2/I Welcome to South Beach (2)
Inzwischen war es Nachmittag geworden. Die Sonne brannte an diesem Tag erbarmungslos vom Himmel und die Temperatur war auf über 35° angestiegen. Der goldgelbe Sand des South Beachs glänzte edel im Sonnenlicht und das azurblaue Meer bot den passenden Kontrast dazu. Am Fuße einer kleinen Sanddüne lag Liane Connor auf einem rosaroten Badetuch und sonnte sich. Auf ihrer Nase thronte eine teure Designersonnenbrille und ihre makellose Figur zog einige bewundernde Blicke von vorbeigehenden Menschen auf sich. Liane verbrachte fast jeden Tag zumindest ein oder zwei Stunden am South Beach, um die Sonne zu genießen und um ihren Körper zu präsentieren. Sie war stolz auf ihr Aussehen und hatte auch keinerlei Scheu, dieses öffentlich zur Schau zu stellen. Natürlich genoss sie es, wenn Männer sie anstarrten und sich insgeheim wünschten, sie würde sie mit nach Hause begleiten, doch zu mehr als einem kleinen Flirt ließ sich Liane nie hinreißen – immerhin war sie seit einigen Jahren in festen Händen und ihr Verlobter Luke Foster war ein Mann der besonders eifersüchtigen Sorte. Nach einiger Zeit richtete sich Liane auf und stütze sich auf ihren Ellenbogen ab, während sie ihren Blick über den Strand schweifen ließ. Als sie nach rechts schaute, bemerkte sie dort einen dunkelhaarigen Mann, der sich ungefähr fünf Meter von ihr entfernt befand und gerade sein Strandtuch zusammenfaltete. Liane musterte ihn von Kopf bis Fuß und stellte sogleich fest, dass er äußerst attraktiv war. Sie begann ihn freundlich anzulächeln und als er ihren Blick erwiderte, lächelte er ebenfalls kurz, drehte sich dann aber beschämt weg. Liane wollte ihm gerade etwas zurufen, als plötzlich eine andere Frau erschien. Es war niemand Geringeres als Maria Zavigo. "Hey Schatz," begrüßte sie den Mann und gab ihm einen kurzen Kuss auf die Lippen. "Können wir gehen?" fragte sie dann und er nickte stumm, während er die Decke unter seinen rechten Arm klemmte. Einige Augenblicke später entfernten sich die beiden Händchen haltend von diesem Ort. Liane schaute ihnen für einen kurzen Moment hinterher und entschied sich dann, den fremden Mann ganz schnell zu vergessen. Plötzlich erblickte sie ihren guten Bekannten Jake Webb auf der Strandpromenade und winkte ihn zu sich.
Starring
Jennifer Gareis as Liane Connor
Johnny Messner as Luke Foster
William deVry as Jean Voltaire
Kim Raver as Maria Zavigo
Alex Dimitriades as Steve Morena
Timothy Adams as Jake Webb
Sydney Penny as Silvia Shoon
Molly Sims as Kelly Wyland (credit only)
Sharon Case as Nancy Gray
Romany Malco as Chris Monroe (credit only)
Nia Long as Victoria Harris
Guest Starring
Joanna Cassidy as Helen Zavigo
Natalie Imbruglia as Kayla Evans
Adam Kaufman as Robert Holden
John Slattery as James Connor
"Na, schon so früh auf den Beinen?" fragte Liane lächelnd, nachdem sich Jake ihr bis auf wenige Meter genähert hatte. Sie schob ihre Sonnenbrille hoch und deutete mit einer Handgeste an, dass er sich zu ihr setzen sollte. "Ich setz mich doch auf kein rosarotes Badetuch," protestierte Jake und schaute Liane mit zweifelhaftem Blick an. "Hast du etwa Angst, dass man dich für schwul halten könnte? Keine Sorge, mit mir an deiner Seite wird das schon nicht passieren," erwiderte Liane keck. Jake gab sich geschlagen und ließ sich mit einem tiefen Seufzer neben ihr nieder. "Was ist los, mein Großer? Du weißt doch, deiner guten Freundin Liane kannst du alles erzählen. Ach, und während du dabei bist, könntest du mir ruhig den Rücken einkremen," grinste Liane und holte die Flasche mit der Sonnenmilch aus ihrer Badetasche. "Na gib schon her," brummte Jake und nahm die Flasche entgegen. Nachdem sich Liane auf den Bauch gedreht hatte, quetschte Jake eine nicht zu geringe Menge Sonnenmilch aus der Flasche in seine linke Handfläche und verteilte die Flüssigkeit anschließend mit seiner anderen Hand auf Lianes makellosem Rücken. "Hmm, deine Hände sind einfach himmlisch," stöhnte Liane zufrieden. "Und das, obwohl sie jeden Tag in dreckigem Spülwasser baden," murmelte Jake missmutig. "Höre ich da etwa eine gewisse Portion Unzufriedenheit in deiner Stimme? Ich dachte du magst deine Arbeit?" horchte Liane erstaunt auf. "Das tue ich auch – aber Silvia hat mir vorhin wieder einmal klar gemacht, dass ich in ihren Augen nichts wert bin, weil ich ja schließlich nur Kellner bin. Noch dazu ist sie dauernd unterwegs und hat kaum noch Zeit für mich. Ich denke, sie merkt gar nicht, dass unsere Beziehung langsam aber sicher den Bach hinunter geht. Manchmal glaube ich fast, dass uns ein bisschen Abstand ganz gut tun würde. So eine Art Beziehungspause," versuchte Jake seine Gedanken in Worte zu fassen, während seine Hände über Lianes Körper wanderten.
