4/I Guess Who’s Coming To Dinner
Der nächste Tag war in South Beach längst angebrochen, doch Luke Foster hatte sich nach seiner Nachtschicht im Krankenhaus vollkommen übermüdet in sein Bett fallen lassen und dementsprechend lange geschlafen. Nun war es zwei Uhr mittags und Luke versuchte langsam wach zu werden. Der schwarzhaarige Mann setzte gerade Kaffee auf, denn ohne seinen obligatorischen Koffeinschub würde er den Tag nicht überstehen. Obwohl er nicht übermäßig groß war, hatte er eine kräftige Statur und seine Oberarmmuskeln waren auch nicht zu verachten. Luke, der gebürtig aus Australien stammte und erst vor fünf Jahren in die Vereinigten Staaten umgesiedelt war, wurde von den Frauen regelrecht umlagert und war sich seiner Wirkung auf das andere Geschlecht auch durchaus bewusst. Doch genau dies war ihm nun zum Verhängnis geworden: Er hatte eine Affäre mit Kayla Evans, der Mitbewohnerin seiner Verlobten Liane, begonnen. Um seine Verlobung und die bevorstehende Hochzeit mit Liane nicht zu gefährden, hatte er jedoch darauf bestanden, dass Kayla schnellstmöglich die Stadt verlässt – immerhin hatte Lianes Vater seine Studiengebühren bezahlt, und die waren nicht gerade gering. Doch nun hatte Kayla den Spieß umgedreht und erpresste Luke mit einer Schwangerschaft. Er zermarterte sich das Hirn darüber, wie er seinen Kopf aus dieser Schlinge ziehen sollte, als das Telefon klingelte. "Foster, hallo?" brummte er unwirsch in den Hörer. Am anderen Ende der Leitung war jedoch nur ein leises Atmen zu hören. Nachdem Luke einige Momente gewartet hatte, legte er auf, doch nur wenige Augenblicke später klingelte das Telefon erneut. Das gleiche Spiel wiederholte sich noch ein drittes Mal, bis es Luke schließlich zu bunt wurde und er blind vor Wut das Telefonkabel ausstöpselte. Für ihn gab es keinen Zweifel, dass Kayla dahintersteckte. "Dieses billige Flittchen," zischte Luke und er geriet derart in Rage, dass er ausholte und seinen gesamten Schreibtisch mit der bloßen Hand leerfegte. Nachdem er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, erinnerte er sich schlagartig daran, dass er an diesem Abend eine wichtige Verabredung hatte – und zwar ein Abendessen mit seinem Vorgesetzten Jacob Zavigo und dessen Familie. Dabei durfte er auf keinen Fall einen schlechten Eindruck hinterlassen. Luke warf einen prüfenden Blick in den antiken Wandspiegel und stellte dabei fest, dass er sich dringend rasieren musste. Während er mit seinen Fingern über seine dunklen Bartstoppeln fuhr, betrachtete er sein Gesicht im Sonnenlicht, welches durch die halbgeöffneten Jalousien ins Zimmer strahlte. Für Luke stand fest: Solange er seinem Spiegelbild noch in die Augen schauen konnte, war noch nicht alles verloren. Er musste nun jede Chance nutzen, um seine Beziehung zu Liane zu festigen, damit Kayla nicht den Hauch einer Chance hatte, um die beiden zu entzweien. Um das Problem Kayla würde er sich noch gebührend kümmern, so viel stand fest.
