrativ an die andere Seite des Tisches und saß Luke somit genau gegenüber. "Geht’s dir heute wieder etwas besser?" erkundigte sich Liane bei ihrer Freundin. "Naja, sagen wir lieber, den Umständen entsprechend." Kayla setzte eine leidende Miene auf und ließ sich von Jake eine Tasse Kaffee einschütten. "Vielleicht sollte sich Luke noch einmal deine Verletzungen im Gesicht ansehen. Sicher ist sicher. Was meinst du, Luke?" wandte sich Liane an ihren Verlobten. "Ich sehe keinen Grund dazu," erwiderte Luke abweisend, worauf Liane Kayla einen überraschten Blick zuwarf. Auch Kelly und Jake kam diese Reaktion komisch vor. Die ohnehin schon merkwürdige Situation wurde noch getoppt, als Jean Voltaire die Treppe hinunterkam. Doch statt seinen Mitbewohnern auch nur einen Blick zu widmen, sah er stur geradeaus und machte er sich schnurstracks auf den Weg zur Haustür, wodurch er anschließend das Strandhaus verließ. "Was geht denn mit dem ab? Wer ist das überhaupt?" wunderte sich Kelly, die Jean in dieser Minute zum ersten Mal gesehen hatte. "Ach, war das etwa Jacques?" "Sein Name ist Jean – aber das tut nichts zur Sache. Gewöhn dich daran, von ihm ignoriert zu werden," erwiderte Liane in einem sarkastischen Tonfall. "Hat das auch einen bestimmten Grund?" "Vermutlich nicht. Aber wen interessiert das schon? Wenn er meint, ein Geheimnis um seine Person zu machen – von mir aus." "Früher oder später kommt jedes Geheimnis heraus," fügte Kayla hinzu und ihr und Lukes Blick trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde. Luke wusste genau, worauf sie anspielte, und ihm wurde erneut klar, dass er Kayla so schnell wie möglich loswerden musste...



Starring
Jennifer Gareis as Liane Connor
Johnny Messner as Luke Foster
William deVry as Jean Voltaire
Kim Raver as Maria Zavigo
Alex Dimitriades as Steve Morena
Timothy Adams as Jake Webb
Sydney Penny as Silvia Shoon
Molly Sims as Kelly Wyland
Sharon Case as Nancy Gray
Romany Malco as Chris Monroe
Nia Long as Victoria Harris
Guest Starring
Patrick Duffy as Jacob Zavigo
Natalie Imbruglia as Kayla Evans
Adam Kaufman as Robert Holden

Victoria Harris war an diesem Morgen zum Nachtclub "Venom" gefahren, da sie einen ihrer teuren Ohrringe vermisste, den sie am Abend von Lianes Geburtstagsparty getragen hatte. Da sie beschlossen hatte, noch länger als geplant in South Beach zu bleiben, hatte sie sich mittlerweile einen schicken Leihwagen besorgt, den sie nun direkt vor dem Club parkte. Der Eingang war jedoch fest verschlossen, da das "Venom" in der Regel erst nach 20 Uhr öffnete. Victoria überlegte kurz und machte sich dann auf den Weg zum Hintereingang. Dort geriet sie jedoch mitten in ein Wortgefecht von zwei Männern und hielt es für besser, Abstand zu wahren. Den kleineren der beiden kannte Victoria bereits vom Sehen: Es war Chris Monroe, der Barkeeper des "Venom". Der andere war ein gutes Stückchen größer und machte einen schmierigen Eindruck. "Verschwinde endlich, sonst rufe ich die Polizei!" hörte Victoria Chris rufen. "Ich will dich hier nicht mehr sehen, hörst du?" Chris’ Drohungen schienen Erfolg zu haben, denn plötzlich machte der anderen Mann auf dem Absatz kehrt und kam mit schnellen Schritten auf Victoria zu. Ohne sie zu beachten stürmte er an ihr vorbei und rempelte sie dabei so unsanft an, dass sie gegen die steinerne Hauswand gedrückt wurde. Victoria wollte ihm bereits etwas Beleidigendes hinterherrufen, änderte dann aber ihre Meinung, da sie den Mann damit wahrscheinlich nur noch wütender gemacht hätte. "Ist alles in Ordnung?" fragte Chris, der inzwischen auf Victoria aufmerksam geworden war. "Ja, ich denke schon. Wer war das denn?" "Ein Drogendealer," klärte Chris sie auf, "er versucht es immer wieder, hier im Club seine Drogen zu verticken. Sein Stammgebiet