6/I The Lion’s Den
Mittlerweile war es stockfinstere Nacht in Miami. Es ging es auf drei Uhr zu und die Gäste von Lianes Geburtstagsfeier brachen langsam nach Hause auf. "Es war wirklich ein sehr gelungener Abend. Vielen Dank für die Einladung," bedankte sich Nancy Gray bei Liane und hakte sich dann bei ihrer Freundin Victoria Harris ein, bevor die beiden Frauen das "Venom" verließen und leicht schwankend ins Freie traten. Auch Steve verabschiedete sich bei Liane mit einem kurzen Küsschen auf die Wange, was dessen Freundin Maria natürlich absolut nicht passte. Demonstrativ behandelte sie Liane wie Luft und ging ebenfalls nach draußen. Steve folgte ihr ein paar Augenblicke später und kurz darauf stiegen die beiden gemeinsam mit Nancy und Victoria in ein Taxi, dass sie zurück nach Bay Point bringen sollte. "Sie hasst dich," bemerkte Jake Webb in einem trockenen Ton, als er neben Liane auftauchte. "Meinst du das ernst? Sie kennt mich doch gar nicht," erwiderte Liane etwas irritiert. "Nun, wahrscheinlich denkt sie, dass du es auf ihren Freund abgesehen hast." "So ein Quatsch," stritt Liane es vehement ab, "außerdem weiß sie ganz genau, dass ich mit Luke verlobt bin." "Apropos Verlobter – wo steckt der eigentlich?" fragte Jake und schaute sich zu allen Seiten um. "Das ist eine gute Frage. Ich habe Luke schon seit einer ganzen Weile nicht mehr gesehen." "Willst du damit etwa sagen, dass er einfach nach Hause gegangen ist?" Liane zuckte mit den Schultern. "Vielleicht war er müde. Ich weiß es nicht." "Selbst dann hätte er dir Bescheid sagen können. Tut mir leid, aber es ist mir schleierhaft, wieso du nach so langer Zeit immer noch mit ihm zusammen bist, obwohl er dich ständig wie die zweite Wahl behandelt." Normalerweise würde Jake solch harte Worte nicht von sich geben, doch auch er war nicht mehr ganz nüchtern, so dass es ihm wesentlich leichter fiel, seine Meinung aussprechen. Gerade als Liane antworten wollte, kam Chris Monroe auf die beiden zu. "Ich muss euch jetzt bitten zu gehen. Ich würde den Laden für heute gerne dichtmachen." Während er diese Worte aussprach, schaute er Jake mit einem finsteren Blick an, denn er hatte mitbekommen, dass sich Jake längere Zeit mit seiner Ex-Freundin Kelly Wyland unterhalten hatte. "Natürlich," nickte Liane verständnisvoll, "wir waren heute Abend sicher nicht das letzte Mal hier. Es hat mir sehr gut gefallen." "Das hört man gerne," setzte Chris ein künstliches Lächeln auf, da er gut darauf verzichten konnte, Jake noch einmal wiederzusehen. Nachdem Liane und Jake gegangen waren, schloss Chris die Eingangstür ab und räumte noch ein bisschen auf, bevor er selber den Weg nach Hause antrat.