Starring
Jennifer Gareis as Liane Connor
Johnny Messner as Luke Foster
William deVry as Jean Voltaire
Kim Raver as Maria Zavigo
Alex Dimitriades as Steve Morena
Timothy Adams as Jake Webb
Sydney Penny as Silvia Shoon
Molly Sims as Kelly Wyland (credit only)
Sharon Case as Nancy Gray
Romany Malco as Chris Monroe (credit only)
Nia Long as Victoria Harris
Guest Starring
Joanna Cassidy as Helen Zavigo
Patrick Duffy as Jacob Zavigo
Kate Linder as Teresa
Meryl Streep as Florence Voltaire
Teresa, die lateinamerikanische Haushaltshilfe der Familie Zavigo, befand sich gerade in der Vorratskammer des Anwesens und sortierte Konserven. Mit größter Genauigkeit kontrollierte sie die Etiketten und ordnete die Dosen anschließend nach dem Verfallsdatum. Teresa war derartig in ihre Arbeit vertieft, dass sie nicht merkte, dass Victoria Harris inzwischen hinter ihr aufgetaucht war. Diese ließ die Tür schließlich mit einem lauten Knall zufallen und Teresa drehte sich erschrocken um. "Was wollen Sie?" fragte die Frau und schaute Victoria ängstlich an. Sie sprach mit einem starken spanischen Akzent, was darauf hindeutete, dass sie noch nicht lange in den Vereinigten Staaten lebte. "Wir beide müssen uns dringend unterhalten," erwiderte Victoria in einem kühlen Ton und machte einige Schritte auf Teresa zu, bevor sie neben einem Regal stehen blieb und die Arme vor der Brust verschränkte. "Ich wüsste nicht, worüber." "Dann helfe ich Ihnen auf die Sprünge: Was wissen Sie über Steve Morena?" "Er ist der Freund der Señorita," antwortete Teresa nach einigem Zögern, da sie nicht wusste, was Victoria von ihr hören wollte. "Sagen Sie bloß! Und woher kommt er?" "Aus Mexiko. Torreón." "Und seine Schuhgröße ist 45, wie? Das interessiert mich alles nicht! Ich will wissen, was er gemacht hat, bevor er bei Maria eingezogen ist!" "Warum fragen Sie ihn dann nicht selbst?" "Sie halten sich wohl für besonders schlau, was?" zischte Victoria, doch bevor sie Teresa weiter in die Mangel nehmen konnte, öffnete sich plötzlich die Tür der Vorratskammer und Marias Mutter Helen betrat den Raum. "Victoria, was machst du denn hier unten?" fragt diese verwundert, als sie Victoria erblickte. Victoria konnte sich auf die Schnelle keine passende Ausrede einfallen lassen und begann zu stammeln, doch Teresa fiel ihr ins Wort. "Die Señorita hat den Wunsch geäußert, ob wir heute Abend Pfirsiche grillen könnten. Das isst sie nämlich sehr gerne." "Ich würde dafür töten," fügte Victoria schnell hinzu und strich sich nervös eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Na, so weit wird es hoffentlich nicht kommen," lachte Helen kurz auf und wandte sich dann an Teresa, "könnten Sie kurz mit hochkommen? Sie müssen mir bei der Auswahl der Tischdecke helfen, ich kann mich einfach nicht entscheiden." "Ich komme sofort. Ich räume nur noch diese Dosen an ihren Platz." "In Ordnung. Ich warte im Esszimmer." Helen entfernte sich daraufhin wieder und Victoria zog es nun auch vor, zu gehen. Bevor sie jedoch die Vorratskammer verließ, schaute sie Teresa mit einem furchteinflößenden Blick an und raunte ihr die Worte "Dieses Gespräch hat niemals stattgefunden" zu.
