3/I Blackmailed

Es war ein kühler Morgen in South Beach. Liane Connor hatte sich in ihren kuscheligen Bademantel eingewickelt und saß am Esstisch im Wohnzimmer des Strandhauses, wo sie gerade etwas Zucker in ihren Früchtetee gab und diesen danach umrührte. Plötzlich hörte sie, wie sich ein Schlüssel in der Haustür umdrehte, und einen Augenblick später betrat ihr neuer Mitbewohner Jean Voltaire das Haus. Er trug einen schwarzen Koffer in der Hand, in dem sich ein Teil seiner Kleidung befand. "Guten Morgen," rief Liane ihm zu, doch er reagierte gar nicht und ging schnurstracks ins obere Stockwerk, um den Koffer in sein neues Schlafzimmer zu bringen. Liane ärgerte sich über dieses Verhalten und hatte die böse Vorahnung, dass sie mit Jean in Zukunft noch eine Menge Schwierigkeiten haben würde. Jean kam indessen wieder zurück nach unten und ging erneut nach draußen. Durch das große Panoramafenster konnte Liane bestens beobachten, wie er noch zwei Koffer aus dem Kofferraum seines silberfarbenen Wagens auslud. Amüsiert schaute sie zu, wie er sich damit abmühte, beide Koffer gleichzeitig ins Haus zu tragen. Jean hatte zwar einen schlanken Körper, aber es schien, als ob er nicht besonders muskulös war. "Soll ich dir vielleicht helfen?" ging Liane lächelnd auf ihn zu. Jean stand mit einem hochroten Kopf vor ihr. "Ich brauche keine Hilfe, schon gar nicht von dir," erwiderte er in einem zickigen Ton und schleppte die beiden Koffer dann mit Mühe und Not die Treppe hinauf. Liane schaute ihm kopfschüttelnd hinterher. Am liebsten hätte sie ihn sofort wieder vor die Tür gesetzt, doch leider hatte ihr Vater da auch noch ein Wort mitzureden und Liane konnte es sich nicht leisten, ihrem Vater zu widersprechen. Immerhin waren sie und ihr Verlobter Luke finanziell von ihm abhängig. Liane blickte wehmütig auf ihre gemeinsame Zeit mit Kayla zurück, auch wenn sich die beiden des Öfteren gefetzt hatten. Trotzdem war Kayla immer noch tausend Mal angenehmer als Jean. Liane wurde abrupt aus ihren nostalgischen Gedanken gerissen, als es mehrmals hintereinander energisch an der Haustür klingelte.



Starring
Jennifer Gareis as Liane Connor
Johnny Messner as Luke Foster
William deVry as Jean Voltaire
Kim Raver as Maria Zavigo
Alex Dimitriades as Steve Morena
Timothy Adams as Jake Webb
Sydney Penny as Silvia Shoon
Molly Sims as Kelly Wyland (credit only)
Sharon Case as Nancy Gray
Romany Malco as Chris Monroe (credit only)
Nia Long as Victoria Harris
Guest Starring
Joanna Cassidy as Helen Zavigo
Natalie Imbruglia as Kayla Evans
Kate Linder as Teresa
Shemar Moore as Damon Harris

Auf der anderen Seite der Stadt kam Maria Zavigo gerade aus dem Wohnzimmer ihrer Eltern und klimperte mit ihren Autoschlüsseln herum, als Nancy Gray die Treppe herunterkam und Maria in der Eingangshalle begegnete. "Guten Morgen," begrüßte Nancy sie und lächelte sie fröhlich an. "Guten Morgen," erwiderte Maria ebenfalls, doch sie blieb wesentlich zurückhaltender, "haben Sie gut geschlafen?" "Bestens. Noch einmal vielen Dank, dass ich über Nacht hier bleiben durfte. Hotels sind immer so schrecklich teuer und noch dazu oftmals sehr nervtötend – vor allem der Zimmerservice. Ich mag’s eher klassisch." "Ich auch. – Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss jetzt in die Downtown fahren, ein paar Sachen aus der Reinigung holen, und anschließend wollte ich noch etwas shoppen." "Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mitkomme? Ich will mich nicht aufdrängen, aber ich würde gerne ein bisschen mehr von Miami sehen." Zunächst war sich Maria nicht sicher, ob sie Nancy trauen konnte – schließlich war sie eine Freundin von Victoria. Doch letztendlich durfte sie Nancy nicht verurteilen, bevor sie sie näher kennen gelernt hatte. "Ja, natürlich. Zu zweit macht Einkaufen auch viel mehr Spaß." "Wunderbar," freute sich Nancy und nacheinander verließen die zwei Frauen das Haus. Nachdem die beiden verschwunden waren, kam Victoria Harris ebenfalls die Treppe herunter. Sie