5/I Birthday Bash

Liane Connor saß an diesem Morgen auf der Veranda des Strandhauses und lauschte den Geräuschen der Wellen, die sich nur wenige Meter von ihr entfernt am Strand brachen. Liane hielt eine Tasse Kaffee in den Händen und der seichte Wind spielte mit ihren langen blonden Haaren. "Sieht ganz nach einem wunderschönen Tag aus," meinte Jake Webb, der nun hinter ihr erschien und ebenfalls ins Freie trat. Er zog sich einen der aus Rattan geflochtenen Stühle heran und ließ sich neben Liane nieder. "Und, wie war’s gestern Abend?" "Es war ganz in Ordnung," erzählte Liane, "aber auch nicht besonders aufregend. Die Familie von Lukes Oberarzt machte allerdings einen sehr netten Eindruck." "Hat Luke sich denn wieder eingekriegt? Ich hatte ehrlich gesagt etwas Angst um dich, nachdem er hier so ausgerastet ist." "Das ist lieb von dir, Jake, aber so ist Luke nun einmal. Er regt sich sehr schnell auf, aber das ist in der Regel nach ein paar Minuten wieder vergessen." "Wenn du es sagst," erwiderte Jake. "Hast du eigentlich noch einmal mit Silvia geredet?" erkundigte sich Liane nun und schaute Jake mit einem fragenden Blick an. "Sie kam gestern Abend während meiner Schicht im 'Riders' vorbei." "Und?" "Nichts und. Ich habe sie ziemlich auflaufen lassen." "So kenne ich dich ja gar nicht," wunderte sich Liane und Jake zuckte lediglich mit den Schultern. "Weißt du, irgendwann ist einfach Schluss. Ich habe jahrelang die zweite Geige in Silvias Leben gespielt, die Arbeit war ihr schließlich immer wichtiger. Ich habe keine Lust mehr ständig auf der Strecke zu bleiben, und das habe ich ihr auch klipp und klar gesagt." "Liebst du sie denn nicht mehr?" "Natürlich liebe ich Silvia immer noch, mehr als alles andere. Aber sie muss einfach merken, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Vielleicht hat ihr das gestrige Gespräch die Augen geöffnet." "Ich hoffe es für euch beide. Ihr gehört einfach zusammen." "Apropos zusammen: Jean war gestern Abend auch im 'Riders' und hat die Bar in Gesellschaft einer äußerst attraktiven Blondine verlassen," wechselte Jake nun das Thema und Liane schaute ihn verdutzt an. "Jean hat eine Freundin?" "Keine Ahnung, aber sie schienen recht vertraut miteinander." "Sehr suspekt, wenn man bedenkt, dass er hier nicht einmal den Mund aufkriegt. Zu meiner Geburtstagsparty im 'Venom' lade ich ihn jedenfalls nicht ein." "Das hätte mich auch schwer gewundert," grinste Jake, "so, ich muss dann auch los. Ich wollte noch joggen gehen." "Aber verausgab dich nicht, sonst kannst du heute Abend nicht mit feiern." "Keine Sorge. Ich lasse mir doch keine Geburtstagsparty von Liane Connor entgehen," zwinkerte Jake ihr zu und verschwand dann wieder im Inneren des Strandhauses. Liane schaute zufrieden auf den Strand hinunter und war in Gedanken bereits bei ihrer Party – und einer ganz bestimmten Person, die sie dort zu treffen erhoffte...



Starring
Jennifer Gareis as Liane Connor
Johnny Messner as Luke Foster
William deVry as Jean Voltaire (credit only)
Kim Raver as Maria Zavigo
Alex Dimitriades as Steve Morena
Timothy Adams as Jake Webb
Lindsay Price as Silvia Shoon
Molly Sims as Kelly Wyland
Sharon Case as Nancy Gray
Romany Malco as Chris Monroe
Nia Long as Victoria Harris
Guest Starring
James Caan as Arthur McGovern
Natalie Imbruglia as Kayla Evans
Kate Linder as Teresa

