1/I Welcome to South Beach (1)
Laute Musik schallte an diesem späten Samstagabend durch das zweistöckige Strandhaus, welches sich sich im äußersten Süden der Partymeile South Beach befand und nur knapp 50 Meter Luftlinie vom Atlantischen Ozean entfernt lag. Ungefähr 100 Menschen bevölkerten in diesem Augenblick beide Ebenen des Hauses und feierten die Verlobung von Liane Connor und Luke Foster. "Ich wusste gar nicht, dass du so viele Leute kennst," raunte Silvia Shoon ihrer besten Freundin Liane zu, doch die konnte aufgrund der ohrenbetäubenden Musik keinen Ton verstehen und gab Silvia per Zeichensprache zu verstehen, dass sie nach draußen auf die Veranda gehen sollten. Liane und Silvia bahnten sich ihren Weg ins Freie und atmeten schließlich begierig die kühle Nachtluft ein. Am wolkenlosen Himmel glitzerten einige Sterne und vom Meer wehte ein angenehmer Wind auf die Promenade zu, was für die beiden Frauen eine willkommene Abwechslung zur stickigen und trockenen Luft im Strandhaus war. "Diese Party ist einfach der Oberhammer!" stieß Liane aus und fuhr mit der Hand durch ihre langen blonden Haare, während sie ihren Kopf in den Nacken legte und ihren Blick über den nächtlichen South Beach schweifen ließ. Sie war nicht mehr ganz nüchtern, doch das störte sie in diesem Moment nicht im Geringsten. "In der Tat. Alle scheinen ihren Spaß zu haben," pflichtete Silvia ihr bei und stellte sich neben Liane an den weißen Zaun, der die Veranda des Strandhauses vom Sandstrand trennte. "Und ich hoffe, dass du mit Luke glücklich wirst. Du hast es wirklich verdient." "Das ist so lieb von dir. Komm, lass dich drücken," rief Liane und umarmte Silvia so stürmisch, dass die beiden Frauen beinahe umgefallen wären. Nur mit Mühe und Not gelang es Silvia, das Gleichgewicht zu halten. "Weißt du was? Vielleicht feiern wir ja sogar eine Doppelhochzeit. Wie wär’s, soll ich Jake mal ganz dezent darauf hinweisen, dass er dir auch einen Antrag machen soll?" kicherte Liane. "Untersteh dich!" stieß Silvia entrüstet aus, obwohl sie genau wusste, dass Liane lediglich herumalberte. "Sag mir lieber, welche Farbe mein Brautjungfernkleid haben wird, damit ich mich schon einmal ums passende Make-up kümmern kann."
"Mädels, die Party findet drinnen statt! Schmusen könnt ihr später noch!" unterbrach Kayla Evans die Unterhaltung der beiden Frauen und forderte sie mit einer Handbewegung auf, wieder ins Innere des Strandhauses zurückzukehren. "Keine Panik, wir kommen gleich!" rief Liane ihr zu, woraufhin Kayla nickte und sich erneut ins Getümmel stürzte. Drinnen tanzten die Menschen ausgelassen zu den Beats und Bässen, die aus den Lautsprechern dröhnten. Kayla schaute sich um und entdeckte nach kurzer Suche Luke, der am Treppenabsatz stand, eine Flasche Bier in der Hand hielt, und sich mit einem ihr fremden Mann unterhielt. Kayla ging auf die beiden Männer zu, da sie im oberen Stockwerk nach dem Rechten sehen wollte. Für einen kurzen Augenblick trafen sich Lukes und Kaylas Blicke und im Vorbeigehen streifte Luke für einen kurzen Moment mit seiner Hand über Kaylas Hintern. Sie drehte sich um und schaute ihn verführerisch an, bevor sie ihren Kopf wieder nach vorne richte und auf der Treppe verschwand. Luke warf ihr einen vielsagenden Blick zu, ließ sich vor seinem Gesprächspartner jedoch nichts anmerken. Fünf Minuten später ging Luke ebenfalls ins obere Stockwerk und steuerte geradewegs auf Kaylas Schlafzimmer zu. "Da bist du ja endlich," lächelte sie, nachdem Luke das Zimmer betreten hatte. "Schließ die Tür ab." Dies ließ sich Luke nicht zwei Mal sagen. Er verriegelte die Tür von innen und riss Kayla anschließend in Sekundenschnelle die Kleidung vom Leib. Unter stürmischen Küssen fielen Luke und Kayla aufs Bett, wo die beiden ihr Liebesspiel vertieften und zum Äußersten gingen. Ihr heftiges Stöhnen wurde von der Musik übertönt, wodurch keiner der Partygäste auch nur ahnen konnte, was sich in diesem Augenblick in Kaylas Schlafzimmer abspielte – vor allem nicht Liane, die in diesen Sekunden Silvia stolz ihren funkelnden Verlobungsring präsentierte.