hatte das ganze Gespräch mit angehört und ärgerte sich über Nancys Verhalten. "Verräterin", zischte sie leise zu sich selbst. Plötzlich vernahm sie Schritte hinter sich und Steve kam mit einer Zeitung in der Hand aus der Küche. "Morgen," sagte er kurz angebunden und wollte sich schnell wieder verdrücken, doch Victoria stellte sich ihm in den Weg. "Hallöchen. Wir hatten gestern gar nicht die Gelegenheit, viele Worte miteinander zu wechseln." "Das stimmt. Aber ehrlich gesagt gibt es auch nicht so viele Dinge, die man unbedingt über mich wissen müsste," versuchte Steve ihren Fragen aus dem Weg zu gehen. "Ach, seien Sie doch nicht so bescheiden. Ich bin mir sicher, dass Sie hinter Ihrer kühlen Fassade ein sehr tiefgründiger Mensch sind," lächelte Victoria geheimnisvoll und begann ganz langsam seinen rechten Arm zu berühren. Doch Steve wusste mittlerweile, dass sie etwas im Schilde führte und packte mit seiner anderen Hand ihr Handgelenk, um ihre Hand sanft, aber bestimmend von sich wegzudrücken. "Tut mir leid, ich habe jetzt leider keine Zeit für Smalltalk," sagte er schließlich in einem ruhigen Ton und verschwand dann im Garten. Victoria schaute ihm mit einem Schmollmund hinterher.

"Silvia? Das ist aber eine Überraschung. Guten Morgen," begrüßte Liane ihre beste Freundin, als diese vor ihr stand. "Darf ich reinkommen?" fragte Silvia in einem kühlen Ton und Liane bat sie herein. Nacheinander gingen die beiden Frauen ins Wohnzimmer, wo Silvia sich einen Moment lang ans Fenster stellte. Sie hatte Liane den Rücken zugewandt und starrte kurz hinunter auf den Strand, bevor sie sich wieder umdrehte. "Habe ich dir eigentlich jemals erlaubt, dich in meine Beziehung zu Jake einzumischen?" fragte Silvia schließlich in einem scharfen Ton und blitzte Liane wütend an. "Wovon sprichst du?" erwiderte diese mit unschuldiger Miene. "Hör mir bloß auf! Du weißt ganz genau, wovon ich spreche. Wie kommst du bloß dazu, ihn dazu zu bitten, zu dir zu ziehen?" "Ich habe ihn nicht darum gebeten. Ich habe ihm lediglich den Vorschlag gemacht. Das ist ein Unterschied." "Das Resultat ist aber dasselbe! Ich hätte niemals von dir gedacht, dass du mir derartig in den Rücken fallen würdest. Es ist ganz allein deine Schuld, wenn Jake sich jetzt von mir trennt!" "Ich glaube, ich höre nicht recht. Deine Arbeit ist dir wohl zu Kopf gestiegen, wenn du jetzt schon die Tatsachen verdrehst. Glaubst du im Ernst, ich hätte Jake dazu verleiten können, sich von dir zu entfernen? Den Gedanken hatte er selbst schon länger. Aber du bist ja immer viel zu beschäftigt, um dies zu merken, geschweige denn mit Jake über eure Probleme zu reden. Und ganz im Ernst, ich denke auch, dass euch eine Beziehungspause ganz gut tun würde. Vielleicht habt ihr euch wirklich auseinandergelebt." "Wieso sagst du so etwas? Ich liebe Jake, und zwar noch genauso sehr wie am ersten Tag!" sagte Silvia verzweifelt. "Dann kümmere dich verdammt noch mal um ihn, anstatt ständig eure gemeinsame Zeit für deinen Job zu opfern. Damit tust du weder dir noch eurer Beziehung einen Gefallen." "Ich glaube kaum, dass du die richtige Person bist, die hier Tipps für die perfekte Beziehung verbreiten sollte. Das mit dir und Luke ist doch auch seit langem nur noch eine Farce. Wann habt ihr denn das letzte Mal etwas gemeinsam unternommen?" "Das kannst du doch überhaupt nicht miteinander vergleichen, Silvia." "Und ob. Luke widmet sich ebenfalls nur seiner Abeit, um den beruflichen Aufstieg zu schaffen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Luke das Geld dafür von deinem Vater in den Arsch geschoben bekommt – aber ich muss für meine Kosten ganz alleine aufkommen. Ich habe halt keinen steinreichen Daddy, der mich mein Leben lang auf Händen trägt." "Jetzt weiß ich endlich, wie du wirklich über mich denkst," sagte Liane in einem verbitterten Ton, "ich glaube, es ist besser, wenn du jetzt gehst." "Mit dem größten Vergnügen," erwiderte Silvia bissig und ging mit schnellen Schritten an Liane vorbei.