"Ich kann doch unmöglich zugenommen haben," keuchte Liane Connor, als sie versuchte sich in ihr hautenges schwarzes Kleid von Gaultier zu zwängen, mit dem sie während der Dinnerparty alle Blicke auf sich ziehen wollte. "Jake! Du musst mir unbedingt helfen!" rief sie schließlich so laut sie konnte, damit ihr Mitbewohner sie trotz geschlossener Tür im Nebenzimmer hören konnte. Es dauerte nur einige Momente, bis Jake seinen Kopf durch den Türspalt steckte. Als er Lianes Misere erblickte, konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Lass mich raten: Eingelaufen?" "Spar dir die Sprüche. Hilf mir lieber," quengelte Liane, "Luke holt mich gleich ab. Er wird toben, wenn ich nicht rechtzeitig fertig bin." "Wo drückt denn der Schuh, äh... ich meine natürlich, das Kleid?" "Sehr komisch. Versuch mal den Reißverschluss zuzuziehen. Aber bitte ganz vorsichtig!" wies Liane ihn an und Jake machte sich sofort ans Werk. Nach einigem Probieren gelang es ihm tatsächlich, den Reißverschluss zu schließen und Liane betrachtete sich zufrieden im Spiegel. "Sitzt, wackelt und hat Luft." "Dass es wackelt kann in der Tat jeder sehen," meinte Jake in einem trockenen Tonfall und spielte damit auf die Länge des Kleides an, denn Lianes Hintern war nur äußerst knapp bedeckt und bei jedem Schritt konnte man einen Blick auf ihre nackte Haut erhaschen. "Spiel hier mal nicht den Moralapostel. Du kannst ruhig zugeben, dass es dir gefällt," versuchte Liane ihn zu necken und suchte gleichzeitig nach einem passenden Paar Ohrringe. Gerade als Jake kontern wollte, klingelte es an der Haustür. "Das ist bestimmt Luke! Machst du ihm bitte auf? Sag ihm, ich bin sofort fertig," bat Liane ihren Mitbewohner und dieser machte sich sogleich auf den Weg ins Erdgeschoss, um Luke hereinzulassen. "Hallo Luke," begrüßte Jake Lianes Verlobten wenige Sekunden später und die beiden Männer gaben sich kurz die Hand. "Hey Jake. Wo ist Liane?" "Oben. Sie müsste aber gleich kommen," erwiderte Jake knapp und musterte Luke für einen Augenblick, während dieser an ihm vorbeiging und schließlich vor dem Treppenabsatz stehen blieb, wo er sich mit einem Ellenbogen gegen das Geländer lehnte. Obwohl die beiden sich schon einige Jahre kannten, hatte sich zwischen Luke und Jake nie eine richtige Freundschaft entwickelt. Dies lag vor allem daran, dass Luke von Natur aus ein Eigenbrötler war und Jake nie das Gefühl gegeben hatte, ihn sonderlich zu mögen. Dementsprechend hatte es Jake auch recht früh aufgegeben, sich um einen engeren Kontakt mit Luke zu bemühen. Nach einigen Minuten kam Liane die Treppe hinunter und Luke wären fast die Augen aus dem Kopf gefallen, als er ihr freizügiges Kleid sah. "Bist du wahnsinnig geworden?" rief er entsetzt aus und Liane, die eigentlich mit einer stürmischen Begrüßung gerechnet hätte, blieb abrupt auf halber Höhe stehen. "Dann ziehe ich mir eben etwas anderes an!" erwiderte sie ärgerlich und zog einen Schmollmund. "Dazu ist aber keine Zeit mehr! Wir sind eh schon viel zu spät dran!" "Da kann ich doch nichts für, wenn du mich so spät abholst!" pampte Liane zurück. "Leute, kommt mal wieder auf den Teppich," mischte sich jetzt Jake ein, der in seiner gewohnt ruhigen Art einen größeren Streit verhindern wollte, "wenn ihr euch den ganzen Abend lang streitet, werdet ihr euch am Ende noch vollkommen blamieren." "Das werden wir so oder so," meinte Luke in einem abfälligen Ton und spielte damit natürlich auf Lianes Outfit an. Nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte, ging er an Jake vorbei nach draußen und kurz darauf hörten Jake und Liane, wie er den Motor seines Wagens startete. Liane starrte Jake unschlüssig an und hätte am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht, doch als Luke laut hupte, entschied sie sich, ihm nach draußen zu folgen. Jake schaute ihr mit einem sorgenvollen Blick hinterher, während Liane mit erhobenem Haupt durch die Tür stolzierte.