ist eigentlich der Ocean Beach Park, aber anscheinend möchte er seinen Kundenstamm erweitern." Victoria konnte Chris’ Verärgerung deutlich spüren. "Was machen Sie eigentlich hier? Wie eine Lieferantin sehen Sie nicht gerade aus," bemerkte Chris und musterte sein Gegenüber gründlich. "Ich habe hier vor ein paar Tagen einen Ohrring verloren. Haben Sie zufällig einen gefunden? Es war ein sehr teures Stück," erklärte Victoria den Grund ihres Kommens. "Da müssten wir mal in meinem Büro nachschauen. Fundstücke aller Art werden von meinen Mitarbeitern normalerweise in einem speziellen Fach gelagert." "Ach, Sie sind hier der Besitzer? Das wusste ich gar nicht." "Das wäre schön," lachte Chris kurz auf, "aber ich bin lediglich der Pächter des Clubs. So, wenn Sie wollen, können wir kurz nach Ihrem Ohrring schauen." "Gerne," erwiderte Victoria und folgte dem glatzköpfigen Mann daraufhin ins Innere des "Venom".

Auf der anderen Seite des Atlantiks war es bereits früher Nachmittag, als Silvia Shoon in ihrem Hotelzimmer die Augen öffnete. Verstört richtete sie sich auf und wunderte sich darüber, dass die Sonne ungehindert auf ihr Bett scheinen konnte. Die Vorhänge vor dem Fenster waren auseinandergezogen. Silvias Kopf dröhnte gewaltig, doch sie konnte sich nicht daran erinnern, was geschehen war. Als sie an ihrem Körper herabschaute, stellte sie mit Schrecken fest, dass sie splitternackt war. "Oh mein Gott," stieß sie entsetzt aus und sah dann, dass die Kleidung, die sie am Vortag getragen hatte, in Fetzen auf dem Fußboden lag. Silvia konnte sich keinen Reim darauf machen und versuchte die Geschehnisse des letzten Tages zu rekonstruieren: Sie hatte mit dem Designer Robert Holden eine Stadtrundfahrt unternommen, anschließend waren sie in einem Restaurant gewesen und er hatte sie schließlich zurück ins Hotel begleitet... "In meiner Position ist es leider nicht so einfach, Frauen kennen zu lernen, die mich nicht nur wegen meines Geldes wollen. Es ist nahezu unmöglich, wenn ich ehrlich bin." "Das glaube ich gerne," nickte Silvia mitfühlend. Plötzlich beugte sich Robert nach vorne und versuchte Silvia zu küssen, doch sie drehte im letzten Augenblick ihren Kopf zur Seite. "Robert..." "Tut... tut mir leid, ich weiß auch nicht...," versuchte er sich zu entschuldigen, doch Silvia unterbrach ihn. "Schon in Ordnung, kein Grund für Unannehmlichkeiten. Ich fühle mich wirklich geschmeichelt, aber da gibt es etwas, was Sie wissen sollten: Ich habe einen Freund." "Oh... das ändert natürlich die Sachlage. Wie gesagt, es tut mir leid." "Schon vergessen," lächelte Silvia, "es tut mir leid, ich will Sie sicher nicht einfach abblitzen lassen." "Sie haben ja auch Ihr Interview noch nicht," erinnerte Robert sie an den eigentlichen Grund ihres Kommens und plötzlich hatte seine Stimme einen bedrohlichen Unterton. "Was soll das denn bedeuten?" fragte Silvia irritiert und versuchte aus seinen Worten schlau zu werden. "Nun, eine kleine Gegenleistung für das Interview wäre doch sicherlich nicht zu viel verlangt, oder?" "Ich fasse es nicht," wurde Silvia nun sauer, "machen Sie, dass Sie verschwinden! Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?" Kopfschüttelnd schloss Silvia die Tür ihres Hotelzimmers auf und knallte diese so schnell wie möglich hinter sich zu... "Hallo? Silvia, sind Sie hier?" rief plötzlich eine männliche Stimme und Silvia wurde aus ihren Gedanken zurück in die Realität geholt. Am Klang der Stimme erkannte sie sofort, dass es sich dabei um Robert handelte. Panisch sprang sie vom Bett auf, hielt sich mit einer Hand das Bettlaken vor ihren nackten Körper und versuchte zur Tür zu hasten, um diese von innen abzuschließen, doch es war schon zu spät: Nur eine Sekunde später stand sie Robert Auge in Auge gegenüber.