Nachdem Maria einige Kleidungsstücke aus der Reinigung am Ocean Drive abgeholt und im Kofferraum ihres Wagens verstaut hatte, waren sie und Nancy in eine der teuersten Boutiquen gegangen, wo sich Maria nach einer neuen Abendgarderobe umschauen wollte. Doch auch nach gründlicher Suche fand sie absolut nichts, was auch nur im Geringsten ihren Vorstellungen entsprach. Nancy ergriff daraufhin die Initiative und lud Maria zu einem kleinen Snack in ein Bistro ein. "Irgendwie muss ich mich schließlich bei Ihnen revanchieren," meinte Nancy zwinkernd, als die beiden sich an einem Tisch niederließen. Maria kam diese übertriebene Freundlichkeit verdächtig vor und sie beschloss Nancy erst einmal über ihre Verbindung zu Victoria auszufragen. "Wo haben Sie und Victoria sich eigentlich kennen gelernt?" wollte sie schließlich wissen, nachdem die beiden Frauen ihre Bestellung aufgegeben hatten. "Wollen wir nicht zum Du übergehen?" bot Nancy ihr an und Maria nickte zögerlich. "Gut," lächelte Nancy und erinnerte sich danach an ihre erste Begegnung mit Victoria, "wir waren damals beide in Nachtleben von New York unterwegs. Da sind wir uns dann irgendwann über den Weg gelaufen. Ich wusste sofort, dass man mit Victoria gut feiern kann. Aber das ist eigentlich auch das Einzige, was uns beide verbindet. Ich bin quasi ihre einzige Freundin – abgesehen von dir, denke ich." "Man kann nicht unbedingt sagen, dass wir befreundet sind. Jedenfalls nicht mehr. Auf der Highschool waren wir unzertrennlich und ich war lange Zeit mit Victorias älterem Bruder Damon zusammen." "Victoria hat einen Bruder? Davon wusste ich gar nichts," sagte Nancy überrascht. "Er ist vor einigen Jahren gestorben," klärte Maria sie auf, "er hat sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen." "Oh je, das muss wirklich schlimm für Victoria und ihre Familie gewesen sein." "Es war für uns alle ein furchtbarer Schock. Ich glaube, Victoria hat den Verlust bis heute nicht überwunden. Kurz nach Damons Tod ist ihre Familie aus Miami weggezogen und wir haben uns aus den Augen verloren. Deswegen war ich auch mehr als geschockt, als sie plötzlich hier aufgetaucht ist. Ich hatte immer das Gefühl, dass sie nie wieder mit den Erinnerungen an Damon konfrontiert werden wollte." "Vielleicht möchte sie auch nur endgültig mit dem Kapitel abschließen?" meinte Nancy schulterzuckend. "Gut möglich," erwiderte Maria, doch insgeheim spürte sie, dass Victoria nicht mit guten Absichten nach South Beach gekommen war.