In Bay Point liefen die Vorbereitungen für die Dinnerparty derweil auf Hochtouren. Während Teresa den Tisch deckte, Helen und Maria in der Küche die Salate zubereiteten und Steve die Steaks klopfte, kümmerte sich Jacob um den Grill, der hinter dem Haus in einer kleinen Nische auf der Veranda stand und nur zu besonderen Anlässen benutzt wurde. Fachmännisch reinigte Jacob zunächst das Rost und verteilte dann die Holzkohle gleichmäßig im Inneren des Grills. "Darf ich Sie kurz stören?" trat Nancy Gray an ihn heran, welche über die Außentreppe aus dem oberen Stockwerk heruntergekommen war. Sie trug ein weißes Abendkleid und dazu passende Schuhe. Ihre langen blonden Haare hatte mit viel Sorgfalt zu einer eleganten Frisur zurecht gemacht. "Aber sicher. Gibt’s ein Problem?" fragte Jacob in seiner gutmütigen Art und schaute Nancy gespannt an. "Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich leider nicht an Ihrer Dinnerparty teilnehmen kann. Ich habe nämlich schon etwas anderes vor." "Das ist in der Tat schade, aber Ihre Verabredung hat natürlich Vorrang." "Sie sind mir auch wirklich nicht böse?" "Ach, warum sollte ich denn? Wenn Sie wollen, hebe ich Ihnen auch ein Würstchen auf," meinte Jacob augenzwinkernd und Nancy konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. "Falls Victoria nach mir fragt, sagen Sie ihr bitte, dass ich nach South Beach gefahren bin." "Werde ich machen. Ich wünsche Ihnen viel Spaß." "Ich Ihnen auch. Lassen Sie es sich schmecken." Nachdem sie sich von Jacob verabschiedet hatte, verließ Nancy das Anwesen der Zavigos, wählte dabei aber den Weg durch den Garten, um niemandem zu begegnen. Anschließend ging sie die lange Einfahrt hinunter zur Straße, wo bereits ein Taxi auf sie wartete, das sie nach Downtown South Beach bringen sollte.
Inzwischen war es Abend geworden und die Sonne versank ganz langsam am Horizont. Der Himmel hatte sich rötlich gefärbt und nirgends war auch ein Wölkchen zu sehen. Im Strandhaus befand sich Jean Voltaire in seinem Schlafzimmer und telefonierte mit seiner Mutter in Quebec. "Und wie geht es meinem Erzeuger?" fragte er in den Hörer und schaute gleichzeitig durch das kleine Dachfenster hinaus auf den abendlichen Strand. Seine Stimme klang deutlich angespannt. "Nicht so gut. Er hatte vor vier Wochen einen leichten Schlaganfall," antwortete Florence Voltaire ihrem Sohn. "Was? Und da hält es keiner für nötig, mir Bescheid zu sagen?" rief Jean ärgerlich aus. "Du weißt ganz genau, wieso. Es ist doch mehr als offensichtlich, dass dein Vater den Schlaganfall nur wegen dir bekommen hat. Er hat sich so aufgeregt, dass du zu seinem 65. Geburtstag nicht einmal eine Karte geschickt hast. Du hättest auch anrufen können, aber nein – mein Sohn stellt sich natürlich quer," machte Florence ihm schwere Vorwürfe. "Dass er herzkrank ist, ist schon jahrelang bekannt. Mir dafür die Schuld zu geben, ist echt die Höhe. Ich dachte immer, dass wenigstens du noch ein kleines Fünkchen Loyalität für mich übrighattest, aber da habe ich mich wohl getäuscht. Ich weiß gar nicht, wieso ich mir überhaupt noch die Mühe machen, mit dir zu sprechen." "Es ist nicht meine Schuld, dass alles so weit gekommen ist. Du kannst immer noch zurück nach Hause kommen und das Richtige tun." "Du weißt ganz genau, dass das nicht geht. Eine weitere Begegnung mit diesem Mann würde ich nicht durchstehen. Er hat mein gesamtes Leben zerstört." "Man kann sich ja vieles einreden," erwiderte Florence und Jean reichte es nun endgültig. Ohne ein weiteres Wort beendete er das Gespräch und warf das Telefon mit voller Wucht gegen die Zimmerwand.