"Wo zum Teufel hast du gestern Abend gesteckt?" konfrontierte Victoria Harris ihre beste Freundin Nancy Gray, die sich gerade ihre Fingernägel lackierte. "Ich hatte eine wichtige Verabredung," erwiderte Nancy seelenruhig und trug mit allergrößter Sorgfalt die glänzende rote Farbe auf ihren Nägeln auf. "Willst du mich verarschen? Du kennst doch überhaupt niemanden in dieser Stadt!" "Vielleicht habe ich ja in der Zwischenzeit jemanden kennen gelernt? Zum Beispiel übers Internet?" "Sag bloß, du hast dich mit einem Typen getroffen und bist mit ihm in die Kiste gehüpft," fiel bei Victoria langsam der Groschen und sie starrte Nancy ungläubig an. "Was denkst du denn, wo ich sonst letzte Nacht geschlafen habe? Etwa auf einer Parkbank?" verdrehte Nancy die Augen. "Du hättest mir auch ruhig etwas davon sagen können, anstatt dich klammheimlich aus dem Staub zu machen." "Es war eine sehr spontane Entscheidung, aber ich konnte mir diesen heißen Typen nicht durch die Lappen gehen lassen. Kurz gesagt, ich musste mir einfach etwas Spaß verschaffen. Wir sind jetzt schließlich schon eine ganze Weile in Miami, und du scheinst auch überhaupt keine Anstalten zu machen, die Stadt wieder verlassen zu wollen." "Quatsch mit Sauce. Hör zu, ich habe erfahren, dass Steve ein dunkles Geheimnis hat. Das ist die perfekte Gelegenheit, um diese heile Familie gehörig aufzumischen. Und wenn ich es geschickt anstelle, kann ich bestimmt eine Menge Geld erpressen. Die Zavigos sind gewiss nicht arm, die werden schon ein hübsches Sümmchen springen lassen, damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt." "Und um was für ein Geheimnis handelt es sich genau?" wollte Nancy wissen. "Das weiß ich auch noch nicht." "Na großartig." "Aber ich werde es herausfinden, das schwöre ich dir. Es muss auf jeden Fall etwas mit Steves Vergangenheit zu tun haben. Als ich das Gästehaus durchsucht habe, ist mir eine Schachtel mit alten Fotos und Briefen in die Hände gefallen. Leider alles nur in Spanisch." "Du hast das Gästehaus durchsucht? Was ist, wenn dich jemand dabei überrascht hätte?" fragte Nancy entsetzt. "Oh, es hat mich sogar jemand gesehen. Das dämliche Hausmädchen. Aber keine Sorge, die wird schon ihre Klappe halten," erwiderte Victoria selbstsicher. Kaum hatte Victoria dies ausgesprochen, klopfte es an der Tür. "Ja bitte?" rief Nancy und als sich die Zimmertür öffnete, erschien niemand Geringeres als das Hausmädchen Teresa. "Ich bringe Ihnen frische Handtücher," sagte diese. "Oh, vielen Dank. Legen Sie sie einfach auf das Bett." Beim Herausgehen warf Teresa Victoria einen missbilligenden Blick zu, was auch Nancy nicht verborgen blieb, doch Victoria hatte die ganze Zeit ein erhabenes Lächeln auf den Lippen. Nachdem Teresa wieder verschwunden war, wandte sich Victoria wieder an Nancy. "Und, was habe ich gesagt? Die wird sich hüten, auch nur den Mund aufzumachen. Und jetzt werde ich erst einmal eine erfrischende Dusche nehmen." Mit diesen Worten nahm sich Victoria eins von den gerade gebrachten Handtüchern und verschwand damit im Badezimmer.