Starring
Jennifer Gareis as Liane Connor
Johnny Messner as Luke Foster
William deVry as Jean Voltaire
Kim Raver as Maria Zavigo
Alex Dimitriades as Steve Morena
Timothy Adams as Jake Webb
Sydney Penny as Silvia Shoon
Molly Sims as Kelly Wyland
Sharon Case as Nancy Gray
Romany Malco as Chris Monroe
Nia Long as Victoria Harris
Guest Starring
Natalie Imbruglia as Kayla Evans
Adam Kaufman as Robert Holden
John Slattery as James Connor
Das Radio schallte laut aus der Küche, als Liane am nächsten Morgen die Treppe im Strandhaus herunterkam. Sie war gerade erst aufgestanden und trug nur einen weißen Bademantel. "Guten Morgen," begrüßte Jake sie. Er deckte gerade den Esstisch im Wohnzimmer. "Morgen. Ich hoffe, du hast Kaffee gekocht. Ich könnte eine starke Dosis Koffein vertragen," stieß Liane in einem jammernden Ton aus und ließ sich auf einem Stuhl nieder. "So viel hast du doch gestern gar nicht getrunken?" wunderte sich Jake. "Das stimmt, aber ich habe kaum geschlafen," erwiderte Liane mit einem müden Blick in den Augen. "Wegen Luke." "Mit ihm hat das nichts zu tun. Ich war nur so aufgedreht von der Party." "Na klar," meinte Jake mit unüberhörbarer Ironie in der Stimme. Er ging zurück in die Küche und kam mit der Kaffeekanne zurück. Während er Liane das dampfende Getränk in eine Tasse goss, lehnte sich Liane zurück und beobachtete, wie sich die Tasse langsam füllte. "Sag mal, eins von den Schlafzimmern steht doch zurzeit immer noch leer, oder?" fragte Jake schließlich zögerlich. "Ja, das tut es. Und bald ist noch ein weiteres Zimmer frei, wenn ich diesen arroganten Jean vor die Tür setze. Aber worauf willst du hinaus?" "Ich habe gestern im 'Venom' diese Kellnerin kennen gelernt... ihr Name ist Kelly, und sie ist auf der Suche nach einer neuen Wohnung. Naja, ich habe ihr dann von unserem Haus erzählt." "Von meinem Haus, meinst du wohl." "Wie auch immer. Auf jeden Fall habe ich ihr meine Nummer gegeben. Hättest du denn etwas dagegen, wenn sie hier einziehen würde?" "Du kennst diese Person doch gar nicht." "Ich weiß, aber sie war mir auf Anhieb sympathisch. Ich würde ihr so gerne helfen." "Ich habe ja schon immer gesagt, dass du zu gut für diese Welt bist," seufzte Liane und überlegte einen Moment. "Naja, wieso eigentlich nicht. Je mehr Leute einen Teil zur Miete besteuern, desto billiger wird es für jeden Einzelnen," stimmte sie schließlich Jakes Vorschlag zu. "Danke, Liane," freute sich Jake sichtlich, "dann werde ich sie gleich nach dem Frühstück anrufen."
Ruckartig zog Maria Zavigo die Vorhänge im Gästehaus der Zavigos auseinander und hätte dabei fast die Gardinenstange aus ihrer Verankerung gerissen. "Bist du schlecht drauf?" fragte ihr Freund Steve Morena, der in diesem Moment frisch rasiert aus dem Badezimmer kam. Der herbe Duft seines Rasierwassers durchzog das Zimmer und stieg in Marias Nase. Normalerweise liebte sie diesen Geruch über alles, doch an diesem Tag konnte er seinen Zauber nicht entfalten. "Du merkst aber auch alles," erwiderte Maria gereizt und schnappte sich eine dunkelrote Bluse, die über einer Stuhllehne hing. "Was ist denn los? Hab ich etwas falsch gemacht?" fragte Steve. Er blieb vor dem Doppelbett stehen und legte seine Stirn in Falten, während er auf eine Antwort wartete. "Vielleicht ist es dir nicht aufgefallen, aber du hast mich gestern Abend nicht ein einziges Mal gefragt, ob ich mit dir tanzen möchte. Aber wahrscheinlich warst du viel zu sehr damit beschäftigt, in Lianes Ausschnitt zu starren." "Wie bitte? Maria, du weißt genau, dass ich so etwas nie machen würde." "Ich habe einfach das Gefühl, dass du dich irgendwie zu dieser Frau hingezogen fühlst – aus welchen Gründen auch immer," versuchte Maria ihren Standpunkt zu erklären. "Du willst einen Grund? Den kann ich dir nennen: Seitdem ich hier bei dir und deiner Familie wohne, hatte ich kaum Kontakt zur Außenwelt. Ich hatte nie die Gelegenheit dazu, weil ich keine neuen Leute kennen lernen konnte, da meine Vergangenheit nicht publik werden durfte. Jetzt habe ich endlich einmal eine Person gefunden, mit der ich mich unterhalten kann, und du versuchst sofort alles, um mir die Sache madig zu machen. Findest du das gerecht?" "Hier ist schon lange nichts mehr gerecht, Steve. Denkst du, ich mache das absichtlich, dass ich dich von der Außenwelt abschotte? Ich mache das, um meine Familie zu schützen, vor Victoria und allen möglichen Aasgeiern, die versuchen werden, meine Familie zu zerreißen, wenn die Wahrheit ans Licht kommt." "Vielleicht hättest du mich damals einfach in der Gosse liegen lassen sollen. Dann wäre dein Leben jetzt sicherlich viel einfacher," meinte Steve in einem trockenen Tonfall. "Das ist doch Unsinn, Steve. Du weißt, wie viel du mir bedeutest. Ich habe nur zurzeit das Gefühl, dass mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird." "Das Gefühl kenne ich nur zu gut – und zwar schon seit Jahren," erwiderte Steve, "falls du mich suchst, ich bin im Garten und rede mit den Pflanzen. Ich hoffe, wenigstens dieser Umgang ist mir gestattet." Steve schnappte sich seine Sonnenbrille und machte sich anschließend auf den Weg nach draußen, während Maria verzweifelt in der Mitte des Raums stehen blieb.