Maria Zavigo blätterte gerade die Tageszeitung durch, als Nancy Gray den Salon betrat und sie begrüßte. "Was für ein wunderschöner Tag. Ich glaube, ich werde mich heute einfach nur in die Sonne legen," meinte sie gut gelaunt, doch sie merkte sofort, dass Maria weitaus weniger euphorisch wirkte. "Ist alles in Ordnung? Du siehst irgendwie fertig aus." Maria blickte von ihrer Zeitung auf und atmete einmal tief durch. "Es ist momentan einfach alles ein bisschen viel für mich." "Probleme auf der Arbeit?" hakte Nancy nach. "Ja, das auch. Irgendwie ist zurzeit alles etwas durcheinander und ich habe das Gefühl, es keinem recht machen zu können." "Das hört sich für mich eher nach Beziehungsstress an. Hast du dich etwa mit Steve gestritten?" "Ich würde jetzt lieber nicht darüber reden," versuchte Maria abzublocken und widmete sich wieder ihrer Lektüre. "Wieso? Denkst du, ich würde sofort zu Victoria rennen und ihr alles erzählen? Keine Angst, das werde ich ganz bestimmt nicht machen. Du kannst mir vertrauen, Maria," versuchte Nancy ihr klarzumachen. "Das weiß ich doch," erwiderte Maria, doch hundertprozentig davon überzeugt war sie in Wahrheit nicht. Sie hatte immer noch das Gefühl, dass Nancy trotz ihrer freundlichen Fassade ein falsches Spiel spielte und in Victorias Auftrag handelte. "Hast du in New York eigentlich einen Freund?" lenkte Maria das Thema geschickt in eine andere Richtung. "Nein. Da gibt’s eh kaum scharfe Männer, nur langweilige Studenten oder Börsenmakler. Hier in South Beach sieht das schon ganz anders aus," begann Nancy zu lächeln, "nur gutaussehende Männer, wohin man auch schaut. Der Verlobte von der einen Blondine, die uns vorige Woche auf ihre Geburtstagsparty eingeladen hat, war zum Beispiel zum Anbeißen. Also den würde ich auch nicht von der Bettkante stoßen. Wie hieß er noch? Luke?" "Ja, er ist ganz nett," pflichtete Maria ihr bei. Etwas Anderes blieb ihr auch nicht übrig, denn dass dieser Mann alles andere als pflegeleicht war und sich in psychiatrischer Behandlung befand, konnte sie Nancy schließlich nicht sagen. Ein Blick auf die Wanduhr verriet Maria, dass sie sich langsam für die Arbeit fertigmachen musste. "Es ist schon spät. Ich muss in einer halben Stunde im Krankenhaus sein," entschuldigte sie sich bei Nancy und erhob sich von der Couch. "Kein Problem. Ich werde mir jetzt einen günstigen Platz im Garten suchen und mich dann voll und ganz der Sonne hingeben," lachte Nancy kurz auf und verabschiedete sich von Maria. Diese schaute ihr mit gemischten Gefühlen hinterher.