Starring
Jennifer Gareis as Liane Connor
Johnny Messner as Luke Foster
William deVry as Jean Voltaire
Kim Raver as Maria Zavigo
Alex Dimitriades as Steve Morena
Timothy Adams as Jake Webb
Sydney Penny as Silvia Shoon
Molly Sims as Kelly Wyland (credit only)
Sharon Case as Nancy Gray
Romany Malco as Chris Monroe (credit only)
Nia Long as Victoria Harris
Guest Starring
Patrick Duffy as Jacob Zavigo
Natalie Imbruglia as Kayla Evans
John Slattery as James Connor
Der nächste Morgen brachte die Ernüchterung. Liane konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, wie und wann sie in ihr Bett gekommen war, doch sie war froh, dass sie es überhaupt geschafft hatte. Nur mühsam stemmte sie ihren matten Körper in die Höhe und blinzelte verschlafen durch ihr halbdunkles Schlafzimmer. Rasch stellte sie fest, dass die andere Hälfte ihres Doppelbetts leer war. "Wo steckt Luke?" ging es ihr sofort durch den Kopf. Mit vorsichtigen Bewegungen erhob sich Liane aus ihrem Schlafgemach, zog die Vorhänge auseinander und warf einen kurzen Blick auf den South Beach hinunter. Die Sonne strahlte bereits am Himmel und die Möwen kreisten wie jeden Tag über dem azurblauen Meer, immer auf der Suche nach einem schmackhaften Frühstück. Liane hingegen verspürte keinen Hunger – ihr war leicht flau im Magen und am liebsten hätte sie sich für den Rest des Tages unter der Bettdecke verkrochen. Nachdem sie kurz das Badezimmer aufgesucht und sich ihren Bademantel übergezogen hatte, ging sie mit wackeligen Schritten die Treppe hinunter. Im Wohnzimmer entdeckte sie Luke und Kayla, die am gedeckten Frühstückstisch saßen und sich gerade eine zweite Tasse Kaffee genehmigten. "Guten Morgen," sagte Liane leise und schloss noch im selben Moment die Augen, da ihr Kopf bei jedem gesprochenen Wort höllisch schmerzte. "Guten Morgen, Schatz," lächelte Luke, "hast du gut geschlafen?" "Im Gegenteil. Ich fühle mich wie ausgekotzt," erwiderte Liane und nahm auf dem freien Stuhl neben Luke Platz. Luke goss seiner Verlobten ebenfalls eine Tasse Kaffee ein, die diese dankbar in Empfang nahm. Als Liane sich umschaute, stellte sie fest, dass das gesamte Wohnzimmer einem Schlachtfeld glich. Die Spuren der gestrigen Party waren nicht zu übersehen: Überall lagen zerbröselte Erdnussflips und Kartoffelchips auf dem Fußboden, ein Lampenschirm war in zwei Teile zerbrochen, und die Sofakissen waren so platt, als ob ein Elefant darauf Platz genommen hätte. Zu allem Übel entdeckte Liane auch noch einen handtellergroßen roten Fleck auf dem weißen Teppich – offensichtlich hatte jemand Rotwein verschüttet. Liane stöhnte laut auf, beschloss jedoch, sich nicht allzu sehr zu ärgern. "Wieso seid ihr eigentlich schon so früh auf? Ich habe gar nicht gehört, wann du aufgestanden bist, Luke," meinte Liane beiläufig, während sie etwas Milch in ihren Kaffee gab. Luke warf Kayla einen kurzen Blick zu, bevor er sich im Kopf eine passende Antwort zurecht legte. "Vor ungefähr einer Stunde. Ich wollte dich nicht wecken, du hast so fest geschlafen," antwortete Luke. Dass er gar nicht in Lianes, sondern in Kaylas Bett übernachtet hatte, brauchte Liane schließlich nicht zu wissen. Umso besser also, dass sie keinen blassen Schimmer hatte, was in der letzten Nacht vorgefallen war.