"Herzlich willkommen in unserer bescheidenen Hütte!" rief Jacob Zavigo überschwänglich aus, als Luke Foster und seine Verlobte Liane Connor endlich in Bay Point eingetroffen waren. "Verzeihen Sie die Verspätung, aber wir haben uns zuerst verfahren," log Luke seinen Vorgesetzten an, ohne dabei rot zu werden. "Das macht doch nichts. Hauptsache, Sie sind da, bevor alle Steaks aufgegessen sind," lachte Jacob und begrüßte Luke mit einem festen Händedruck. "Darf ich vorstellen: Meine Verlobte Liane Connor," machte Luke daraufhin Liane und Jacob miteinander bekannt. "Sehr erfreut, Dr. Zavigo." "Bitte, nennen Sie mich doch Jacob." "Aber gerne," lächelte Liane mit halboffenen Lippen und versuchte dabei so verführerisch wie möglich zu wirken. Nacheinander gingen die drei durch die Eingangshalle des Hauses und betraten schließlich das Esszimmer, wo Maria, Steve, Victoria und Helen bereits auf sie warteten. "Unsere Gäste sind eingetroffen," verkündete Jacob fast feierlich und alle erhoben sich, um die Neuankömmlingen in Augenschein zu nehmen. Steve erstarrte jedoch fast vor Schreck, als er Liane erblickte: Sie war die Frau, die erst vor wenigen Tagen versucht hatte, ihn am Strand anzuflirten! Auch Liane erkannte Steve sofort wieder, ließ sich jedoch nichts anmerken. "Das ist meine Frau Helen, unsere Tochter Maria, ihr Freund Steve und schließlich Victoria, eine gute Bekannte der Familie. Und das hier ist mein geschätzter Kollege Luke Foster und seine Verlobte Liane Connor," stellte Jacob die Anwesenden einander vor. Nachdem sich alle gegenseitig die Hände geschüttelt hatten, nahmen sie an der festlich gedeckten Tafel Platz und Teresa servierte die Getränke. Während sich Jacob und Steve anschließend um das Grillfleisch kümmerten, versuchte Helen ein Gespräch ins Rollen zu bringen. "Kanntest du Luke eigentlich schon vorher?" wollte sie von ihrer Tochter Maria wissen und diese zögerte mit ihrer Antwort. Sie warf Luke einen kurzen Blick zu und merke, dass er ebenfalls nervös war. "Wir sind uns im Krankenhaus bestimmt schon einige Male über den Weg gelaufen, aber ich denke nicht, dass ich es bewusst wahrgenommen habe. Wir arbeiten ja auch in völlig verschiedenen Bereichen," sagte sie schließlich und trank danach langsam einen Schluck Rotwein, um weiteren Fragen ihrer Mutter zu entgehen. "Wie kann man denn einen so attraktiven Mann wie Luke nicht bewusst wahrnehmen?" warf Victoria ein und zog damit wütende Blicke seitens Liane auf sich, was auch Maria und Helen nicht verborgen blieb. "Victoria, nicht jede Frau ist pausenlos auf der Jagd nach neuen Eroberungen," meinte Helen amüsiert und versuchte dann die Atmosphäre zu lockern, "möchte noch jemand ein Glas Wein?"
Nancy Gray genoss die frische Luft, während sie durch die Straßen von South Beach schlenderte. Es war einige Jahre her, seitdem sie das letzte Mal hier gewesen war, doch Nancy konnte sich noch an fast jede Ecke erinnern. Dies war auch kein Wunder, immerhin war sie damals regelmäßig mit einem ihr sehr wichtigen Mann um die Häuser gezogen. Bis zu dem einen verhängnisvollen Abend, an dem etwas sehr Schreckliches passiert war. Als Nancy von den grausamen Erinnerungen eingeholt wurde, musste sie sich einen Moment auf einer Holzbank am Straßenrand niederlassen und tief Luft holen. Sie hatte dieses Geheimnis bisher mit keinem ihrer Mitmenschen geteilt und hatte sich geschworen, dies auch niemals zu tun. Es fiel ihr zwar äußerst schwer, ihre Fassade aufrecht zu erhalten, doch Nancy wusste genau, dass sie ins Gefängnis wandern würde, wenn die Wahrheit je ans Licht kam.