Im "Redfield Hospital" wollte Luke Foster gerade Mittagspause machen und hatte sich aus diesem Grund in den Aufenthaltsraum der Station für Allgemeinmedizin zurückgezogen. Plötzlich klopfte es an der Tür und niemand Geringeres als Kayla Evans betrat das Zimmer. "Was zum Teufel machst du denn hier?" fuhr Luke erschrocken hoch und schaute sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an. "Ich hatte Sehnsucht nach dir," hauchte Kayla verführerisch und ging auf Luke zu. Sie wollte ihre Arme um seinen Hals legen, doch er drückte sie unsanft von sich, was sie verunsicherte. "Bist du des Wahnsinns? Was ist, wenn uns jemand zusammen sieht?" meinte Luke wütend. "Bislang war es dir doch auch immer egal, ob uns jemand sieht. Du warst sogar regelrecht versessen auf das Risiko, wenn ich daran erinnern darf," schmollte Kayla. Sie setzte sich auf einen der weißen Plastikstühle und schlug die Beine übereinander. "Mag sein. Aber so geht das nicht mehr weiter." "Was soll das denn bedeuten?" "Das soll bedeuten, dass wir uns in Zukunft nicht mehr sehen können!" stieß Luke mit gedämpfter Stimme aus. "Du servierst mich also ab?" schaltete Kayla und sprang mit einem Satz auf. "Tu doch nicht so geschockt. Du wusstest doch ganz genau, dass das mit uns nicht ewig so weitergehen kann. Oder hast du etwa geglaubt, dass ich mich deinetwegen von Liane trennen würde? So naiv kannst selbst du nicht sein," lachte Luke auf. "Du verdammter Mistkerl!" zischte Kayla und verpasste Luke noch im selben Atemzug eine schallende Ohrfeige. "Wie heißt es so schön: Scheiden tut weh," erwiderte Luke gelassen, während er sich seine gerötete Wange hielt. "Hast du gar keine Angst, dass ich Liane alles über uns erzähle?" "Nicht im Geringsten. Erstens hast du keinerlei Beweise und zweitens würde Liane dir ohnehin kein Wort glauben. Du bist doch nichts weiter als eine kleine Schmarotzerin. Liane hat dich bei sich aufgenommen, obwohl du keinen Cent in der Tasche hattest. Und was machst du? Zum Dank schläfst du mit ihrem Verlobten! Was bist du bloß für ein hinterhältiges Miststück." "Ich hasse dich," brachte Kayla mit tränenerstickter Stimme hervor, bevor sie auf dem Absatz kehrt machte und das Zimmer verließ. Luke hingegen konnte sich ein triumphierendes Grinsen nicht verkneifen. Wenige Augenblicke später ging er zum Waschbecken, um sein Gesicht zu kühlen.