Während in Miami gerade erst der Morgen angebrochen war, ging es auf der anderen Seite des atlantischen Ozeans schon auf den späten Nachmittag zu. Silvia Shoon hatte gehörig mit dem Jetlag zu kämpfen, doch sie durfte keine Müdigkeit vorschützen. Immerhin war diese Reise nach Mailand ihre einmalige Gelegenheit, auf der Karriereleiter noch eine Stufe nach oben zu klettern. Vom Flughafen aus war Silvia mit dem Taxi zum Hotel "Fagiano Aureo" gefahren, wo sie nur eine knappe halbe Stunde Zeit hatte, in ihr Zimmer einzuchecken und sich ein wenig frisch zu machen, da ihr Termin mit Robert Holden schon recht bald stattfinden sollte. "Stellen Sie den Koffer einfach dort neben das Bett," dirigierte Silvia den Hotelpagen, der sich mit dem unförmigen schwarzen Gestell bis in den dritten Stock abgemüht hatte. Der Fahrstuhl war an diesem Tag ausgefallen, doch Silvia deutete dies nicht als schlechtes Omen. So etwas konnte schließlich jederzeit passieren. "Das ist für Sie." Silvia reichte dem Pagen ein paar Dollarscheine und kramte dann in ihrer Handtasche nach ihren Schminkutensilien. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass der Hotelpage noch immer in ihrem Zimmer stand. "Ist noch etwas?" fragte sie misstrauisch, denn sie konnte sich nicht vorstellen, was er von ihr wollte. "Ich... äh... ich habe nur ihr Haar bewundert. Es ist unglaublich schön," stammelte der junge Mann, der gerade Anfang 20 sein musste, und errötete leicht, nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte. "Oh, vielen Dank," erwiderte Silvia überrascht, doch sie wusste nicht recht, was sie dazu noch sagen sollte. "Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich hätte jetzt gerne meine Ruhe," sagte sie schließlich mit einem gewissen Nachdruck in der Stimme. "Natürlich, natürlich," sagte der Mann schnell, "einen schönen Tag wünsche ich noch." Kurz darauf öffnete er hastig die Tür und verschwand auf den Hotelflur. Silvia konnte sich ein kurzes Kichern nicht verkneifen, denn die ganze Situation war einfach zu absurd. Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass sie nicht mehr viel Zeit hatte. Nun musste sie sich sputen, um nicht zu spät zu dem Termin mit Holden zu kommen.