Auf der anderen Seite der Stadt befand sich der Nachtclub "Venom", welcher sich in den vergangenen Jahren vom absoluten Geheimtipp zu einem der angesagtesten Clubs in ganz Miami gemausert hatte. Wie jeden Vormittag stand der farbige Barkeeper Chris Monroe hinter dem Tresen und kontrollierte den Bestand der alkoholischen Getränke. Seit nunmehr fünf Jahren hielt er diesen Posten inne und war dementsprechend ein Fachmann auf seinem Gebiet. Seine Cocktailkreationen waren in der ganzen Stadt berühmt. "Guten Morgen!" rief plötzlich eine weibliche Stimme und eine blonde Frau kam auf den Tresen zu. Sie legte ihre Handtasche auf der Theke ab und griff nach der Schale mit den Erdnüssen, um sich daran zu bedienen. "Morgen," brummte Chris in einem nüchternen Ton, "du hättest schon vor einer halben Stunde hier sein sollen, Kelly. Der ganze Kram hier erledigt sich schließlich nicht von alleine." "Ich habe verschlafen, es tut mir leid," entschuldigte sie sich bei ihm. "Wenn es das erste Mal wäre, hätte ich vielleicht noch Verständnis," meinte Chris und ging daraufhin in den Hinterraum der Bar. Kelly Wyland schaute ihm kopfschüttelnd hinterher. Sie wusste genau, dass Chris nur deshalb sauer auf sie war, weil sie sich erst vor kurzem von ihm getrennt hatte. Dabei war es ohnehin nur eine offene Beziehung gewesen, in der sie sich ihre Freiheiten lassen wollten. Chris wollte irgendwann mehr als das, doch dazu war Kelly nicht bereit und hatte die Notbremse gezogen. Nun war er verletzt und die Zusammenarbeit im "Venom" war für beide unerträglich geworden. Kelly atmete einmal tief durch und tat dann das, was sie am liebsten in solchen Situationen machte: Sie ging auf die Bühne, die sich auf der rechten Seite des Clubs befand, und stellte sich ans Mikrophon. "Don’t leave me in all this pain, don’t leave me out in the rain..." begann sie die ersten Zeilen von Toni Braxtons Welthit "Unbreak My Heart" zu singen. "Come back and bring back my smile, come and take these tears away, I need your arms to hold me now, the nights are so unkind, bring back those nights when I held you beside me..." Während Kelly das Lied mit geschlossenen Augen und mit ihrer leicht verruchten Stimme von sich gab, kehrte Chris hinter den Tresen zurück und schaute ihr mit einem wehmütigen Blick zu. Ihre Stimme bereitete ihm immer noch eine Gänsehaut und ihm wurde erneut klar, dass er sie immer noch liebte.

Maria Zavigo hatte es sich auf einer Liege im Garten bequem gemacht und war in ein spannendes Buch vertieft, als ihr Freund Steve Morena zu ihr nach draußen kam. "Hey," begrüßte er sie knapp und sie schaute von ihrem Buch auf. "Hey. Wolltest du nicht den Wagen auswaschen? Das kannst du doch unmöglich schon geschafft haben," wunderte sich Maria. "Habe ich auch nicht. Mir ist nur gerade eingefallen, dass ich ganz vergessen habe, dir etwas zu erzählen." "Was denn?" "Liane hat uns zu ihrer Geburtstagsparty heute Abend eingeladen," erzählte Steve und setzte sich gleichzeitig auf die zweite Liege. "Bitte? Das ist doch wohl ein Witz, oder? Ich meine, die kennt uns doch gar nicht." "Nein, das ist kein Witz. Vielleicht will sie uns ja näher kennen lernen." "Oder sie hat keine anderen Freunde, die sie einladen könnte. Wundern würde es mich jedenfalls nicht," erwiderte Maria schnippisch. "Ach komm, sei nicht so mies zu ihr. Ich fand sie eigentlich ganz nett. Also, gehen wir hin?" fragte Steve. "Ist das dein Ernst?" "Ach komm schon, wir waren schon so lange auf keiner Party mehr." Kaum hatte Steve diesen Satz ausgesprochen, tauchten plötzlich Victoria Harris und Nancy Gray hinter den beiden auf. "Habe ich da gerade eben das Wort Party gehört?" fragte Victoria unverblümt in die Runde und schaute sowohl Maria als auch Steve mit einem neugierigen Blick an. "Ja, aber wir gehen nicht hin," antwortete Maria schnell und kam somit Steve zuvor. "Du warst schon immer eine Spaßbremse, das kennen wir ja schon. Aber da ich Nancy sowieso die Clubszene von Miami näherbringen wollte, wäre es doch ein gelungener Auftakt, wenn wir alle vier etwas gemeinsam unternehmen würden. Ein Nein akzeptiere ich übrigens nicht. Also, wo werden wir heute Abend hingehen?" "Ins 'Venom'," platzte es aus Steve heraus und er fing sich dafür sofort einen strafenden Blick seiner Freundin ein. "Wunderbar. Ich durchwühle schon mal meinen Koffer nach dem heißesten Outfit für eine heiße Nacht. Und ihr solltet übrigens dasselbe tun, so wie ihr herumlauft würdet ihr nicht mal in einen Flohzirkus eingeladen werden. Bis später dann, ihr Süßen." Victoria machte sich daraufhin auf den Weg ins Haus. Nancy zuckte derweil unschlüssig mit den Schultern und schaute Steve und Maria mit einem vielsagenden Blick an, bevor sie Victoria nach drinnen folgte.