"Ich sag dir eins: Wenn es Silvia nicht gelingt, deinen muskulösen Hintern bei der Stange zu halten, dann werde ich ihr persönlich in den Arsch treten," meinte Liane, die noch immer am Strand lag und sich von Jake den Rücken einkremen ließ. "Du bist heute so anzüglich," bemerkte Jake mit gespieltem Entsetzen. "Ich bin verlobt, ich darf das," erwiderte Liane schnippisch. "Aber mal ganz im Ernst: Ihr beide gehört einfach zusammen, so wie Micky und Minni. Da gibt’s nichts dran zu rütteln." "Du vergleichst Silvia und mich mit zwei Zeichentrickfiguren? Sehr schmeichelhaft," verzog Jake das Gesicht. "Was ich damit sagen wollte, ist, dass man eine langjährige Beziehung wie eure nicht einfach von heute auf morgen aufgibt. Weißt du eigentlich, wie neidisch ich damals auf der Highschool war, als ihr beiden ein Paar wurdet? Ihr wart immer so glücklich – und meine längste Beziehung hielt gerade einmal drei Monate." "Ich dachte, du wolltest das so?" wunderte sich Jake. "Das habe ich jedenfalls immer behauptet. Fakt ist aber, dass die meisten Jungen nach kurzer Zeit das Interesse an mir verloren haben, nachdem sie mich ins Bett gekriegt hatten. Glaub mir, ich hätte lieber einen Freund wie dich gehabt – jemand, der weiß, wie man mit einer Frau umzugehen hat." "Darf ich dich daran erinnern, dass du dich mit jemandem wie mir niemals freiwillig abgegeben hättest? Du warst doch regelrecht geschockt, dass sich Silvia ausgerechnet in einen armen Schlucker und Außenseiter wie mich verliebt hatte." "Das stimmt, aber durch dich habe ich gelernt, dass man Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer sozialen Verhältnisse vorverurteilen sollte." "So, jetzt ist aber Schluss mit dem Geschleime, sonst werde ich noch rot," fand Jake und verteilte den Rest Sonnenmilch, der sich noch in seiner Handfläche befand, auf seinen eigenen Armen. "Solange du nur rot wirst und nichts anderes," kicherte Liane, während sie sich wieder auf den Rücken drehte und ihr Bikinioberteil zurechtrückte. Daraufhin hob Jake die Flasche mit der Sonnenmilch hoch und deutete an, sie über Lianes Haaren auszuquetschen zu wollen. "Wenn du das machst, dann werde ich Silvia sagen, dass du mich vollgespritzt hast," grinste Liane, was Jake mit einem müden Lächeln quittierte.
Inzwischen fuhr Maria Zavigo mit ihrem schwarzen Porsche die Einfahrt zum Anwesen ihrer Eltern entlang. Die Wohngegend in Bay Point lag abseits der Hektik der Großstadt und war der perfekte Ort, um sich zu entspannen. Marias Eltern hatten die Villa bereits vor ihrer Geburt bezogen und sie war in dieser Nachbarschaft aufgewachsen. Ihren exotischen Nachnamen hatte sie den Vorfahren ihres Vaters zu verdanken, welche von den Navajo-Indianern abstammten. Ihr Freund Steve Morena saß auf dem Beifahrersitz und hatte die Scheibe heruntergekurbelt, während die beiden an der großen Hecke vorbeifuhren, die das Grundstück abgrenzte. Schließlich hielten sie vor dem großen Haus, welches im spanischen Stil gebaut wurde. "Bist du auch so müde?" gähnte Maria, nachdem die beiden aus dem Wagen ausgestiegen waren. "Ja. Was hältst du davon, wenn wir uns heimlich ins Gästehaus schleichen?" zwinkerte Steve seiner Freundin zu und sie begann zu grinsen. "Und anstatt zu schlafen, werden wir natürlich etwas ganz anderes tun, nicht wahr?" Bevor die beiden ihren Plan jedoch in die Tat umsetzen konnten, öffnete sich plötzlich die Haustür und Marias Mutter Helen Zavigo trat hinaus. "Maria, schön dass du wieder da bist," fiel sie ihrer Tochter zur Begrüßung um den Hals, und gleichzeitig würdigte sie Steve keines Blickes. Doch dieser war es bereits gewohnt, dass Helen ihn wie Luft behandelte. "Hallo Mom," erwiderte Maria und setzte ein künstliches Lächeln auf. "Du kommst gerade rechtzeitig. Du ahnst ja gar nicht, wer drinnen auf dich wartet," verkündete Helen und Maria schaute sie irritiert an. "Für den Weihnachtsmann wäre es sicher noch etwas zu früh. Wer ist es, Mom?" Doch Helen brauchte ihr gar keine Antwort mehr zu geben, denn noch im selben Augenblick kam Victoria Harris ebenfalls nach draußen und als Maria sie erblickte, hätte sie fast laut aufgeschrien. "Maria, schön dich wiederzusehen! Mein Gott, du siehst so toll aus!" Victoria gab ihr ein Küsschen auf die Wange, während Maria am liebsten tot umgefallen wäre. "O la la, wen haben wir denn da? Ist das dein Freund?" fragte Victoria und richtete ihr Augenmerk auf Steve, dem dies sichtbar unangenehm war. "Du hattest schon immer einen sehr guten Geschmack." "Was haltet ihr davon, wenn wir nach drinnen gehen? Ich werde Teresa bitten, dass sie uns eine Kleinigkeit in der Küche zaubert," schlug Helen vor und Maria nickte missmutig.