"Was ist denn mit dir los?" fragte Jake Webb, als er über die Terrasse ins Wohnzimmer des Strandhauses kam, wo Liane mit einem missmutigen Gesicht auf der Couch saß und vor sich hin starrte. Er hatte zuvor eine kurze Joggingrunde über den Strand gedreht und war dementsprechend verschwitzt. "Nichts. Aber wenn du mir ein paar böse Worte an den Kopf knallen möchtest – nur zu, heute ist der perfekte Tag dafür," erwiderte Liane in einem sarkastischen Tonfall. "Muss ich das verstehen?" schaute Jake sie irritiert an. "Weißt du, immer wenn ich versuche, zu anderen Menschen nett zu sein, bekomme ich eins auf den Deckel. Silvia hätte mich am liebsten in der Luft zerrissen, weil ich dich hier wohnen lasse." "Ist sie etwa hier gewesen?" "Ja. Sei froh, dass du nicht da warst. Sie hat eine Menge vom Stapel gelassen. Und davor hat Jean mich auch schon angemotzt. Ich glaube, wir beide werden mit unserem Mitbewohner noch eine Menge Freude haben. Er ist die Arroganz in Person und kommt sich so toll vor." "Genau die Art von Mensch, die ich liebe," verzog Jake sein Gesicht. "Aber es nützt nichts, da müssen wir jetzt durch. Und Silvia wird sich ganz bestimmt auch wieder beruhigen. Ein paar Tage wird sie schmollen, und dann wird sie sich bei mir entschuldigen. Nach so vielen Jahren kenne ich sie eben in- und auswendig," meinte Liane zuversichtlich, "allerdings denke ich nicht, dass sie auf meine Geburtstagsparty kommen wird." "Hmm, und alles nur wegen mir. Tut mir leid." "Ach Quatsch, Silvia und ich haben uns schon so oft gestritten, und teilweise sogar wegen recht banalen Dingen. Auf einen Gast mehr oder weniger auf meiner Party kommt es sowieso nicht an. Und Luke wird bestimmt auch nicht kommen, weil er wieder arbeiten muss." "Ist das nicht ziemlich deprimierend, wenn der eigene Freund nicht mit feiert?" "Ich glaube, inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, dass Luke nur noch selten Zeit für mich hat." "Na gut," lächelte Jake sie kurz an, "ich geh dann mal duschen." "Okay," erwiderte Liane und schaute Jake noch einen Augenblick nach, bevor sie sich von der Couch erhob und anschließend ihr Frühstücksgeschirr in die Küche brachte.

Nach ihrem Einkaufstrip war Maria noch kurz ins Krankenhaus gefahren, um von ihrem Arbeitsplatz aus einige wichtige Anrufe zu tätigen. Nach ungefähr einer halben Stunde verließ sie ihr Büro wieder und ging gemächlich den langen weißgestrichenen Krankenhausflur entlang, bis ihr plötzlich Luke Foster entgegenkam. "Gut, dass ich Sie treffe," sagte er und seine Stimme klang äußerst nervös, "wir müssen uns dringend unterhalten." "Ist etwas passiert?" fragte Maria, doch er schüttelte den Kopf. "Nicht direkt. Es ist nur so, dass... Ihr Vater hat meine Verlobte und mich zum Abendessen auf dem Anwesen Ihrer Familie eingeladen. Das Ganze soll morgen Abend stattfinden." "Das sieht meinem Vater ähnlich, die Arbeit mit nach Hause zu bringen," lächelte Maria, "dann lerne ich auch endlich Ihre Verlobte kennen. Es wird sicher ein äußerst schöner Abend." "Das hoffe ich auch, aber da gibt es noch ein kleines Problem: Meine Verlobte weiß nicht, dass ich in Therapie bin. Und es wäre mir auch ganz Recht, wenn das so bleiben würde." "Von mir erfährt niemand etwas – immerhin bin ich der ärztlichen Schweigepflicht unterlegt," meinte Maria augenzwinkernd. "Das weiß ich, aber manchmal verplappert man sich doch. Ich will nicht, dass sie es durch einen Zufall erfährt. Wenn, dann muss ich es ihr schon selbst sagen." "Warum haben Sie es ihr denn noch nicht gesagt?" "Ich will nicht, dass sie sich Sorgen um mich macht," erwiderte Luke. "Aber sie könnte Ihnen sicherlich helfen, Ihre Aggressionen in den Griff zu kriegen," schlug Maria ihm vor, "es sei denn..." "Es sei denn was?" "Dass Sie ihr gegenüber auch gewalttätig sind." "Ich schlage keine Frauen. Das habe ich nie getan und das werde ich auch nie tun!" rief Luke entrüstet aus. "Es tut mir leid, ich wollte Ihnen nichts unterstellen," entschuldigte sich Maria sofort für ihre Aussage. "Schon in Ordnung. Ich bin nur ziemlich nervös wegen der ganzen Sache. Ich weiß nicht einmal, was ich anziehen soll." "Und ich dachte immer, dieses Problem haben nur Frauen," grinste Maria, "tragen Sie einfach etwas Legeres. Es ist doch bloß ein ganz normales Abendessen, kein Bankett oder Hochzeitsempfang." "Stimmt auch wieder," nickte Luke, "vielen Dank für den Tipp. Wir sehen uns dann morgen Abend." "Ich freue mich," meinte Maria zum Abschied und ging dann hinaus auf den Parkplatz, während Luke seinen Weg in die entgegengesetzte Richtung fortsetzte.