Das Verlagsgebäude der Zeitschrift "Belle" befand sich in einer Seitenstraße des Ocean Drive. Es war ein großer Neubau, dessen Außenfront zum größten Teil verglast war. Dadurch erhielt das Gebäude einen sehr futuristischen Touch. Silvia Shoon kannte die Räumlichkeiten in- und auswendig, schließlich arbeitete sie hier nun schon seit über drei Jahren. "Sie wollten mich sprechen?" klopfte sie in diesem Augenblick an die Tür ihres Chefs Arthur McGovern. Der bereits ergraute Mann, der ungefähr Anfang 60 sein musste, schaute von seinen Akten hoch, als Silvia vor ihm stand. "Ah, Silvia, ich habe Sie schon erwartet. Nehmen Sie doch bitte Platz." "Habe ich etwas verbrochen oder warum haben Sie mich zu sich zitiert?" fragte Silvia vorsichtig, während sie sich vor Arthurs Schreibtisch niederließ. "Keine Sorge. Sie sind nach wie vor eine unserer fähigsten Kräfte, fehlerfrei und tadellos – und genau aus diesem Grund habe ich Sie dazu auserkoren, einen kleinen Spezialauftrag auszuführen." "Sie machen es wirklich spannend." "Das gehört zu meinem Charme." Ein kleines Lächeln huschte über Arthurs Gesicht. "Also, um auf den Punkt zu kommen: Was halten Sie davon, ein paar Tage nach Mailand zu fliegen, um dort Robert Holden zu treffen und einen Blick hinter die Kulissen der bald stattfindenden Fashion Week zu werfen? Robert hat mir nach Ihrem letzten Treffen in den höchsten Tönen von Ihnen vorgeschwärmt und mich regelrecht angefleht, Ihnen diesen Vorschlag zu unterbreiten." Silvia war für einen Moment sprachlos, denn dieses Angebot traf sie aus heiterem Himmel. "Sie meinen... ich soll... ich soll im Ernst nach Mailand fliegen?" "Das habe ich doch gerade gesagt, oder nicht?" lächelte Arthur erneut und Silvia musste sich erst einmal sammeln. "Entschuldigen Sie, ich war auf so etwas einfach nicht vorbereitet." "Und, werden Sie es machen? Überlegen Sie, es ist eine einmalige Chance." "Natürlich nehme ich das Angebot an, keine Frage," sagte Silvia schließlich, "ich meine, andernfalls müsste ich wirklich dumm sein." "Dann fahren Sie jetzt am besten nach Hause und packen Ihren Koffer, denn der Flieger startet bereits heute Abend."