Jake Webb kassierte gerade an einem Tisch im hinteren Bereich des "Riders" ab, als Silvia Shoon die Kneipe betrat und sich auf einem der Barhocker niederließ. "Hallo Jake," sagte sie schließlich, als Jake hinter den Tresen zurückkehrte. Er schaute sie kurz an, murmelte ebenfalls ein "Hallo" und widmete sich dann wieder seiner Arbeit. Silvia wollte sich jedoch nicht einfach so abspeisen lassen, da sie gekommen war, um eine Aussprache zu führen. "Ich kann verstehen, dass du wütend bist, aber sollten wir nicht wenigstens darüber reden?" versuchte sie ein Gespräch mit Jake aufzunehmen. "Woher willst du wissen, ob ich wütend bin? Du hast mich noch nie wütend erlebt," konterte Jake, "und ehrlich gesagt bin ich momentan sogar alles andere als wütend." "Wie soll ich das jetzt verstehen?" fragte Silvia irritiert und es kam ihr so vor, als wenn Jake von einem Tag auf den anderen plötzlich ein komplett fremder Mann für sie geworden wäre. "Ich will damit sagen, dass ich in den letzten Tagen gemerkt habe, dass ich ein viel besseres Leben führe, wenn ich nicht ständig dem Druck ausgesetzt bin, deinen Ansprüchen zu genügen." "Du tust ja fast so, als wenn ich ein Monster bin," rief Silvia entrüstet aus, "und das nach allem, was ich für dich getan habe!" "Siehst du, genau das ist der springende Punkt. Ich kann dir einfach nicht das bieten, was du von mir erwartest. Ich bin eben nur der Sohn einer Tankstellenbesitzerin." "Das ist doch totaler Quatsch, Jake. Ich habe dich damals auf der Highschool zum Frühlingsball eingeladen, obwohl du ein Außenseiter warst." "Hast du mich nicht gerade aus diesem Grund eingeladen, um deine Freundinnen zu schockieren?" "Im ersten Moment vielleicht schon..." "Siehst du!" "...aber schon nach wenigen Minuten habe ich gemerkt, was für ein wunderbarer Mensch du bist. Du warst so anders als all die anderen Jungs, viel reifer und einfach nur unbeschreiblich süß. Und das bist du heute auch noch. All die Jahre über bist du meine Stütze gewesen, du hast mich ohne zu murren bei all meinen Entscheidungen unterstützt." "Und habe dabei nicht gemerkt, dass ich selbst auf der Strecke bleibe," ergänzte Jake ihren letzten Satz, "ich glaube, wir drehen uns hier im Kreis." "Und wie soll es jetzt mit uns weitergehen?" "Wie ich schon sagte, eine Beziehungspause wird uns beiden gut tun. Ich für meinen Teil genieße meine Freiheit, und ich finde, du solltest dasselbe tun. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss zurück an die Arbeit." Jake drehte Silvia daraufhin den Rücken zu und begann, mehrere Biere aus der Anlage zu zapfen. Als Silvia erkannte, dass es keinen Sinn hatte, Jake zur Vernunft zu bewegen, schnappte sie sich ihre Handtasche und verließ wortlos das "Riders".