Victoria lugte vorsichtig hinter einem Vorhang hervor und konnte durch das Wohnzimmerfenster sehen, dass Steve mit nackten Oberkörper vor dem Haus den Rasen mähte. Die Sonne brannte erbärmlich vom Himmel und so hatten sich auf Steves Körper große Schweißperlen gebildet. Victoria hätte ihm am liebsten noch länger zugesehen, doch sie hatte momentan Wichtigeres im Sinn. Sie machte sich auf den Weg auf die Rückseite des Hauses und ging durch den Hinterausgang in den Garten. Ein schmaler Pfad führte hinter einer Hecke bis zum Gästehaus, in dem Maria und Steve gemeinsam wohnten. Victoria schaute sich vorsichtig um, ob auch niemand in der Nähe war, und drückte dann die Türklinke herunter. Sie hatte Glück, denn die Tür war nicht abgeschlossen. Victoria betrat das kleine Haus und schaute sich mit einem neugierigen Blick im Wohnbereich um. An der Wand hingen einige Fotos von Maria und Steve, hauptsächlich gemeinsam als Paar und dazwischen auch einzelne Porträts. "Wie süß," meinte Victoria in einem ironischen Tonfall und verdrehte genervt die Augen. Hinter dem Wohnbereich befand sich auf der rechten Seite das Badezimmer und links davon das Schlafzimmer, in das Victoria nun ging. Auf den ersten Blick fiel ihr nichts Außergewöhnliches auf, bis sie schließlich auf die Idee kam, die Schubladen zu durchsuchen. Doch außer Kleidung und Handtüchern fand sie nichts, was auch nur ansatzweise verdächtig aussah. Gerade, als sie das Zimmer wieder verlassen wollte, bemerkte sie eine kleine Schachtel, die unter dem Bett hervorragte. Victoria bückte sich und nahm die Schachtel, die nicht größer als ein Schuhkarton war, in Augenschein. Darin befanden sich einige alte Fotos und Briefe, die allerdings schon sehr zerschlissen und noch dazu auf Spanisch verfasst worden waren. Victoria betrachtete die Fotos und versuchte sich einen Reim darauf zu machen, wer diese Personen sein könnten. Auf einem Foto war eine Frau mittleren Alters abgebildet, auf einem weiteren ein junger brünetter Mann. Auf der Rückseite stand in Handschrift "Matthew" geschrieben. "Was hat das bloß zu bedeuten?" fragte sich Victoria und rätselte, ob diese Sachen etwas mit Steves Geheimnis zu tun haben könnten. Plötzlich hörte sie ein verdächtiges Geräusch und stellte den Karton blitzschnell wieder unter das Bett. Nur einen Augenblick später tauchte Teresa, die lateinamerikanische Haushälterin der Zavigos, hinter Victoria auf. "Was machen Sie denn hier?" fragte sie misstrauisch. "Gar nichts. Und Sie haben auch nichts gesehen – haben Sie mich verstanden?" Victoria zog eine Hundert-Dollar-Note unter ihrer Bluse hervor und drückte sie Teresa in die Hand. "Hier, für Schnaps. Damit die Arbeit nicht so langweilig ist." Danach schaute sie Teresa mit einem furchteinflößenden Blick an, bevor sie an ihr vorbei nach draußen stolzierte.