Am Abend war es schließlich so weit: Lianes Geburtstagsparty fand im "Venom" statt. Liane und Jake hatten es sich in einer Sitzecke gemütlich gemacht und bereits den ersten Cocktail bestellt, und nach einer Viertelstunde tauchte auch Luke auf, der seiner Verlobten ein Paar Ohrringe schenkte. Inzwischen hatten Maria, Steve, Victoria und Nancy ebenfalls den Club betreten. Während Maria nicht gerade begeistert aussah, waren Victoria und Nancy in bester Partylaune, und auch Steve schien es zu gefallen. "Da hinten sitzt sie," deutete Steve schließlich auf die Ecke, wo sich Liane und ihre Freunde befanden. Er ging voran und die drei Frauen folgten ihm. "Hallo! Schön, dass ihr alle gekommen seid," freute sich Liane sichtlich und gab Steve zur Begrüßung ein Küsschen auf die Wange, was Luke mit einem kritischen Blick beäugelte. Es passte ihm nicht, dass sie mit einem wildfremden Mann so vertraut umging. Die Begrüßung zwischen Liane und Maria verlief dagegen eher kühl, denn Maria hatte sich schließlich von Anfang an gegen diese Party gesträubt und hatte auch nicht die Absicht, lange zu bleiben. Nach und nach lernten sich auch die anderen kennen. "Moment, wir kennen uns doch?" bemerkte Jake, als er Steves Hand schüttelte. "Du bist doch der Kerl, den ich vor ein paar Tagen am Strand umgerannt habe. Was für ein Zufall!" Steve nickte stumm und ließ sich dann zwischen Maria und Liane nieder. Nachdem sich auch die anderen einen Platz gesucht hatten, wurde eine weitere Runde Cocktails bestellt, um die Stimmung aufzulockern. "Du bist also Lianes Verlobter," stellte Nancy fest und musterte Luke gründlich. "Genau der bin ich," nickte dieser und gab Liane demonstrativ einen Kuss auf die Lippen. "Okay, Schluss mit der Langweile – wer will mit mir die Tanzfläche unsicher machen?" unterbrach Victoria schließlich die angespannte Situation und stand von ihrem Platz auf. Mit kreisenden Hüften versuchte sie, die anderen zum Tanzen zu animieren. "Na los, Leute, wir sind hier um Spaß zu haben!" Mit diesem Satz packte sie Jake an der Hand und zog ihn hinter sich her. Nancy folgte ihrem Beispiel und hatte sich Luke als Tanzpartner auserkoren. Dieser ließ sich die Chance, mit einer attraktiven Frau auf Tuchfühlung zu gehen, natürlich nicht entgehen – und das, obwohl seine Verlobte anwesend war und zugleich auch noch ihren Geburtstag feierte. Doch Liane schien dies nichts auszumachen, denn sie hatte indessen eine Konversation mit Steve begonnen. Lediglich Maria war die Außenseiterin an diesem Abend und nippte gelangweilt an ihrem Drink. Währenddessen bemerkte niemand, dass Kayla Evans an der Bar stand und ihre Bekannten längst erspäht hatte.

Silvia befand sich derweil in einem wahren Chaos, da sie sich partout nicht entscheiden konnte, was sie für ihre Reise nach Italien in ihren Koffer packen sollte. Sie hatte so viele Sachen zur Auswahl, doch auf einmal schien kein Kleidungsstück passend für diesen Anlass. Doch was ihr noch viel mehr Sorge bereitete, war die Tatsache, dass sie gerade jetzt das Land verlassen musste, wo ihre Beziehung mit Jake kurz dem Ende stand. Ihr wurde langsam klar, dass sie ihm gegenüber wirklich ein paar unschöne Dinge gesagt hatte, doch für sie war es die ganze Zeit über selbstverständlich gewesen, dass sie diejenige war, die das Geld verdiente. Und sie wusste auch, dass sie es im Gegensatz zu Jake sehr weit gebracht hatte. Trotzdem liebte sie Jake über alles: Er war der Ruhepol in ihrem stressigen Leben. Ein Blick auf die Uhr verriet Silvia, dass sie nicht mehr viel Zeit hatte, bis ihr Flieger nach Mailand abfliegen würde. Doch sie wollte nicht abreisen, bevor sie ein letztes Mal mit Jake gesprochen hatte. Silvia griff zu ihrem Handy, das neben dem Koffer auf dem Bett lag, und wählte die Nummer ihres Freundes. Ungeduldig wartete sie darauf, dass er das Gespräch entgegennahm, doch es tat sich nichts. Nachdem sie es zehn Mal klingeln ließ, beendete Silvia den Anruf und knallte ihr Handy wütend auf das Bett. Sie konnte schließlich nicht ahnen, dass Jake in diesem Augenblick mit Victoria Harris auf der Tanzfläche des "Venom" unterwegs war. Und es war wahrscheinlich auch besser so, dass sie es nicht wusste, denn ansonsten wäre sie sicher vor Eifersucht geplatzt. So blieb Silvia in dem Glauben, dass Jake ihren Anruf absichtlich ignoriert hatte. Und irgendwie konnte sie es ihm auch nicht verübeln: Sie hätte an seiner Stelle vermutlich genauso reagiert. Vielleicht würde ein bisschen Abstand ihrer Beziehung wirklich gut tun, genau wie Jake es vorgeschlagen hatte. Silvia begab sich nun wieder daran, ihren Koffer zu Ende zu packen. Als sie endlich damit fertig war, schlüpfte sie in ihre hochhackigen Stiefel, zog sich ihre Jeansjacke über und verließ dann ihre Wohnung, um zum Flughafen zu fahren. Von dort aus wollte sie Jake noch eine Nachricht hinterlassen.