"Heute bin ich pünktlich," meinte Kelly Wyland schon beinahe triumphierend, als sie an diesem Morgen das "Venom" betrat. "Wie heißt es so schön, einmal ist kein Mal," erwiderte Chris Monroe in einem trockenen Tonfall und ging an ihr vorbei, um die Lichtanlage zu testen. Am gestrigen Abend hatten sich zwei Glühbirnen verabschiedet und Chris hatte sie ersetzen müssen. "Deine Laune ist auch wieder göttlich. Hat wohl gestern keine Dame angebissen, wie?" wollte Kelly wissen, während sie es sich auf einem der Barhocker bequem machte. "Du hattest in der Hinsicht wohl mehr Glück." "Ich? Wie meinst du das?" "Ach komm, ich hab’s doch genau gesehen. Der blonde Surfertyp. Ihr habt sogar eure Nummern ausgetauscht." Chris bemühte sich redlich, nicht eifersüchtig zu klingen, aber es gelang ihm nicht. "Ich glaube, du verwechselst da etwas. Du weißt doch, dass ich schon seit Ewigkeiten nach einer neuen Wohngelegenheit suche. Und das hat der Typ gesehen und wir sind darüber ins Quatschen gekommen. Er hat mir von dem Haus am Strand erzählt, in dem er wohnt. Da ist wohl noch ein Zimmer frei." "Das ist ja eine ganz neue Abschleppmasche, die muss ich mir unbedingt merken," lachte Chris kurz auf. "Du glaubst mir also nicht – dein Problem," meinte Kelly schnippisch und knabberte an einer Salzstange. "Du willst doch nicht ernsthaft mit jemandem zusammen ziehen, den du gar nicht kennst?" "Mit wem soll ich denn sonst zusammen ziehen, wenn nicht mit jemand Fremden? Du weißt doch selbst, dass ich in dieser Stadt niemanden kenne." "Bin ich etwa niemand? Meine Wohnung hat auch zwei Schlafzimmer," fragte Chris leicht gekränkt, doch Kelly schüttelte den Kopf. "Vergiss es. Wir passen nicht zueinander. Unsere Beziehung hat nicht funktioniert, also würde ein Zusammenleben garantiert auch nicht funktionieren." "Habe ich denn keine zweite Chance verdient?" "Chris, bitte lass uns das Thema nicht schon wieder durchkauen. Ich arbeite wirklich gerne mit dir zusammen, aber mehr auch nicht. Akzeptiere es endlich. Ich habe keine Lust, dieses Theater noch länger mitzumachen." Mit diesen Worten stand Kelly von ihrem Barhocker auf und verzog sich ins Hinterzimmer der Bar, um sich für die Arbeit umzuziehen. Chris blieb mit einem geknickten Blick neben dem kaputten Scheinwerfer stehen.
Maria hatte sich einige Akten unter den Arm geklemmt und hielt in der anderen Hand einen Coffee-to-go, während sie den Flur des Krankenhaus hinunterging und zielstrebig auf ihr Büro zusteuerte. Wie es der Zufall wollte, begegnete sie dort Luke Foster, der wie ein Tiger vor der Tür auf- und ablief. "Luke, was machen Sie denn hier?" wunderte sich Maria. "Ich... ich... also," begann Luke zu stammeln. Er war drauf und dran, Maria alles von seinem Ausraster am vorigen Abend zu erzählen, doch in letzter Sekunde realisierte er, dass er damit einen großen Fehler begangen hätte. "Tja, ähm, ich wollte eigentlich nur wissen, wie Ihnen die Dinnerparty gestern gefallen hat." "Deswegen sind Sie extra hergekommen?" fragte Maria misstrauisch. "Sagen Sie mir doch einfach den wahren Grund, anstatt sich hinter irgendwelchen Ausreden zu verstecken. Da fällt mir ein, ich habe Sie gestern Abend ziemlich schnell aus den Augen verloren." "Es gab einen Notfall und ich musste sofort in die Notaufnahme fahren," log Luke sie schamlos an, ohne dabei rot zu werden, "die Tücken des Bereitschaftsdienstes." "Naja, Liane hatte auch ohne Sie ihren Spaß. Mein Freund ist den ganzen Abend nicht von ihrer Seite gewichen," erzählte Maria und bemühte sich dabei, nicht eifersüchtig zu klingen. "Wie soll ich das verstehen?" fragte Luke irritiert. "Ach, schon gut. Vielleicht steigere ich mich da auch nur in etwas hinein. Es ist momentan alles etwas kompliziert bei uns. Vergessen Sie am besten, was ich gerade gesagt habe. Können Sie mal kurz halten?" Ohne eine Antwort abzuwarten drückte Maria Luke ihren Kaffeebecher in die Hand und fummelte dann nervös mit ihrem klobigen Schlüsselbund am Türschloss herum. Es dauerte einige Momente, bis sie das Loch getroffen hatte und die Tür sich nach innen öffnete. "Haben Sie mir noch etwas zu sagen oder hat sich unser Gespräch erledigt?" wollte sie schließlich von ihm wissen und nahm ihm den Becher wieder ab. "Ich... ja, ich... ich denke schon. Wir sehen uns dann bei der nächsten Sitzung." "In Ordnung. Bis dann." Maria verabschiedete sich hastig von Luke und schloss die Tür ihres Büros hinter sich. Mit einem tiefen Seufzer ließ sie die Akten auf ihren Schreibtisch gleiten und lehnte sich dann gegen den Türrahmen, um tief durchzuatmen. Sie wusste ganz genau, dass sie sich nicht auf ihre Arbeit konzentrieren konnte – ihre Gedanken kreisten um ganz andere Dinge und diese Dinge begannen ihr langsam den letzten Nerv zu rauben.