"Wie lange willst du dieses Spielchen eigentlich noch durchziehen, hmm?" fragte Luke, als er die Küche betrat, wo Kayla gerade die Spülmaschine einräumte. "Ich weiß nicht, wovon du sprichst," stellte diese sich unwissend und drehte sich zu ihm um. "Natürlich weißt du das, du Schlampe. Die blauen Flecken stehen dir übrigens richtig gut – möchtest du noch ein paar mehr davon haben?" lächelte Luke sie eiskalt an und hob sehr deutlich seine geballte Faust hoch. "Luke, diese leeren Drohungen kannst du dir in Zukunft sparen. Ich weiß genau, dass du mir nichts antun kannst, solange ich hier im Strandhaus bin. Nur eine falsche Bewegung und alles wird auffliegen. Ich habe Liane auf meiner Seite." "Dass ich nicht lache! Denkst du etwa, sie würde dir auch nur ein Wort glauben? Liane liebt mich und sie vertraut mir." "Noch, Luke, noch tut sie das... aber wenn Liane erst erfahren hat, dass ihr Verlobter sie mit ihrer Mitbewohnerin betrogen und sie geschwängert hat, wird sich das Blatt vermutlich wenden. Ich warte nur noch auf den perfekten Zeitpunkt – du kannst schließlich nicht 24 Stunden am Tag hier sein und mich überwachen. Tja, sieht wirklich übel für dich aus." "Wenn du glaubst, dass du besonders schlau wärst, dann hast du dich getäuscht, Kayla. Solltest du auch nur ein Wort zu Liane sagen, dann bringe ich dich und das Kind um. Mir liegt absolut nichts an diesem Baby und an dir schon mal gar nicht." "Du hättest nicht den Mut dazu, sonst hättest du es schon längst getan. Du bist nichts als ein kleines Weichei," erwiderte Kayla in einem hasserfüllten Ton. Luke wollte gerade etwas antworten, als er Schritte auf der Treppe hörte und sofort verstummte. "Was ist los? Streitet ihr euch darum, wer den Abwasch machen soll?" stellte Liane amüsiert eine Frage in den Raum, als sie die Küche betrat. "So ähnlich," antwortete Kayla schnell, "Luke ist nur sauer, weil keine Milch mehr da ist. Angeblich soll ich sie ausgetrunken haben." "Wenn das alles ist," lachte Liane kurz auf, "aber keine Sorge, ich wollte sowieso gleich zum Supermarkt fahren. Hat sonst noch jemand einen speziellen Wunsch?" "Nein danke, ich habe alles, was ich brauche," erwiderte Kayla mit einem erhabenen Blick und fokussierte Lukes Augen dabei.

"Hauen Sie ab! Verschwinden Sie oder ich rufe den Sicherheitsdienst!" schrie Silvia aus voller Kehle, als sie Robert Holden in ihrem Hotelzimmer gegenüberstand. "Was um alles in der Welt ist denn los?" fragte dieser entsetzt und machte sofort einen Schritt nach hinten, um aus Silvias Reichweite zu gelangen. "Das fragen Sie noch? Sie verdammter Dreckssack!" "Ich verstehe gerade absolut nichts, tut mir leid," hielt Robert abwehrend beide Hände hoch. "Ich bin gerade erst hergekommen, weil ich mich für meinen gestrigen Auftritt entschuldigen wollte. Und dann habe ich gesehen, dass die Tür von ihrem Hotelzimmer einen Spalt offen stand, also bin ich reingegangen." Silvia zitterte am ganzen Körper, während Robert diese Worte sprach. Erst jetzt bemerkte er, dass sie außer einem Bettlaken nichts am Leib hatte. "Was um alles in der Welt ist denn bloß passiert?" stellte er schließlich die entscheidende Frage, doch Silvia schaute ihn nur mit einem leeren Blick an. "Wenn Sie es nicht waren...," stammelte sie, "dann... oh mein Gott..." Silvia ließ sich erschöpft auf dem Bett nieder und stützte ihren Kopf auf ihren Händen ab, bevor sie bitterlich zu weinen begann. "Ich frage noch einmal: Was ist passiert? Bitte Silvia, Sie müssen es mir sagen," bat Robert sie eindringlich. Silvia versuchte sich schließlich zu beruhigen und schluckte ihre Tränen herunter, bevor sie einen zweiten Anlauf startete, um das Geschehene darzulegen. "Ich kann mich nicht erinnern, was passiert ist. Ich weiß nur noch, dass ich gestern Abend auf der Couch gesessen habe, nachdem ich Sie weggeschickt habe. Danach habe ich einen totalen Blackout. Und als ich heute Morgen wieder zu mir gekommen bin, lag ich nackt auf meinem Bett und meine Kleidung liegt zerrissen auf dem Fußboden." Silvia machte eine kurze Pause und sprach dann mit gebrochener Stimme weiter. "Ich... ich wurde..." "Vergewaltigt?" ahnte Robert schon die grausame Wahrheit und Silvia nickte mit Tränen in den Augen. "Wir müssen sofort zur Polizei gehen, Silvia. Das miese Schwein muss zur Rechenschaft gezogen werden!" rief Robert energisch aus. "Wie soll das denn gehen? Es gibt doch keinerlei Hinweise auf den Täter," jammerte Silvia bitterlich. "In diesem Hotel gibt es doch sicher Überwachungskameras. Außerdem muss der Kerl Fingerabdrücke hinterlassen haben, zum Beispiel auf Ihrer Kleidung. Es gibt genug Mittel und Wege, um die Wahrheit herauszufinden. Ziehen Sie sich rasch etwas über und dann fahren wir los."