Inzwischen war die Sonne in South Beach untergegangen. Liane Connor hatte sich in ihre Stammkneipe, das "Riders", zurückgezogen und saß alleine an einem Tisch in der hintersten Ecke der Bar. Sie blätterte eher gelangweilt in einem Modejournal und nippte ab und zu an ihrem alkoholfreien Cocktail. Liane konnte sich nicht auf das Lesen konzentrieren, denn ihre Gedanken kreisten immer noch um den Streit mit ihrer besten Freundin Silvia. "Ich dachte mir, dass ich dir hier finde," sagte plötzlich eine weibliche Person neben ihr und Liane schaute erschrocken zu ihr hoch. "Silvia," stieß sie überrascht aus, "was machst du denn hier?" "Ich wollte mich bei dir entschuldigen. Was ich heute Morgen zu dir gesagt habe, war wirklich gemein. Außerdem ist mir inzwischen klargeworden, dass du nichts dafür kannst, dass Jake und ich Probleme haben. Ich sollte meine schlechte Laune wirklich nicht an dir auslassen. Es tut mir aufrichtig leid, Liane." "Schon vergeben und vergessen," lächelte Liane, "komm, setz dich und bestell dir auch einen Drink. Am besten einen, der richtig reinknallt, dann hast du bald wieder bessere Laune. Ich hätte auch großen Bock mich zu besaufen, aber alleine macht es auch keinen Spaß." Silvia zögerte jedoch und ließ ihren Blick durch das "Riders" schweifen. "Ich möchte Jake lieber nicht über den Weg laufen." "Er hat heute frei," beruhigte Liane ihre beste Freundin, "ich denke, er sitzt gerade mit einer Flasche Bier vor dem Fernseher und schaut sich Football an." "Das ist seine liebste Freizeitgestaltung." "Hach ja, Männer sind so einfach zufrieden zu stellen," lachte Liane kurz auf, "aber mal im Ernst, Jake ist schon ein prima Typ. Man kann sich richtig gut mit ihm unterhalten. Er ist ein richtiger Frauenversteher." "Deswegen will ich ihn auch um keinen Preis verlieren," meinte Silvia mit einem wehmütigen Blick. "Das wird sich schon wieder einrenken, da bin ich ganz sicher. Hallo, ihr seid schon so lange zusammen, so was gibt man nicht einfach von heute auf morgen auf. " "Sag das mal Jake," seufzte Silvia. "Soll ich vielleicht noch einmal mit ihm reden?" schlug Liane vor, doch Silvia schüttelte den Kopf. "Nein, das halte ich für keine gute Idee. Wenn, dann sollte ich das selbst tun." "Okay," nickte Liane und streichelte kurz über die linke Hand ihrer besten Freundin, um ihr etwas Trost zu spenden. Plötzlich klingelte Lianes Handy. "Hallo? – Oh hallo Schatz, wie nett, dass du anrufst. – Was? Ein Essen mit deinem Vorgesetzten morgen Abend? – Ähm ja, ich habe noch nichts vor. – Okay, dann bis um acht. Küsschen." "War das Luke?" wollte Silvia wissen, die sich in der Zwischenzeit etwas zu trinken bestellt hatte. "Ja, und stell dir vor: Wir gehen morgen Abend mit seinem Chef essen. Ist das nicht fantastisch? Ich weiß schon genau, was ich anziehen werde. Das schwarze Kleid von Gaultier." "Etwa das extrem kurze, worin man fast deinen Arsch sehen kann?" riss Silvia erstaunt die Augen auf. "Genau das," grinste Liane, "man muss doch einen bleibenden Eindruck hinterlassen." "Ich bin mir sicher, dass dir das bestens gelingen wird," fand Silvia. Immerhin wusste sie schon seit der Highschool, mit welcher Leichtigkeit es Liane gelang, die Männer um den Finger zu wickeln.