Nachdem sie sich ausgiebig gesonnt hatte, kehrte Liane zum Strandhaus zurück. Jake hatte kurzerhand beschlossen, sie zu begleiten, da er an diesem Tag ohnehin nichts Besseres vorhatte. Gemeinsam liefen die beiden über den schmalen Steinweg, der vom Strand direkt auf die Terasse des Hauses führte. Als Jake und Liane das Strandhaus betraten, erblickten sie Kayla, die gerade im Begriff war, das Haus mit einem Koffer und einer schweren Reisetasche zu verlassen. "Nanu? Fährst du etwa in Urlaub?" fragte Liane verdutzt und ging auf Kayla zu, die wie angewurzelt im Flur stehen geblieben war, da ihr ursprünglicher Plan, sich ohne Verabschiedung davonzustehlen, durch Lianes plötzliches Auftauchen zunichtegemacht worden war. "Nein. Ich ziehe aus," erwiderte Kayla knapp und vermied es, Liane dabei in die Augen zu schauen. "Wie bitte?" klappte Liane der Unterkiefer vor Schreck herunter, als sie diese Worte vernahm. "Es tut mir leid, aber es geht nicht anders." "Und was ist der Grund?" wollte Liane sofort wissen, doch Kayla gab ihr darauf keine zufriedenstellende Antwort. "Ich sagte doch, es geht nicht anders. Glaub mir, du willst den wahren Grund gar nicht wissen. Mach’s gut – und pass auf dich auf." Kayla drängte sich an Liane vorbei und ging mit ihren Sachen nach draußen, wo sie diese in den Kofferraum ihres Wagens verfrachtete. "Aber du kannst mich doch nicht einfach so alleine lassen!" rief Liane ihr hinterher, doch Kayla reagierte nicht mehr auf sie. Sie setzte sich hinter das Steuer ihres Wagens, startete den Motor und fuhr kurz darauf aus der Einfahrt. Liane schaute ihr entgeistert hinterher und war den Tränen nahe. "Ich fasse es nicht! Wie kann sie mir das antun, einfach so zu verschwinden? Wie soll ich denn jetzt die Miete bezahlen?" Da Jake merkte, wie sehr die Situation Liane zusetzte, nahm er seine Freundin tröstend in den Arm. "Ich wünschte, ich könnte dir irgendwie helfen." "Das könntest du – indem du zu mir ziehst," schniefte Liane, während sie ihren Kopf gegen Jakes Schulter drückte. "Ich hoffe, dieser Vorschlag war nicht ernst gemeint." "Wieso? Du hast vorhin selbst gesagt, dass du dir Abstand von Silvia wünschst. Was spricht also dagegen?" "Eine ganze Menge, findest du nicht? Was würden wohl Luke und Silvia dazu sagen?" "Luke soll mal schön still sein. Er hätte ja längst die Gelegenheit gehabt, zu mir zu ziehen, aber er wollte ja bisher nie. Und was Silvia angeht – alle Welt weiß, dass wir beide niemals etwas miteinander anfangen würden." "Auch wenn es mir schon zu denken gibt, dass du vorhin von meinem muskulösen Hintern geschwärmt hast," warf Jake ein. "Das sollte ein Kompliment sein, nichts anderes," erwiderte Liane und löste sich dann aus Jakes Umarmung. "Also, was meinst du?" "Tja, ehrlich gesagt wäre es wirklich an der Zeit, dass ich Silvia einen kleinen Denkzettel verpasse. Vielleicht bringt sie das endlich dazu, unsere Beziehung noch einmal zu überdenken. Aber denk dran, ich bin ein Mann, also wird das Zusammenleben sicher ein bisschen anders als mit Kayla." "Keine Barthaare im Waschbecken, keine schmutzige Wäsche im Wohnzimmer und Damenbesuch wird nur im Schlafzimmer empfangen – habe ich mich klar genug ausgedrückt?" lächelte Liane Jake an.