Jake hatte es vorgezogen, der angespannten Situation im Strandhaus zu entfliehen, und war stattdessen zu seiner morgendlichen Joggingrunde aufgebrochen. Doch dieses Mal musste er sein Training nicht alleine absolvieren, da Kelly sich ihm ganz spontan angeschlossen hatte. Doch da sie bei weitem nicht so eine gute Kondition wie Jake hatte, war sie schon nach kurzer Zeit ziemlich erschöpft und bat um eine kurze Verschnaufpause. Die beiden ließen sich nebeneinander auf einer Düne am South Beach nieder und schauten hinaus auf den Ozean. "Ich bin vollkommen platt," stöhnte Kelly auf. "Und dabei war das noch nicht mal die Hälfte meiner Tour," machte sich Jake über sie lustig. "Haha. Wenn ich so einen Bizeps hätte wie du, dann würde ich auch ein großes Maul haben," erwiderte Kelly und umfasste mit ihrer linken Hand ungeniert Jakes starke Oberarmmuskeln. "Wow," pfiff sie bewundernd, "was machst du eigentlich beruflich? Lass mich raten, Profiboxer oder Wrestler?" "Sehr witzig. Ich bin Kellner, beziehungsweise Barkeeper." "Schau an. Genau wie mein Ex-Freund." "Ist das etwa dieser Typ aus dem 'Venom'?" fragte Jake und Kelly nickte. "Deshalb war er mir gegenüber so unfreundlich. Ist wohl etwas eifersüchtig, der Gute." "Na ja, er hat es irgendwie immer noch nicht geschnallt, dass ich nichts mehr von ihm will. Aber das zwischen ihm und mir klappte einfach nicht. Ich bin extra wegen ihm aus Vancouver nach Miami gezogen. Tja, und jetzt bin ich hier in dieser Stadt und kenne fast niemanden." "Und wieso gehst du nicht wieder zurück nach Vancouver? Also, nicht dass ich dich wieder loswerden will, es ist nur eine ganz theoretische Frage." "Schon verstanden," lächelte Kelly, "naja, ich hatte nie das beste Verhältnis zu meinen Eltern, also war ich ganz froh, dass ich aus ihrer Reichweite entkommen konnte. Sie sind zwar beide supernette Menschen, aber irgendwie schwimmen wir nicht auf derselben Wellenlänge. Meine Mutter ist Künstlerin und mein Vater Akademiker – sie schweben also beide meistens in anderen Sphären. Aber genug von mir. Was ist mit dir, stammst du gebürtig aus Miami?" "Ja," nickte Jake, "aber mein Leben ist nicht so interessant, als dass es ist lohnen würde, darüber viel zu erzählen." Mit diesen Worten stand er wieder auf und reichte Kelly seine rechte Hand, damit sie sich daran hochziehen konnte. "Auf geht’s. Wir haben noch eine Menge vor uns. Schlapp machen ist nicht drin, verstanden?" "Aye aye, Captain," seufzte Kelly und kurz darauf setzten die beiden ihren Lauf über die schier endlosen Weiten des South Beach fort.