Nachdem die von Jacob servierten Steaks und Würstchen verzehrt worden und alle Anwesenden mehr als satt waren, begann Teresa damit, den Tisch abzuräumen. Helen und Jacob halfen ihr dabei, während sich Luke und Maria auf die Veranda zurückgezogen hatten. "Und, wie fühlen Sie sich?" wollte Maria wissen, die ihr Champagnerglas in der rechten Hand hielt und immer wieder einen kleinen Schluck davon nippte. Das fahle Mondlicht schien vom wolkenlosen Himmel und in der Nähe zirpten einige Grillen. "Ich bin immer noch etwas angespannt," erwiderte Luke, der seine Hände tief in seinen Hosentaschen vergraben hatte. "Das kann ich verstehen. Mir ist es auch sehr unangenehm, für Sie lügen zu müssen." "Ich weiß, und es tut mir auch leid." "Naja, wir alle haben unsere kleinen Geheimnisse, die nicht unbedingt jeder erfahren muss," meinte Maria lächelnd. Kaum, dass sie diese Worte ausgesprochen hatte, erschien Victoria Harris auf der Veranda. "Na ihr beiden Turteltäubchen, diese laue Sommernacht ist ja fast wie gemacht für ein romantisches Stelldichein," meinte sie verzückt und drehte sich tänzelnd einmal um die eigene Achse. "Turteltäubchen?" fragte Luke irritiert. "Ich glaube, die gute Victoria hat schon das ein oder andere Glas zu viel intus," versuchte Maria ihr Verhalten zu entschuldigen und geleitete Victoria kurz darauf ins Haus, damit sie sich hinsetzen konnte. In der Zwischenzeit waren sich Liane und Steve auf dem Flur vor dem Badezimmer begegnet. "Nett, dich wiederzusehen. Auch wenn die Umstände mehr als absurd sind," lächelte Liane und ihre makellosen Zähne funkelten im Schein der Deckenleuchte. "Das ist wohl wahr," erwiderte Steve und hatte große Probleme damit, seinen Blick nicht auf ihr weitausgeschnittenes Dekolleté zu richten. "Mache ich dich nervös?" fragte Liane ungeniert. "Ein bisschen. Ich weiß halt nicht, was ich von dir halten soll. Vor allem frage ich mich, wieso du es nötig hast, am Strand wildfremde Männer anzuflirten, wenn du schon einen Freund hast. Wolltest du mich zum Spaß ein bisschen verarschen oder wie?" "Okay, ich gebe zu, das war nicht in Ordnung. Aber du warst mir eben auf Anhieb irgendwie sympathisch. Wohnst du eigentlich hier?" lenkte Liane das Gespräch geschickt in eine andere Richtung. "Ja, Maria und ich leben schon seit einiger Zeit im Gästehaus," nickte Steve. "Das Anwesen ist wirklich traumhaft. Ich lebe übrigens unten in South Beach, direkt am Strand. Auch nicht zu verachten. Wenn ihr Lust habt, könnt ihr mich ja mal besuchen kommen. Wir könnten auch grillen," schlug Liane vor, "oder halt: Hättet ihr nicht Lust, morgen Abend auf meine Geburtstagsparty zu kommen? Ich feiere im 'Venom', kennst du das?" "Na klar. Das 'Venom' kennt doch jeder," erwiderte Steve lächelnd und Liane bemerkte zufrieden, dass das Eis zwischen ihnen mittlerweile gebrochen war.