Inzwischen war es Mittag geworden und Liane betrat das Gebäude, in dem sich die Firma ihres Vaters befand: "Connor Enterprises". Liane hatte sich nie dafür interessiert, in welcher Branche ihr Vater eigentlich tätig war – die Hauptsache war schließlich, dass er genug Geld verdiente, um seiner Tochter einen angenehmen Lebensstil zu ermöglichen. "Hallo Paul," winkte sie dem Portier kurz zu und ging dann zum Fahrstuhl, um damit in die Chefetage zu fahren. Dort angekommen, ging sie schnurstracks auf das Büro ihres Vaters zu, welches am Ende des langes Flures gelegen war. Die Tür war nur angelehnt und Liane konnte zwei männliche Stimmen vernehmen: Die eine gehörte zu ihrem Vater – und die andere zu Jean, ihrem neuen Mitbewohner. "Auch das noch," verfinsterte sich Lianes Miene. Nicht genug, dass sie Jean zu Hause stetig über den Weg laufen musste, nein, nun musste sie ihn auch noch hier treffen. Gerade als sie an die Tür klopfen wollte, öffnete sich diese von innen und Jean stand vor ihr. Er schaute sie nur kurz an, doch anstatt etwas zu sagen, ging er wortlos an ihr vorbei. Liane verzog angesäuert ihr Gesicht und ging dann ins Büro ihres Vaters. "Hallo Dad." "Liane? Was machst du denn hier?" fragte James Connor, als er seine Tochter im Türrahmen erblickte. "Das ist doch wohl nicht dein Ernst. Wir waren zum Mittagessen verabredet, hast du das etwa vergessen?" "Oh nein," langte sich James an den Kopf, "ich habe es tatsächlich verschwitzt. Aber ich habe zurzeit einfach viel zu viel zu tun. Da vergisst man schon das ein oder andere." "Dann fällt unser Essen also aus." "Es tut mir leid, mein Engel. Wir holen das nach, versprochen." James ging um seinen Schreibtisch herum und ließ sich in dem schwarzen Chefsessel nieder. "Wie läuft eigentlich dein Zusammenleben mit Jean?" "Furchtbar – reicht das als Antwort?" erwiderte Liane genervt. "Wieso denn das? Er ist doch ein anständiger junger Mann mit Manieren und Etikette. Und noch dazu ein Fachmann auf seinem Gebiet." "Moment, sprechen wir von derselben Person? Der Jean, den ich kenne, würde niemals freiwillig mit mir reden. Er ist unhöflich, rüpelhaft und arrogant. Ja, ich glaube diese drei Attribute beschreiben ihn perfekt." "Das kann ich mir ganz und gar nicht vorstellen," winkte James ab, "ich bin mir sogar sehr sicher, dass du und Jean ein ganz zauberhaftes Paar abgeben würdet." "Oh bitte, das kann doch wohl nicht dein Ernst sein, Dad. Alleine schon bei der Vorstellung daran wird mir übel. Naja, ich werde dann auch wieder gehen. Überarbeite dich nicht, Dad. Ich habe keine Lust dich im Krankenhaus zu besuchen, nachdem du einen Herzinfarkt hattest." Liane warf ihrem Vater noch einen Luftkuss zu und verließ dann wieder das Zimmer. James Connor lehnte sich in seinem Sessel zurück und legte nachdenklich seine Stirn in Falten. Er musste seinen ausgeklügelten Plan schleunigst in eine neue Bahn lenken. Entschlossen griff James zum Telefon und wählte eine ihm gut bekannte Nummer.