Nach drei Drinks hatte sich Luke auf die Herrentoilette zurückgezogen, um dort seine Blase zu entleeren. Kurz darauf kehrte er auf die Tanzfläche des "Venom" zurück, traute jedoch seinen Augen kaum, als er Kayla am Tresen stehen sah. Sie war gerade im Begriff, auf Lianes Tisch zuzugehen, als Luke sie plötzlich unsanft am Arm packte. "Aua," schrie sie kurz auf, doch aufgrund der lauten Musik nahm niemand Notiz davon. Ohne mit der Wimper zu zucken, zog Luke sie in den Durchgang zu den Toiletten, wo er sie gegen die Wand drückte und mit einem finsteren Blick anschaute. "Was zum Teufel machst du hier?" fragte er sie in einem bedrohlichen Ton. "Nun, wie du sicher weißt, hat Liane um Mitternacht Geburtstag. Und wie du sicher auch weißt, sind wir beide gut befreundet, also würde ich ihr gerne gratulieren. Oh, und ein Geschenk habe ich auch für sie," lächelte Kayla ihn zuckersüß an. "Oh nein, das wirst du ganz bestimmt nicht tun. Du nimmst jetzt deine Sachen und verschwindest, hast du mich verstanden?" "Ts ts ts, hast du etwa Angst, dass ich Liane ein paar schlüpfrige Details über dich und mich verraten könnte? Wäre doch eigentlich ganz lustig, oder nicht? Soweit ich weiß, liebt Liane Überraschungen." "Du glaubst gar nicht, wie abgrundtief ich dich in diesem Moment hasse," zischte Luke und hätte Kayla am liebsten in die Mangel genommen, doch das war nicht möglich, da sie sich an einem öffentlichen Ort aufhielten, wo sie jeder sehen konnte. "Das Kompliment gebe ich gerne zurück. Du bist hier derjenige, der Scheiße gebaut hat – und nicht ich! Wenn du ein echter Kerl wärst, würdest du zu deinem Handeln stehen, aber da du das nicht tust, bist du in meinen Augen einfach nur ein verdammtes Weichei. Und von so was bekomme ich auch noch ein Kind. Da kann man nur hoffen, dass es nicht nach seinem Vater kommt." "Du hast immer noch die Möglichkeit, es abtreiben zu lassen," redete Luke ihr ins Gewissen, doch sie ging nicht darauf ein. "Vergiss es Luke, ich will und ich werde dieses Kind bekommen." Kayla stieß Luke daraufhin unsanft in den Magen und verschaffte sich so Freiheit aus Lukes festem Handgriff. Doch so leicht ließ sich Luke nicht abschütteln – und in seiner Wut war er unberechenbar.