Steve hatte sich zum Fernsehen ins Gästehaus zurückgezogen, und auch von Nancy und Victoria war nichts zu hören und zu sehen, als Maria im Wohnzimmer auf ihre Mutter Helen traf. Diese zupfte gerade die Decke auf dem großen Marmortisch zurecht. "Mom, hast du kurz Zeit? Ich muss dringend mit dir reden," begann Maria zu sprechen, doch Helen verhielt sie sich sehr abweisend. "Was ist denn? Ich habe jetzt keine Zeit." "Habe ich dir irgendetwas getan oder warum bist du so schlecht drauf?" fragte Maria vorsichtig und erhielt kurz darauf eine zickige Antwort von ihrer Mutter. "Weißt du Maria, ich frage mich, was bei deiner Erziehung schiefgegangen ist. Zuerst löst du deine Verlobung mit Damon auf, dann schleppst du uns diesen wildfremden Kerl ins Haus und jetzt behandelst du deine ehemals beste Freundin wie eine feindliche Flotte. Victoria hat in ihrem Leben so viel durchmachen müssen – weißt du nicht mehr, wie sehr sie Damons Tod damals aus der Bahn geworfen hat? Ihr Bruder war schließlich ihr Ein und Alles. Ich bin mit meinem Latein wirklich am Ende. Ich glaube, du legst es förmlich darauf an, den Ruf unserer Familie in den Dreck zu ziehen." "Mom, ich weiß längst, wie enttäuscht du von mir bist, das hast du mir schließlich schon tausend Mal gepredigt. Ich lebe mein Leben so, wie ich es will, und gegen meine Gefühle für Steve kannst du sowieso nichts ausrichten. Ich verstehe nicht, wieso du ihn bis heute nicht akzeptiert hast – Dad hat ihn schließlich sofort in sein Herz geschlossen." "Erstens übertreibst du maßlos," winkte Helen entnervt ab, "und zweitens ist dein Vater doch so gut wie nie zu Hause. Er musste den anderen Damen im Country Club auch nie Lügen darüber auftischen, wie Steve und du euch kennen gelernt habt." "Die Lügen sind nur dazu da, um deinen hochgesteckten Status zu schützen," versuchte Maria sich zu verteidigen, "wenn es nach mir ginge, würde ich aller Welt die Wahrheit erzählen, weil ich mir nichts daraus mache, was die anderen über mich denken. Aber du bist schließlich meine Mutter, und ich weiß wie wichtig dir dein guter Ruf ist. Und genau deswegen solltest auch wissen, dass ich Victoria nur deshalb auf Distanz halte, weil ich das Gefühl habe, dass sie etwas im Schilde führt." "Wieso sollte sie das tun? Ihr Vater – Gott hab ihn selig – hat deinem Vater damals zu seiner Stelle im Krankenhaus verholfen und ihre Mutter hat mich für den Country Club empfohlen." "Genau das ist der springende Punkt. Du kannst dich sicher noch daran erinnern, dass Victoria Dad und mir die Schuld an Damons Tod gegeben hat." "Sie stand doch komplett neben sich, sie konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Ich glaube kaum, dass sie das ernst gemeint hat." "Sei doch nicht so naiv, Mom. Merkst du denn nicht, dass ihre Freundlichkeit nur gespielt ist? Sie ist hier, um sich zu rächen, da bin ich mir ganz sicher. Victoria weiß genau, dass sie unsere Familie zerstören könnte, wenn sie nur das kleinste Druckmittel gegen uns findet. Deswegen bitte ich inständig, in ihrer Gegenwart so vorsichtig wie nur möglich zu sein. Und vor allem müssen wir sie so schnell wie möglich loswerden, ansonsten könnte es in einer Katastrophe enden." Maria schaute ihre Mutter mit einem eindringlichen Blick und diese verstand, worauf ihre Tochter hinauswollte.

In der Zwischenzeit saß Victoria Harris auf dem Bett im Gästezimmer und betrachtete ein altes Foto, auf dem Victoria und ein anderer Mann zu sehen waren. Nancy stand gerade unter der Dusche und das Plätschern des Wassers im Hintergrund ließ Victoria komplett in ihre Gedankenwelt abdriften... Vorsichtig klopfte Damon Harris an die Tür von Victorias Zimmer, aus dem er ein leises Schluchzen vernahm. Nachdem er auch beim zweiten Anklopfen keine Antwort erhalten hatte, öffnete er die Tür und schob seinen Kopf zwischen Tür und Angel. Seine jüngere Schwester Victoria lag auf ihrem Bett und hatte sich in eine Decke gewickelt, aus der nur ein dumpfes Wimmern hervordrang. "Hey, was ist denn los mit dir?" fragte Damon und machte ein paar Schritte auf das Bett zu, doch Victoria gab ihm keine Antwort, sie war zu sehr in ihr Schluchzen vertieft. Erst nachdem er sich auf das Bett gesetzt hatte und ihr tröstend über ihr glattes, schwarzes Haar strich, regte sich Victoria und drehte sich zu ihrem Bruder um. Ihre Augen waren stark gerötet und ihre Lippen waren mit Tränen bedeckt. "Derek hat Schluss gemacht," brachte sie schließlich mit erstickter Stimme hervor. "Dieser Mistkerl," sagte Damon und sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich auf der Stelle, "er hat dich sowieso nicht verdient. Glaub mir, du bist besser dran ohne ihn." "Aber ich liebe ihn doch," jammerte Victoria und klammerte sich an ihrer Decke fest. "Ach Süße, ich wünschte ich könnte dir irgendwie helfen. Aber gegen Liebeskummer gibt es nun einmal kein Mittel. Das weiß ich aus eigener Erfahrung." "Das Schlimmste ist, dass ich jede Sekunde an ihn denken muss. Ich kriege Derek einfach nicht aus meinem Kopf." "Ich seh schon, du brauchst dringend etwas Ablenkung. Was hältst du davon, wenn wir heute Abend ins Kino gehen?" schlug Damon vor und Victoria schaute ihn verwundert an. "Nur wir beide? Und was ist mit Maria? Wart ihr nicht heute verabredet?" "Maria sehe ich doch sowieso fast jeden Tag. Und momentan bist du mir eben wichtiger, das wird sie sicherlich verstehen," lächelte Damon und Victoria fiel ihm freudestrahlend um den Hals. "Du bist der beste Bruder der Welt." "Schläfst du neuerdings im Sitzen?" fragte Nancy und Victoria wurde blitzartig in die Gegenwart zurückgeholt. "Nein, ich habe nur über etwas nachgedacht," antwortete sie schnell und steckte das Foto in ihr Portmonee.