Es kam eher selten vor, dass Jacob Zavigo, Marias Vater, einen freien Tag hatte und diesen dann auch noch zu Hause verbrachte. Denn wenn er nicht seiner nervenaufreibenden Arbeit als Stationsarzt im "Redfield Hospital" nachging, dann entspannte er sich meistens auf dem Golfplatz. Genau wie im Operationssaal war er auch dort ein absoluter Profi, dem niemand so leicht das Wasser reichen konnte. Jacob betrat in diesem Moment die Terrasse des Hauses und sah, dass Steve in der prallen Sonne auf einem der Liegestühle eingeschlafen war. Um ihn vor einem Sonnenbrand zu schützen, spannte Jacob den Sonnenschirm auf, doch durch das Gequietsche des leicht eingerosteten Gestells wachte Steve wieder auf. "Oh tut mir leid, das war nicht meine Absicht," entschuldigte sich Jacob bei ihm und stieß sich noch im nächsten Augenblick den Kopf am Sonnenschirm an, da er vergessen hatte, rechtzeitig zur Seite zu gehen. "Meine eigentlich auch nicht. Ich weiß gar nicht, wieso ich eingeschlafen bin. Aber ich bin in letzter Zeit immerzu müde und erschöpft." "Vielleicht sind das noch Nachwirkungen deines Entzugs." "Aber ich bin doch mittlerweile schon fast vier Jahre clean." "Wenn man einen so exzessiven Kokainmissbrauch hinter sich hat, ist es nicht unüblich, dass man die Nachwirkungen sein ganzes Leben lang spürt. Aber ich will dir jetzt keine Angst machen, Steve. Vermutlich ist es einfach nur die momentane Wetterlage, die sich negativ auf deinen Kreislauf auswirkt. Oder Stress." "Aber mein Leben ist doch gar nicht stressig. Ich meine, mir müsste es doch wunderbar gehen," zuckte Steve unwissend mit den Schultern. "Ich kann mir schon denken, was die Ursache ist. Du stehst unter dem Stress, der perfekte Schwiegersohn für meine Frau Kathleen zu sein – und damit setzt du sich selber unter Druck." "Ich habe das Gefühl, dass sie mich auf alle Ewigkeit hassen wird. Bei meiner Vergangenheit ist das wohl auch kein Wunder. Ich passe einfach nicht in diese soziale Schicht." "Red doch nicht so einen Quatsch, Steve," erwiderte Jacob und setzte sich auf die zweite Liege, "du weißt ganz genau, dass das nicht stimmt. Maria liebt dich von ganzem Herzen, und ich kann nur sagen, dass du der beste Mann für sie bist, den man sich vorstellen kann. Das meine ich hundertprozentig ernst. Ich stand dir zwar am Anfang auch skeptisch gegenüber, aber ich habe schnell gemerkt, dass du ein aufrichtiger und ehrlicher Mensch bist. Du bist ja fast schon so etwas wie mein eigener Sohn. Und irgendwann wird meine Frau das auch merken, da bin ich mir sicher." "Ich wünschte, mein biologischer Vater wäre genauso nett wie Sie." "Man kann sich eben nicht aussuchen, in welche Familie man hineingeboren wird. Dein neues Zuhause ist jetzt hier, und daran wird sich auch nichts ändern," versicherte Jacob ihm. "Ich wünschte, ich könnte mich irgendwie dafür erkenntlich zeigen, was Sie alles für mich getan haben." "Du machst meine Tochter glücklich, Steve. Das alleine reicht vollkommen aus." "Fragt sich nur, wie lange noch," dachte sich Victoria Harris, die unbemerkt von den beiden Männern hinter der Hauswand stand und das gesamte Gespräch belauscht hatte. Die Informationen, die sie in den letzten Minuten erhalten hatte, waren mehr als aufschlussreich gewesen.