"Silvia, es ist so schön, Sie wiederzusehen," begrüßte Robert Holden Silvia mit einem charmanten Handkuss, als sie endlich zum Interviewtermin in einem kleinen Café in der Altstadt von Mailand erschien. "Es tut mir leid, dass ich etwas zu spät bin," entschuldigte sich Silvia. "Aber, aber, was sind denn schon zehn Minuten?" winkte der Designer amüsiert ab. "Sie sind hier in Südeuropa, hier ticken die Uhren ohnehin etwas anders. Die Menschen hier nehmen alles etwas lockerer, davon sollten wir uns eine Scheibe abschneiden. Stress ist nur etwas für Pessimisten." "Gut, dass ich das jetzt weiß," lächelte Silvia und fischte in ihrer Handtasche nach ihrem Diktiergerät, mit dem sie das Interview aufzeichnen wollte. "Wollen Sie jetzt etwa schon das Interview beginnen?" fragte Robert und Silvia schaute ihn verwundert an. "An was hatten Sie sonst gedacht?" "Nun, wir könnten vorher eine Kleinigkeit essen. Ich würde Ihnen auch liebend gerne die Stadt zeigen. Sie haben doch sicher noch nichts gesehen außer Ihrem Hotelzimmer." "Nein, aber ich bin ja auch erst seit ein paar Stunden im Lande." "Es würde mich stolz machen, eine so schöne Frau wie Sie ausführen zu dürfen. Man wird mich allerorts für meine Begleitung beneiden." Silvia wusste keine bessere Reaktion, als weiter zu lächeln. Robert war nun schon der zweite Mann in so kurzer Zeit, der sie mit Komplimenten überhäufte. Sie wusste nicht recht, was sie von dem Rummel um ihre Person halten sollte. Trotzdem stimmte sie letztendlich Roberts Vorschlag zu, sich von ihm die Stadt zeigen zu lassen. Das Interview konnte schließlich noch etwas warten.
"Hallo! Schön, dass du gekommen bist," freute sich Jake sichtlich, als Kelly gegen Nachmittag beim Strandhaus auftauchte. Sie hatte ihre langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Dazu trug sie eine hautenge Jeans und ein bauchfreies schwarzes Top, wodurch ihre weiblichen Reize äußerst gut zur Geltung kamen. "Die pure Verzweiflung treibt mich," erwiderte Kelly scherzhaft und schaute sich neugierig um, während sie gemeinsam mit Jake ins Innere des Hauses ging. "Du hast wirklich nicht viel zu versprochen. Die Lage ist top. Was Besseres findet man so schnell nicht." "Ja, wo sonst kann man schon direkt am Strand wohnen und gleichzeitig noch ziemlich nahe am Ocean Drive? Und Touristen gibt es an dieser Ecke des Strandes kaum. Es ist quasi wie im Paradies." "Bei so einem Angebot kann man ja schon fast gar nicht mehr ablehnen. Und deine Mitbewohner haben wirklich nichts dagegen?" wollte Kelly wissen und Jake schüttelte den Kopf. "Es ist alles abgesprochen. Liane – ihr gehört das Haus – hat keinerlei Probleme damit. Im Gegenteil, sie ist froh, wenn das Zimmer endlich vermietet ist." "Okay, aber eine Sache muss ich unbedingt noch klären. Ich werde nicht mit dir schlafen," sprach Kelly ungehemmt aus und Jake schaute sie für einen Augenblick entsetzt an. "Wie... wie kommst du denn auf so was?" "Ich will dir garantiert nichts unterstellen, aber ich habe bisher selten einen Mann getroffen, der einer Frau gegenüber keine Hintergedanken hat," erwiderte Kelly schnippisch. "Vielleicht sollte ich dann auch etwas klarstellen: Ich habe eine Freundin, und das schon seit vielen Jahren. Ihr Name ist Silvia." Dass seine und Silvias Beziehung bereits seit einiger Zeit nicht gerade die stabilste war, verschwieg Jake ihr lieber. "Und wo ist sie jetzt?" "Vermutlich in ihrer Wohnung." "Und sie hat keinerlei Probleme damit, dass du wildfremde Frauen dazu einlädst, mit dir zusammenzuziehen? Wieso wohnt sie denn eigentlich nicht hier?" "Wir... ja okay, wir haben zurzeit ein paar Probleme," platzte es schließlich doch aus Jake heraus, "aber das hat rein gar nichts damit zu tun, dass ich dir das Zimmer angeboten habe. Ich wollte einfach nur nett sein. Aber gut, wenn du denkst, dass ich ein notgeiler Bock bin, dann habe ich mein Ziel wohl verfehlt." "Du bist süß, wenn du dich aufregst," begann Kelly zu grinsen und Jake schaute sie erneut verstört an. "Ist es okay, wenn ich meine Sachen morgen schon vorbei bringe? Ich kann es kaum erwarten, endlich aus diesem Drecksloch rauszukommen." Kelly lachte Jake frech ins Gesicht und dieser konnte nicht anders als auch zu lachen.