In der Zwischenzeit betrat Silvia die Lobby des Hotels "Rio Grande", welches sich im Herzen von South Beach befand. Bekannt für seinen erstklassigen Service, war das "Rio Grande" seit jeher bei Gästen aller Altersklassen gleichermaßen beliebt. Silvia schaute sich in der Lobby um und entdeckte nach wenigen Sekunden, wonach sie gesucht hatte: An einem der runden Glastische saß der Modeschöpfer Robert Holden und blätterte in der aktuellen Ausgabe des "Miami Herald". Silvia hatte den schlanken Designer zuvor nur auf einigen Fotos gesehen und stellte rasch fest, dass er in natura wesentlich lockerer und umgänglicher wirkte. "Mr. Holden? Ich bin Silvia Shoon von der Zeitschrift 'Belle'," begrüßte Silvia den schwarzhaarigen Mann und reichte ihm die Hand. Robert Holden legte die Zeitung zur Seite und erhob sich aus dem schwarzen Ledersessel, um Silvias Begrüßung zu erwidern. "Pünktlich auf die Minute," stellte er fest und lächelte dabei verschmitzt, wodurch seine markanten Wangenknochen zur Geltung kamen. "Wollen wir das Interview hier durchführen oder es uns bei einem Glas Wein an der Hotelbar gemütlich machen? Ich hatte vorhin kurz Zeit, die Weinkarte zu studieren, und war mehr als beeindruckt." "Ganz wie Sie wünschen, Mr. Holden," erwiderte Silvia und überließ ihrem Gegenüber somit die freie Wahl. "Ach bitte, nennen Sie mich doch Robert. Ich darf Sie doch auch Silvia nennen?" "Aber natürlich," nickte Silvia und versuchte sich ihre Unsicherheit nicht anmerken zu lassen – immerhin kam es mehr als selten vor, dass ihre Interviewpartner derart aufgeschlossen und sympathisch waren. Silvias Erfahrung nach waren die meisten in der Modebranche arbeitenden Menschen nämlich exzentrisch und alles andere als umgänglich. Demnach war sie mehr als gespannt, ob sich Robert Holden in Kürze auch als einer dieser aus einer anderen Welt zu stammen scheinenden Modezaren entpuppte oder ob er tatsächlich auf dem Boden der Tatsachen geblieben war. Nur fünf Minuten später saßen Silvia und Robert bereits an der Hotelbar und bestellten sich jeweils ein Glas Weißwein.
Nachdem sich Liane und Jake darauf geeinigt hatten, dass er in den nächsten Tagen zu ihr ins Strandhaus ziehen würde, war Jake nach Hause gefahren. Liane hatte sich derweil in ihr Zimmer zurückgezogen, um etwas Schlaf nachzuholen. Nachdem sie ungefähr zwei Stunden im Land der Träume verbracht hatte, stand sie wieder auf und nahm eine ausgiebige Dusche. Anschließend ging Liane zurück ins Erdgeschoss, doch schon auf der ersten Treppenstufe vernahm sie zwei männliche Stimmen aus dem Wohnzimmer – und eine davon war die Stimme ihres Vaters James Connor. "Dad? Was machst du denn schon wieder hier?" fragte Liane, da sich die beiden schließlich erst vor wenigen Stunden gesehen hatte. "Hallo Liane. Ein wichtiges Anliegen hat mich erneut hierher geführt. Darf ich bekannt machen? Jean, das ist meine Tochter Liane. Liane, das ist Jean Voltaire. Er arbeitet seit heute in meiner Firma und ist noch auf der Suche nach einer Wohnung, also habe ich ihm vorgeschlagen, dass er doch mit meiner reizenden Tochter zusammenziehen könnte," stellte James Liane seinen Begleiter vor. Nachdem Liane Jean kurz die Hand gegeben hatte, musterte sie ihn kritisch von Kopf bis Fuß. "Ein sehr origineller Name. Sind Sie Franzose?" "Ich stamme gebürtig aus Quebec," erwiderte Jean und verzog dabei keine Miene. "Dad, kann ich dich kurz unter vier Augen sprechen?" fragte Liane und zog ihren Vater hinaus in den Flur. "Was ist denn los mit dir?" "Du kannst doch nicht einfach einen wildfremden Mann anschleppen und verlangen, dass ich mit ihm zusammen ziehe!" regte sich Liane auf. "Und ob ich das kann. Ich habe dir in der Vergangenheit so viele Gefallen getan. Muss ich dich wirklich daran erinnern, dass