Auf der anderen Seite der Stadt befand sich Silvia in ihrer Wohnung im Stadtteil Morningside. Das mehrstöckige Haus hatte eine rote Backsteinfassade und war erst vor zwei Jahren komplett renoviert worden. Silvia und ihr Freund Jake Webb waren hier vor einem Jahr eingezogen. Eigentlich war die großzügig geschnittene Immobilie viel zu groß für die beiden, da es zwei Schlafzimmer gab, doch Silvia verdiente genug Geld, um sich eine Wohnung dieser Ausmaße leisten zu können. Silvia, deren Vater aus Irland stammte, war in Miami aufgewachsen und hatte nach ihrem Highschoolabschluss ein Stipendium für die renommierte Universität Yale erhalten, wo sie Journalismus und Literaturwissenschaften studierte und mit Auszeichnung bestand. Zurück in ihrer Heimatstadt hatte sie zunächst ein Volontariat bei der Modezeitschrift "Belle" abgeleistet und wurde aufgrund ihrer hervorragenden Qualifikationen wenig später fest eingestellt. Mittlerweile war sie eine der erfolgreichsten aufstrebenden Redakteure in ganz Miami und Umgebung. Silvia, die sich am gestrigen Abend in Sachen Alkohol zurückgehalten hatte und daher keine Beschwerden verspürte, kämmte sich gerade im Badezimmer ihre schulterlangen Haare, als Jake hinter ihr auftauchte und sie im Spiegel betrachtete. Er war das komplette Gegenteil von Silvia: Blond, muskulös und braungebrannt. Jake hatte nicht studiert und verdiente sich sein Geld als Kellner in einer der zahlreichen Bars am Ocean Drive in South Beach. "Und, wohin gehen wir zwei heute Abend?" fragte Jake und setzte sich auf den Badewannenrand. "Heute Abend?" drehte sich Silvia zu ihm um und schaute ihn irritiert an. "Ja. Hast du etwa vergessen, dass wir beide endlich mal wieder romantisch essen gehen wollten?" "Oh nein, das tut mir wirklich leid. Ich hab’s total verschwitzt. Heute Abend geht beim besten Willen nicht, ich habe ein ganz wichtiges Meeting mit einem der erfolgreichsten Designer aus Los Angeles, der nur für zwei Tage in der Stadt ist. Wenn es mir gelingt, das Interview erfolgreich über die Bühne zu bringen, könnte ich vielleicht sogar eine Gehaltserhöhung zur Sprache bringen." "Na klasse. Und ich hatte mich schon so gefreut," meinte Jake und stand wieder auf, "aber deine Karriere ist dir scheinbar wichtiger als ich." "Das stimmt doch gar nicht. Aber einer von uns beiden muss schließlich das Geld verdienen." "Wie bitte? Was meinst du denn, was ich acht bis zehn Stunden am Tage mache?" "Okay, das war falsch ausgedrückt. Aber auf lange Sicht kannst du als Kellner nicht für unsere geplante Familie aufkommen." "So wie es momentan aussieht, wird aus unserer Familienplanung sowieso nichts, denn ich kann schließlich kein Baby austragen und du bist viel zu beschäftigt, um dir ernsthafte Gedanken über unsere private Zukunft zu machen. Hauptsache, die Kohle stimmt." Mit diesen Worten verließ Jake das Badezimmer und Silvia hörte wenige Augenblicke später die Wohnungstür ins Schloss fallen.
Luke, Liane und Kayla saßen noch immer am Frühstückstisch, als es plötzlich an der Tür des Strandhauses klingelte. "Ich gehe schon," meinte Kayla und erhob sich von ihrem Stuhl. "Kayla, schön dich zu sehen," sagte James Connor, nachdem Kayla die Haustür geöffnet hatte. "Ist meine Tochter da?" "Natürlich, kommen Sie doch herein." "Vielen Dank." Wenige Augenblicke später betrat Lianes Vater das Wohnzimmer und schaute mit angewidertem Blick auf das Chaos, welches sich ihm bot. "Hallo Liane. Komme ich ungelegen?" begrüßte er seine Tochter auf seine gewohnt schroffe Art. Luke nickte er lediglich kurz zu, bevor er seinen Blick wieder auf Liane richtete. "Nein Dad, es sieht schlimmer aus, als es ist. Setz dich doch," bot Liane ihrem Vater an. "Nein danke, ich stehe lieber," erwiderte James und verschränkte die Arme vor der Brust. "Ich denke, ich werde mich jetzt auf den Weg zur Arbeit machen. Wir sehen uns später," meinte Luke und gab Liane zum Abschied einen flüchtigen Kuss. Dann verließ er das Strandhaus über die Veranda, um nicht an James vorbeigehen zu müssen. Nachdem Luke verschwunden war, ging James ein paar Schritte im Zimmer umher und blieb schließlich vor dem großen Panoramafenster stehen. "Das ist also das Leben, was du führen möchtest," begann er schließlich in einem vorwurfsvollen Ton zu sprechen. "Was meinst