Nachdem er einige Zeit mit Victoria auf der Tanzfläche verbracht hatte, brauchte Jake eine kleine Verschnaufpause und begab sich an die Bar, wo er sich ein Bier bestellte. Kelly nahm seine Bestellung entgegen und kümmerte sich auch sogleich darum. Jake bemerkte, dass die Zeitung, in welcher sie gelesen hatte, auf der Seite mit den Wohnungsangeboten aufgeschlagen war. "So, bitte sehr." Kelly stellte die Flasche auf den Tresen und widmete sich danach wieder den Annoncen. "Nicht so einfach, in South Beach eine passende Wohnung zu finden, wie?" fragte Jake, nachdem er einen Schluck getrunken hatte. "Das kannst du laut sagen," nickte Kelly mit einem genervten Blick, "entweder sind die Wohnungen maßlos überteuert oder es sind Dreckslöcher. Meine aktuelle Wohnung gehört wohl in die zweite Kategorie." "Es gibt aber auch Wohnungen, die erschwinglich sind. Ich wohne direkt am Strand, in einem tollen Haus. Allerdings ist es eine Art Wohngemeinschaft, aber das stört mich nicht. Das Haus ist groß genug, so dass jeder seine Privatsphäre hat." "Das klingt fantastisch. Leider werde ich wohl nie das Glück haben, solch eine Wohnung zu finden," seufzte Kelly tief. "Die beste Freundin meiner Freundin hat mir das Zimmer angeboten, also war es auch bei mir eher ein glücklicher Zufall. Hey, da kommt mir spontan eine Idee," hatte Jake plötzlich einen Geistesblitz und Kelly schaute ihn gespannt an. "Was für eine Idee?" "Es gibt vier Schlafzimmer und eins davon ist momentan noch frei. Also falls du Interesse hast, könnte ich meine Bekannte fragen, ob du das Zimmer haben könntest. Ich bin mir sicher, dass sie nichts dagegen hat. Im Gegenteil, sie wäre froh, wenn das Zimmer vermietet wird." "Das wäre... einfach wunderbar!" freute sich Kelly sichtlich. "Schreib mir einfach deine Telefonnummer auf, dann werde ich dir morgen Bescheid sagen." Jake schob Kelly einen Bierdeckel zu, und sie griff sofort zu einem Kugelschreiber, denn eine solche Gelegenheit konnte sie sich einfach nicht entgehen lassen. Chris stand nur einige Meter weit entfernt und beobachtete das Gespräch zwischen Kelly und Jake mit einem finsteren Blick in den Augen.

"Lass das, du tust mir weh!" stieß Kayla Evans in einem schrillen Ton aus, als sie von Luke Foster mit aller Gewalt durch den Hinterausgang des "Venom" ins Freie gezogen wurde. "Ich werde dir gleich noch viel mehr weh tun, wenn du nicht endlich deine verdammte Klappe hältst," zischte Luke und verpasste ihr schon im selben Augenblick eine heftige Ohrfeige. Kayla schrie laut auf und hielt sich ihre stark gerötete Wange. "Schrei nur. Es wird dich eh niemand hören. Und gleich wirst du gar nicht mehr in der Lage sein, auch nur einen Mucks von dir zu geben." "Du verdammtes Schwein!" rief Kayla und versuchte zu fliehen, doch Luke hinderte sie daran, indem er sie in den Schwitzkasten nahm. "Ich meine es ernst, Kayla. Ich lasse mir das Leben, was ich mir hart und mühsam aufgebaut habe, nicht durch diesen einen Fehltritt zunichtemachen. Und wenn du mir nicht gehorchst, dann muss ich dich eben auf andere Art und Weise zum Schweigen bringen." Luke drückte Kaylas Kehle immer stärker zu und sie hatte das Gefühl, schon bald keine Luft mehr zu bekommen. Doch kurz bevor dieser Moment erreicht war, ließ Luke von ihr ab. Sie wähnte sich bereits in Sicherheit und dachte, dass Luke sich besonnen hatte, doch damit lag sie komplett falsch: Schon ein paar Sekunden später verpasste er ihr einen solchen Schlag ins Gesicht, dass sie nach hinten stürzte und mit lautem Gepolter gegen die Mülltonnen knallte, die sich an der Wand des Gebäudes befanden. "Ich bin mir sicher, dass die plastische Chirurgie so ihren Spaß mit dir haben wird, wenn ich mit dir fertig bin. Du wolltest doch schon immer eine neue Nase haben, habe ich recht?" verhöhnte Luke die am Boden liegende Kayla. "Na, gefällt es dir da unten? Das ist genau der richtige Platz für so ein Miststück wie dich." Gerade als Luke noch einmal auf sie eintreten wollte, vernahm er Schritte. Eine Person schien sich in der Nähe zu befinden. "Wehe, du sagst auch nur zu irgendwem ein Wort! Beim nächsten Mal wird es nicht so glimpflich ausgehen!" zischte Luke und machte sich dann so schnell wie möglich aus dem Staub. In der Nähe schlug eine Kirchturmuhr zwölf Mal und läutete damit den neuen Tag ein. Während Liane und ihre Freunde im "Venom" eine Flasche Champagner köpften und feuchtfröhlich auf Lianes Geburtstag anstießen, krümmte sich Kayla vor Schmerzen – doch sie durfte nicht aufgeben. Denn ihr Ziel hatte sie noch lange nicht erreicht.

Letzte Aktualisierung: 22.08.2010

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