Kayla Evans hatte einige Zeit im Badezimmer verbracht und sich ihre Haare gewaschen. Als sie auf den Flur hinausging, kam ihr von der anderen Seite Luke Foster entgegen. Kayla erstarrte für einen Augenblick, da sie fest damit gerechnet hatte, dass er längst ins Krankenhaus gefahren wäre. "Geh mir aus dem Weg," befahl sie in einem harschen Ton, ohne ihm dabei in die Augen zu schauen. "Hast du etwa Angst vor mir? Das solltest auch, du Nutte!" Luke packte Kayla ohne Vorwarnung an den Handgelenken und drückte sie gegen die Wand. "Lass mich sofort los! Du bist so dumm, du weißt doch genau, was passiert, wenn du mir etwas antust. Jeder hier wird sofort wissen, dass du es warst," keuchte Kayla, doch Luke lächelte sie nur eiskalt an. "Das glaubst aber auch nur du. Es ist niemand da, Schätzchen. Nur wir zwei. Ist das nicht unglaublich romantisch?" Luke versuchte Kayla zu küssen, doch sie spuckte ihm stattdessen ins Gesicht. "Das war nicht sehr klug von dir!" zischte Luke und schon im nächsten Moment konnte Kayla seine Faust in ihrem Gesicht spüren. Kayla sank benommen zu Boden, doch nur ein paar Sekunden später versuchte sie ihm krabbelnd zu entkommen. Luke sah ihr amüsiert zu, denn er wusste ganz genau, dass es keinen Ausweg für sie gab. "Du wirst hier nicht mehr lebend herauskommen, das schwöre ich dir!" Luke ging ihr hinterher und zog sie dann an den Haaren nach oben. Kayla schrie entsetzt auf. Unter ihrem rechten Auge hatte sich eine große Platzwunde gebildet und sie konnte das Blut in ihrem Mund schmecken. "Bitte, Luke, lass mich...," flehte sie ihn an, doch er lachte sie nur aus. "Das hast du dir selbst eingebrockt. Aber du wirst mein Leben nicht zerstören." "Das... das Baby... es ist gar nicht von dir...," brachte Kayla nun unter Tränen hervor. "Ich glaube, ich spinne. Verschone mich gefälligst mit diesen Lügenmärchen! Denkst du, ich merke nicht, dass das nur eine Masche ist, um mich um den Finger zu wickeln? Für wie blöd hältst du mich eigentlich?!" "Das ist keine Lüge!" versuchte Kayla ihn zu überzeugen, doch Luke glaubte ihr kein Wort. Stattdessen schubste er sie in Richtung Treppe, wo er sie endgültig hinunterstürzen wollte. Er merkte jedoch nicht, dass Kayla sich mit letzter Kraft am Geländer festgehalten hatte. Gerade in dem Moment, als er ausholte, um ihr den letzten Schlag zu verpassen, drehte sie sich blitzschnell zur Seite. Luke stolperte über Kaylas rechtes Bein, verlor das Gleichgewicht und stürzte kopfüber die Treppe hinunter. Mit einem dumpfen Aufschlag blieb er am unteren Treppenabsatz liegen. Kayla realisierte erst einmal gar nicht, was geschehen war, bis sie schließlich einen Blick über die Brüstung riskierte. Als sie Luke in einer großen Blutlache liegen sah, stieg die Panik in ihr hoch. Doch statt den Notarzt zu rufen, lief sie die Treppe hinunter, wühlte in Lukes Hosentasche und entwendete seine Wagenschlüssel. Nur wenige Augenblicke später hatte Kayla bereits das Strandhaus verlassen und fuhr mit Lukes Wagen davon.

Es dämmerte bereits, als Victoria das Gelände des Ocean Beach Park betrat, der sich am südlichen Zipfel von South Beach befand. Sie trug einen schwarzen Minirock, ein dunkles Oberteil und trotz der einsetzenden Dunkelheit eine verspiegelte Sonnenbrille auf der Nase. Nachdem sie ungefähr fünf Minuten durch die weitläufige Grünanlage gelaufen war, entdeckte sie endlich, nach was, oder besser gesagt, nach wem sie gesucht hatte: Im Schein einer Laterne saß der Mann, den sie an diesem Morgen vor dem "Venom" gesehen hatte, auf einer Holzbank und las zur Tarnung in einer Zeitung. Selbstbewusst ging Victoria auf den Drogendealer zu und setzte sich neben ihn auf die Bank. Die beiden saßen einige Minuten schweigend nebeneinander, bis sich Victoria räusperte. "Ich brauche dringend etwas Stoff," murmelte sie hinter vorgehaltener Hand und der Mann verstand sofort. "Wie viel?" "20 Gramm," erwiderte Victoria fast flüsternd, woraufhin der Mann ein kleines Tütchen aus der Innentasche seiner Jeansjacke hervorzog und es unauffällig in Victorias Richtung schob. Diese nahm die Drogen schnell an sich und legte einen Umschlag neben sich auf die Bank, aus dem mehrere Geldscheine herausguckten. Nachdem sie einige Augenblicke in ihrer Handtasche herumgekramt hatte und so tat, als würde sie etwas darin suchen, stand Victoria auf und entfernte sich mit schnellen Schritten vom Ort des Geschehens.