"Ich hoffe, es hat Ihnen genauso viel Spaß gemacht wie mir," meinte Robert, als er Silvia noch bis zur Tür ihres Hotelzimmers brachte. Die beiden hatten den ganzen Nachmittag mit einer Stadtrundfahrt durch Mailand verbracht. "Es war einfach traumhaft," versicherte Silvia ihm und ihre Augen leuchteten dabei regelrecht auf. "Es ist lange her, dass ich... dass ich mir etwas Entspannung gegönnt habe." "Zu viel Stress ist nicht gut für so hübsche Frauen wie Sie," lächelte Robert charmant, "wir Männer wollen schließlich noch lange etwas von Ihrem Anblick haben." "Sie sind wirklich ein großartiger Schmeichler. Ich bin mir sicher, dass schon eine Menge Frauen auf diese Masche reingefallen sind." "Sie haben mich durchschaut," begann Robert zu grinsen, doch schon ein paar Sekunden darauf wurde er wieder ernster. "In meiner Position ist es leider nicht so einfach, Frauen kennen zu lernen, die mich nicht nur wegen meines Geldes wollen. Es ist nahezu unmöglich, wenn ich ehrlich bin." "Das glaube ich gerne," nickte Silvia mitfühlend. Plötzlich beugte sich Robert nach vorne und versuchte Silvia zu küssen, doch sie drehte im letzten Augenblick ihren Kopf zur Seite. "Robert..." "Tut... tut mir leid, ich weiß auch nicht...," versuchte er sich zu entschuldigen, doch Silvia unterbrach ihn. "Schon in Ordnung, kein Grund für Unannehmlichkeiten. Ich fühle mich wirklich geschmeichelt, aber da gibt es etwas, was Sie wissen sollten: Ich habe einen Freund." "Oh... das ändert natürlich die Sachlage. Wie gesagt, es tut mir leid." "Schon vergessen," lächelte Silvia, "es tut mir leid, ich will Sie sicher nicht einfach abblitzen lassen." "Sie haben ja auch Ihr Interview noch nicht," erinnerte Robert sie an den eigentlichen Grund ihres Kommens und plötzlich hatte seine Stimme einen bedrohlichen Unterton. "Was soll das denn bedeuten?" fragte Silvia irritiert und versuchte aus seinen Worten schlau zu werden. "Nun, eine kleine Gegenleistung für das Interview wäre doch sicherlich nicht zu viel verlangt, oder?" "Ich fasse es nicht," wurde Silvia nun sauer, "machen Sie, dass Sie verschwinden! Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?" Kopfschüttelnd schloss Silvia die Tür ihres Hotelzimmers auf und knallte diese so schnell wie möglich hinter sich zu. "Männer!" fauchte sie und warf im Vorbeigehen ihre Handtasche auf die Couch. Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, klopfte es plötzlich an der Tür. Silvia dachte, dass es Robert wäre, und fragte misstrauisch "Wer ist da?" "Zimmerservice, das Abendessen," antwortete die Stimme des Portiers von draußen. "Ach so." Silvia öffnete die Tür und ließ den jungen Mann das Tablett auf den Tisch im Wohnraum stellen. "Ich wünsche guten Appetit." "Danke." Silvia brachte ein gezwungenes Lächeln über die Lippen und steckte ihm noch einen 10-Dollar-Schein zu. Nachdem er gegangen war, setzte sich Silvia auf die Couch und begutachtete das Essen. Eigentlich hatte sie gar keinen Hunger, da ihr die Sache mit Robert auf den Magen geschlagen war. Doch der Duft des gebratenen Fisches stieg ihr in die Nase und schließlich änderte sie ihre Meinung. Nachdem sie jedoch ein paar Bissen gegessen hatte, wurde sie plötzlich sehr schläfrig. Noch bevor sie aufstehen und sich aufs Bett legen konnte, fielen ihr die Augen zu und sie kippte seitlich auf die Couch.