alles, was du besitzt, in Wirklichkeit mir gehört? Dein Auto, deine Kleidung, dein Schmuck, das Studium deines sogenannten Verlobten – all das habe ich finanziert!" sagte James zwar mit gedämpfter Stimme, aber trotzdem in einem harschen Ton. "Jean wird hier einziehen. Punkt, aus, Ende." "Aber Dad..." "Kein aber, Liane. Du wirst dich gefälligst mit ihm arrangieren. Haben wir uns verstanden?" verübte James seiner Forderung Nachdruck. Die Unterredung zwischen Vater und Tochter wurde durch das Klingeln von Lianes Handy jäh unterbrochen. Liane warf James einen wütenden Blick zu, bevor sie sich ihr Handy schnappte, welches auf der Anrichte im Wohnzimmer lag, und damit auf der Veranda verschwand. "Hallo?" fragte sie unwirsch, nachdem sie das Gespräch entgegengenommen hatte. "Hey Schatz, ich bin’s," meldete sich Luke am anderen Ende der Leitung. "Störe ich gerade?" "Nein, ich habe mich nur über meinen Vater geärgert. Schön, dass du anrufst. Was gibt es denn?" "Nichts Besonderes. Ich wollte dir eigentlich nur sagen, wie sehr ich dich liebe." Liane war verblüfft, als sie diese Worte vernahm – schließlich kam es selten vor, dass Luke derart aufmerksam war. "Das ist so süß von dir, dass du extra anrufst, um mir das zu sagen. Ich liebe dich auch," hauchte Liane verliebt in ihr Handy. "Sehen wir uns heute noch? Ich habe um 8 Feierabend. Wir könnten eine Kleinigkeit essen gehen," schlug Luke vor. "Liebend gern. Holst du mich ab?" "Mit dem größten Vergnügen. Bis nachher dann. Küsschen." "Küsschen zurück," lächelte Liane und beendete dann das Gespräch. Während sie auf den South Beach hinausschaute, wurde Liane abermals bewusst, wie glücklich sie mit Luke war. Sie war fest überzeugt, dass sie mit ihm an ihrer Seite alle Schwierigkeiten des Lebens meistern würde – und daran würde auch ihr Vater nichts ändern können.
Inzwischen war es später Abend geworden. Jake saß in Silvias Wohnung auf der Couch und schaute sich ein Footballspiel im Fernsehen an. In der Hand hielt einer Flasche Bier, aus der er ab und zu einen Schluck nahm. Schließlich kam Silvia von ihrem Termin nach Hause und entledigte sich im Flur ihres Mantels, bevor sie ins Wohnzimmer kam. "Hallo," sagte sie knapp und ging an Jake vorbei in die Küche, um sich ein Glas Mineralwasser einzugießen. "Und, wie war das Interview?" wollte er von ihr wissen. "Es war okay," meinte Silvia im Vorbeigehen, "ich hätte den Tag lieber mit dir verbracht." "Ich weiß aber nicht, ob dir das glauben kann," erwiderte Jake. "Weißt du, ich habe heute einige Zeit über unsere Beziehung nachgedacht und ich denke, dass uns eine kleine Beziehungspause ganz gut tun würde. Vielleicht merkst du dann, dass du mich vielleicht doch ein kleines bisschen vermisst." "Ich glaube, ich höre nicht recht. Ich bin also in deinen Augen die Einzige, die Schuld an unserer Krise trägt? Zu einer Beziehung gehören immer noch zwei!" regte sich Silvia auf und schaute ihren Freund mit einem erbosten Blick an. "Da hast du Recht – aber ich wüsste nicht, was ich getan hätte, um unsere Beziehung zu torpedieren. Du bist diejenige, die sich von mir entfremdet hat. Und das ist eine Tatsache, daran gibt es nichts zu rütteln." Jake stand auf und stellte seine Bierflasche auf den Wohnzimmertisch. "Und da ich dir im Moment nicht länger deine kostbare Zeit rauben will, habe ich beschlossen, zu Liane ins Strandhaus zu ziehen." "Wieso denn ausgerechnet zu Liane?" fragte Silvia und riss erstaunt die Augen auf. "Sie hat es mir heute angeboten. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss meine Sachen zusammen packen," meinte Jake in einem abweisenden Ton und verschwand im Schlafzimmer. Silvia sackte derweil auf einem ihrer Sessel zusammen und begann zu realisieren, dass sie nahe dran war, Jake für immer zu verlieren.