Gegen 17 Uhr Ortszeit kehrten Silvia und Robert von der Polizeiwache in das Hotel "Fagiani Aureo" zurück. Die Beamten hatten Silvia gründlich zum Tathergang befragt. Zudem wurde eine Untersuchung durchgeführt, um eventuelle DNA-Spuren zu sichern. Auch Robert selbst hatte eine Probe abgegeben, um jegliche Zweifel daran, dass er der Täter sein könnte, aus dem Weg zu räumen. "Ich hoffe, sie schnappen das Schwein. Es ist alles meine Schuld," meinte Robert, während die beiden den Flur hinuntergingen. "Wieso ist das deine Schuld?" fragte Silvia leise. Sie war immer noch mit den Nerven am Ende und konnte sich nur mit Mühe und Not auf den Beinen halten. "Wäre ich gestern Abend nicht so aufdringlich gewesen, dann hätten wir vielleicht noch den Abend miteinander verbracht. Aber nein, ich musste ja den Macho raushängen lassen." "Du kannst überhaupt nichts dafür. Hör bitte auf, dir so einen Quatsch einzureden." Inzwischen waren die beiden vor Silvias Hotelzimmer angekommen, als Robert plötzlich etwas einfiel. "Verdammt, ich habe meine Brieftasche im Wagen liegengelassen. Ich bin gleich wieder zurück." "Beeil dich bitte." "Ich brauche nur eine Minute." Robert ging mit schnellen Schritten den Flur hinunter, während Silvia mit müden Fingern ihre Hoteltüre aufschloss. Sie hatte fast nicht einmal mehr die Kraft, um die Tür aufzudrücken. Als sie in den Wohnraum kam, bemerkte sie sofort, dass hier etwas nicht stimmte: Auf dem Tisch stand ein großer Strauß roter Rosen, der an diesem Morgen noch nicht dagewesen war. Für Silvia war klar: Robert wäre der einzige Mann in Mailand gewesen, der ihr ein solches Geschenk gemacht hätte, doch er hatte den ganzen Tag mit ihr verbracht und konnte deshalb unmöglich in ihr Hotelzimmer gelangt sein. Plötzlich hörte Silvia hinter sich den Boden knarzen und drehte sich erschrocken um. Im Türrahmen stand der Hotelpage, der am vorigen Tage ihre Koffer hochgetragen hatte. "Gefallen Sie Ihnen?" fragte er und kam näher auf Silvia zu. "Was... was machen Sie denn hier?" Silvia wären diese Worte fast im Halse steckengeblieben. "Ich will bei Ihnen sein. Sie sind eine so tolle Frau." "Sie sind ja vollkommen durchgeknallt!" wehrte sich Silvia instinktiv, als er seine Hand in ihre Richtung streckte und sie berühren wollte. "Die letzte Nacht war unbeschreiblich schön.... das müssen wir unbedingt wiederholen..." Erst als Silvia diese Worte vernahm, konnte sie den gesamten Zusammenhang erkennen. Sie wollte losschreien, doch der Mann hielt ihr blitzschnell eine Hand vor den Mund. In der anderen Hand hielt er einen Revolver, den er zuvor verborgen gehalten hatte. Diesen setzte er an Silvias Schläfe an. "Wir gehören zusammen – für immer und ewig," flüsterte er der angsterfüllten Silvia ins Ohr...

Letzte Aktualisierung: 22.08.2010

Charaktere

Slide Slide Slide