Nachdem ihr Vater ihr gemeinsames Essen aus Zeitgründen abgesagt hatte, war Liane kurzerhand alleine in ein Restaurant gegangen und hatte anschließend noch eine kleine Shoppingtour durch South Beach gemacht. Inzwischen war es schon spät am Abend und Liane wollte sich gerade in ihr Schlafzimmer zurückziehen, als es an der Tür des Strandhauses klingelte. Als sie schließlich die Tür öffnete, traf Liane fast der Schlag, als sie ihre ehemalige Mitbewohnerin Kayla Evans vor sich stehen sah, deren Gesicht grün und blau geschlagen war. "Oh mein Gott! Was ist denn mit dir passiert?" fragte Liane geschockt. Ohne jedoch eine Antwort abzuwarten, bat sie Kayla ins Haus und die beiden Frauen gingen ins Wohnzimmer. "Wer hat dir das angetan?" hakte Liane noch einmal nach, bis Kayla schließlich ihr Schweigen brach. "Der Vater meines Kindes". "Du bist schwanger?" entfuhr es Liane entsetzt und Kayla nickte mit gesenktem Kopf. "Er... er bezeichnet das Kind als Unfall... als ich ihm gesagt habe, dass ich das Kind behalten möchte, hat er mich auf brutalste Weise zusammengeschlagen," begann sie zu schluchzen und Liane nahm sie sofort in den Arm, um sie zu trösten. "Das war also der Grund, warum du hier ausgezogen bist." "Ich dachte, wir hätten eine Zukunft. Wie konnte ich nur so blind sein?" "Jeder Mensch macht Fehler." "Und was soll ich jetzt machen? Wo soll ich denn jetzt hin? Und wie soll ich mich alleine um mein Kind kümmern?" Kayla wirkte einem Nervenzusammenbruch nahe, so dass Liane sie keinesfalls wieder wegschicken konnte. "Du bleibst natürlich erst einmal hier. Gleich morgen früh gehen wir dann zum Arzt," versicherte Liane ihrer Freundin. "Danke." Auf Kaylas Gesicht zeigte sich ein zaghaftes Lächeln. Plötzlich klingelte es erneut an der Tür des Strandhauses. "Moment, ich bin gleich wieder da," meinte Liane und ließ Kayla im Wohnzimmer zurück. "Du?" staunte sie nicht schlecht, als sie ihren Verlobten Luke Foster vor sich erblickte. "Ich weiß, es ist spät, aber ich wollte mich noch dafür entschuldigen, dass ich gestern einfach so verschwunden bin. Es gab einen Notfall im Krankenhaus und ich musste sofort hinfahren." "Das macht doch nichts, Schatz," lächelte Liane und gab ihm einen kurzen Kuss auf den Mund, "aber das ist so süß von dir, dass du extra deswegen vorbei kommst. Komm doch rein. Ich habe allerdings gerade Besuch." "Oh, dann will ich lieber nicht stören." "Das tust du doch nicht. Du kannst oben im Schlafzimmer auf mich warten," schlug Liane vor und Luke nickte zustimmend. Sie drückte ihm noch einen weiteren Kuss auf die Wange und verschwand dann wieder im Wohnzimmer, um sich um Kayla zu kümmern. Luke zog die Haustür hinter sich zu und machte sich auf den Weg ins obere Stockwerk. Doch sobald er ein paar Treppenstufen erklommen hatte, warf er einen kurzen Blick zur Seite und erstarrte vor Schreck, als er Kayla im Wohnzimmer sitzen sah. Am liebsten wäre er sofort auf sie losgegangen und hätte sie hochkant vor die Tür gesetzt, doch das war aufgrund von Lianes Anwesenheit nicht möglich. "1:0 für dich, Schlampe," flüsterte Luke leise zu sich selbst, "aber das Blatt wird sich bald wenden..."