In einem spärlich erleuchteten Motelzimmer saß Jean Voltaire auf dem Bett, das auch schon bessere Tage gesehen hatte, und packte nach und nach mit versteinerter Miene zahlreiche Hemden und Hosen in einen großen schwarzen Koffer. Als er damit fertig war und der Koffer bis zum Rand gefüllt war, klappte Jean ihn zu und wuchtete ihn neben die Zimmertür. Anschließend ging er zum Fenster und schaute hinaus auf die nächtliche Stadt. Immer wieder spukte die eine wichtige Frage in seinem Kopf herum: Konnte er in Miami endlich die schmerzende Vergangenheit hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen? Als er vor wenigen Tagen in die Stadt gekommen war, war er fest überzeugt, dass dies möglich war, doch mittlerweile zweifelte er an seiner Entscheidung, die Flucht nach vorne gewagt zu haben. Jean sehnte sich nach körperlicher Nähe, doch gleichzeitig wusste er, dass er einen langen Weg beschreiten musste, bis er endlich so weit war, sich einem fremden Menschen öffnen zu können. Jean wandte sich vom Fenster ab, setzte sich auf das Bett und löschte das Licht. Er saß noch eine ganze Weile unbeweglich in der Dunkelheit, bis er sich entkleidete und sich schlafen legte.
"Und, habe ich zu viel versprochen? Ich habe doch gesagt, dass wir unter Garantie heute Nacht hier übernachten werden," verkündete Victoria, als sie sich gemeinsam mit Nancy in einem der zahlreichen Gästezimmer auf dem Anwesen der Zavigos befand. "Ja Victoria, du bist die beste, alle Welt weiß es," erwiderte Nancy in einem trockenen Tonfall und ließ sich auf dem Bett nieder, um die Matratze zu testen. "Ich gehe mir noch kurz ein Glas Wasser holen," entschuldigte sich Victoria bei ihrer Freundin und verließ darauf das Zimmer. Sie machte sich auf den Weg ins Erdgeschoss, doch ungefähr auf der Hälfte der Treppe hielt sie inne, als sie Maria und Steve zusammen in der Eingangshalle des Hauses stehen sah. "Verrätst du mir jetzt bitte mal, was eigentlich mit dir los ist? Seitdem diese Victoria hier aufgetaucht ist, bist du total verändert. Ich dachte, sie ist eine alte Freundin von dir, aber du freust dich scheinbar gar nicht, sie wiederzusehen." "Victoria ist keine Freundin, sie ist ein Miststück," sagte Maria in einem nervösen Ton, "sie verbreitet Gerüchte, schmiedet Intrigen und erfreut sich am Unglück anderer. Und genau aus diesem Grund ist sie hier, da wette ich mit dir." "Wette gewonnen," flüsterte Victoria leise zu sich selbst und spitzte weiter ihre Ohren, um jedes Wort der beiden mitzubekommen. "Und wenn sie herausfindet, wer du wirklich bist, wird es sich wie ein Lauffeuer verbreiten – und das müssen wir verhindern. Dein Geheimnis geht niemanden etwas an," meinte Maria und Steve nahm sie in den Arm. "Wir sollten jetzt schlafen gehen. Morgen können wir in Ruhe darüber nachdenken, was wir tun werden." "In Ordnung," nickte Maria und danach gingen die beiden Arm im Arm nach draußen zum Gästehaus, welches sich etwas abseits vom Haupthaus befand. "Danke für den Tipp, Maria," lächelte Victoria boshaft, "dieses Geheimnis wird bald keins mehr sein, dafür werde ich schon sorgen..."