Inzwischen war es kurz nach Mitternacht und Jake war noch immer vollkommen im Stress, da stets neue Gäste in das "Riders" strömten, sobald welche die Kneipe verlassen hatten. Auch Nancy Gray hatte sich inzwischen dort eingefunden, um ihren Kummer im Alkohol zu ertränken. Sie saß auf einem Hocker am Tresen und trank bereits ihren vierten Martini. Zu Jakes Überraschung traf schließlich auch ein ihm wohlbekanntes Gesicht im "Riders" ein, obwohl er niemals damit gerechnet hätte: Es war sein ansonsten eher zugeknöpfter Mitbewohner Jean Voltaire. Dieser setzte sich neben Nancy und machte einen äußerst mitgenommenen Eindruck. "Ist alles in Ordnung mit dir?" fragte Jake vorsichtshalber nach, doch Jean schaute ihn nur mit einem schiefen Lächeln an. "Alles bestens. Machst du mir ein Bier? Oder warum nicht gleich zwei?" Jake merkte, dass Jean bereits angetrunken war, doch er beschloss, sich nicht weiter darum zu kümmern – immerhin kannte er Jean kaum. Nachdem er Jeans Bestellung ausgeführt hatte, beschloss Jake ihn nicht weiter zu beachten und wandte sich den anderen Gästen zu. Jean hatte indessen Nancy in Augenschein genommen und drehte sich zu ihr. "Na, ganz alleine hier?" fragte er und berührte dabei ungeniert ihren Ellenbogen, der auf dem Tresen lag. "Wie man sieht," erwiderte Nancy und schaute tief in Jeans Augen. "Du bist sehr hübsch," bewunderte Jean ihr Aussehen und ließ seine Hand langsam über ihren Ellenbogen gleiten. Anschließend wanderte seine Hand weiter auf ihren Oberschenkel und Nancy sträubte sich nicht im Geringsten gegen seine Berührungen. Im Gegenteil, sie genoss jede Sekunde. "Lass uns gehen," flüsterte sie ihm zu und erhob sich noch im selben Augenblick von ihrem Barhocker. Jean nahm noch einen großen Schluck von seinem Bier und folgte Nancy raus in die Dunkelheit. Dort angekommen verschlug es die beiden in eine schmale Seitengasse, wo sie schließlich übereinander herfielen und sich stürmisch küssten. Es dauerte nicht lange, bis sich Nancy am Reißverschluss von Jeans Hose zu schaffen machte und die beiden schließlich zum Äußersten gingen.
"Es war wirklich ein sehr schöner Abend. Nochmals vielen Dank für die Einladung," sagte Luke Foster, als er und Liane sich von Jacob Zavigo und dessen Familie verabschiedeten. "Gute Heimfahrt," wünschte Jacob ihnen und winkte den beiden noch zu, als sie sich am Gartentor noch einmal umdrehten. Nachdem Luke und Liane endgültig außer Sichtweite waren, schloss Jacob die Haustür und folgte seiner Frau Helen in den Salon, wo sie Maria und Steve vorfanden. "Wo ist Victoria?" fragte Jacob, da sie nirgends zu sehen war. "Sie ist bereits im Bett," erwiderte Maria, "ich glaube, sie hat eine ganze Flasche Rotwein alleine ausgetrunken." "Die Ärmste," schmunzelte Jacob, "aber ich glaube, wir sollten nun auch langsam schlafen gehen. Es ist schon sehr spät. Also, gute Nacht, ihr beiden." "Schlaft gut," rief Maria ihren Eltern hinterher, die sich nun auf den Weg ins obere Stockwerk machten. "Und, wie hat dir der Abend gefallen? Du warst etwas schweigsam," sagte sie anschließend zu Steve, der seinen Arm um sie gelegt hatte. "Naja, du weißt doch, dass ich fremden Leuten gegenüber immer etwas zurückhaltend bin." "Was in manchen Fällen auch nicht verkehrt ist," fügte Maria hinzu und Steve erkannte sofort, worauf seine Freundin anspielte. "Ich denke, ich weiß von wem du sprichst." "Ich weiß nicht, was Victoria mit ihrem Verhalten bezwecken wollte. Glücklicherweise sind uns weitere Peinlichkeiten erspart geblieben." "Ach, vergiss sie einfach," meinte Steve und streichelte ihr kurz übers Haar, bevor er sich erhob und lauthals gähnte. "Lass uns rübergehen, ich bin fix und alle." "Ich auch," stimmte Maria ihm zu. Nachdem sie das Licht gelöscht hatten, machten sich die beiden auf den Weg ins Gästehaus und schlossen die Verandatür hinter sich. Im fahlen Mondlicht trat nun eine Gestalt in den Salon: Es war Victoria, die das gesamte Gespräch belauscht hatte. "Oh ja, was hat sich die böse Victoria bloß dabei gedacht?" flüsterte sie leise zu sich selbst und ein teuflisches Grinsen zeigte sich auf ihrem Gesicht. "Du wirst die Antwort schon bald erfahren, liebste Maria..."