An diesem Abend saß Luke Foster alleine im Aufenthaltsraum der Notaufnahme und trank seelenruhig einen Kaffee, während er in einem Automagazin blätterte. Normalerweise war die Nachtschicht eine äußerst stressige Angelegenheit, aber bisher war noch kein einziger Notfall eingeliefert worden. Vielleicht war es auch nur die Ruhe vor dem Sturm, aber Luke war froh, dass er zumindest für einige Zeit verschnaufen konnte. Doch plötzlich klopfte es an der Tür und als Luke hochschaute, sah er Kayla Evans vor sich stehen. "Was... was machst du denn schon wieder hier?" fragte er geschockt. "Ich muss mit dir reden. Es ist sehr wichtig." "Okay. Aber mach die Tür zu," befahl Luke ihr und gleichzeitig zogen sich seine dunklen Augenbrauen ärgerlich zusammen. "Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt: Du solltest aus meinem und Lianes Leben verschwinden." "Das ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst. Es kam ihr auf jeden Fall sehr verdächtig vor, dass ich ohne plausiblen Grund aus dem Strandhaus ausgezogen bin." "Meinst du, sie ahnt etwas?" fragte Luke vorsichtig, doch Kayla schüttelte den Kopf. "Nein, dafür ist sie viel zu naiv, glaub mir." "Also, wo ist dann das Problem?" "Es ist etwas Unerwartetes dazwischen gekommen. Luke, ich... ich bin schwanger. Und du bist der Vater." Kayla schaute Luke mit ihren unschuldigen, brauen Rehaugen an, während er diesen Schock erst einmal langsam verdauen musste. "Okay," sagte er schließlich, ohne dabei eine Miene zu verziehen, "keine Sorge, wir werden dieses Problem gleich morgen beseitigen. Ich werde einen Termin für eine Abtreibung veranlassen. Für die Kosten komme ich auf." Luke rechnete fest damit, dass Kayla diesem Vorschlag zustimmen würde, doch dem war nicht so. "Wer sagt denn, dass ich das Kind abtreiben will? So ein gutes Druckmittel bekomme ich so schnell nicht wieder." "Wie bitte?" "Du hast schon richtig gehört, Süßer. Dieses Geheimnis wird dich nämlich teuer zu stehen kommen. Was meinst du wohl, was passiert, wenn Liane und ganz besonders ihr Vater von unserer Affäre erfahren? Jetzt, wo ich einen lebenden Beweis in mir trage, wird es sehr schwer für dich, deine Unschuld zu beweisen." "Du hast das also alles von Anfang geplant?" fiel es Luke wie Schuppen von den Augen. "Was dachtest du denn? Dass du mich wie ein billiges Flittchen um den Finger wickeln und dann fallenlassen kannst? Ich wusste von Anfang an, dass ich dir schwanzgesteuertem Kerl nur als Lustobjekt diene. Aber das hast du nun davon – dein ganzes Leben hängt am seidenen Faden. Und ich bin diejenige, die die Schere in der Hand hält," lächelte Kayla ihn eiskalt an. Danach machte sie auf dem Absatz kehrt und verschwand wieder nach draußen. Luke schaute ihr entgeistert nach.

Letzte Aktualisierung: 15.08.2010

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