du?" fragte Liane und schaute ihren Vater verwundert an. "Ich rede davon, auf welch unrühmliche Art und Weise du deine Zeit vergeudest! Willst du wirklich den Rest deines Lebens an der Seite dieses dahergelaufenen Straßenköters verbringen und wilde Partys feiern?" James’ harsche Worte trafen Liane schwer. "Ich liebe Luke und an meinen Gefühlen kannst du nichts ändern," erwiderte sie trotzig. "Deine Mutter würde sich in Grund und Boden schämen, wenn sie wüsste, was für einen Mann du heiraten willst," legte James nach und versetzte Lianes Herzen damit einen gewaltigen Stich. Als Kind hatte Liane immer großen Wert auf die Meinung ihrer Mutter gelegt, da diese ihr großes Vorbild gewesen war. Mit ihrem Tod vor zwei Jahren hatte Liane nach wie vor zu kämpfen. "Lass Mom bitte aus dem Spiel," flehte sie ihren Vater an. "Willst du jetzt etwa auch noch deinem Vater den Mund verbieten? Das wird ja immer schöner. Aber wahrscheinlich sollte ich dein Verhalten dem Saufgelage von letzter Nacht zuschreiben. Wenn wir uns das nächste Mal sehen, hoffe ich, dich in einem weniger erbärmlichen Zustand anzutreffen. Du bist immer noch die Tochter von James Connor und nicht irgendeine beliebige Dorfschlampe, haben wir uns verstanden?" sagte James in einem scharfen Tonfall. Liane nickte stumm und wagte es nicht, ihren Vater dabei anzusehen. "Ich muss jetzt zu einem wichtigen Geschäftstermin. Irgendwer in der Familie muss schließlich das Geld verdienen, das andere mit vollen Händen ausgeben. Wir telefonieren in den nächsten Tagen. Mach’s gut." James ging auf Liane zu, gab ihr einen Kuss auf die Wange und machte sich dann auf den Weg nach draußen. Liane blieb wie ein Häufchen Elend am Tisch sitzen und ließ sich die Worte ihres Vaters noch einmal durch den Kopf gehen.
In der Zwischenzeit befand sich Flug 605 der American Airlines auf dem Weg vom New Yorker John F. Kennedy International Airport zum Miami International Airport. Auf einem der Fensterplätze auf der rechten Seite des Ganges saß eine hübsche, schwarzhaarige Frau, welche gelangweilt in einer Modezeitschrift blätterte. Ab und zu warf sie einen Blick aus dem Fenster und starrte mit einem aufgewühlten Blick auf die Landschaft unter sich. Die Verzweiflung stand Victoria Harris förmlich ins Gesicht geschrieben. Lange hatte sie mit sich gehadert, ob sie dieses Flugzeug tatsächlich besteigen sollte, doch schließlich war sie zu der Erkenntnis gekommen, dass dies die einzige Möglichkeit war, ihren inneren Frieden zu finden. Sie musste einfach nach Miami zurückkehren – in die Stadt, in der ihr geliebter Bruder Damon ums Leben kam. Obwohl inzwischen zehn Jahre vergangen waren, hatte Victoria diesen schmerzlichen Verlust noch immer nicht überwunden. Zu groß war der Schock, als Damon an diesem einen schrecklichen Tag in der Notaufnahme des "Redfield Hospital" verstarb – und das unter den Händen von Victorias bester Freundin Maria Zavigo und deren Vater, dem renommierten Chirurgen Jacob Zavigo! Als Damon nach einem Herzstillstand ins Krankenhaus eingeliefert worden war, hatten die beiden festgestellt, dass Damon offenbar eine Überdosis Beruhigungstabletten in Verbindung mit Alkohol eingenommen hatte. Dass Maria Damon diese Beruhigungstabletten erst wenige Tage vorher zur Behandlung seiner psychischen Probleme verschrieben hatte, hatten die Zavigos im abschließenden Bericht jedoch unter den Tisch gekehrt, was für Victoria ein eindeutiger Beweis dafür war, dass die beiden sich ihrer Schuld zwar bewusst waren, aber nicht bereit waren, dies auch einzugestehen. Victoria hatte den Obduktionsbericht unzählige Male durchgelesen und sich an verschiedene Anwälte gewandt, doch die Möglichkeit, den Zavigos einen Fehler anzulasten, war verschwindend gering. Diese Erkenntnis war niederschmetternd, doch für Victoria kein Grund zur Aufgabe. Wenn sie schon nicht vor Gericht gegen die Zavigos vorgehen konnte, dann wollte sie es sich nicht nehmen lassen, das Leben dieser Familie auf andere Art und Weise zu zerstören. Allein der Gedanke daran versetzte Victoria in gute Stimmung. Sie legte die Modezeitschrift beiseite und bestellte sich bei der Stewardess einen trockenen Martini.
Nach seinem Streit mit Silvia war Jake nach South Beach gefahren, um dort eine Runde über den Strand zu joggen. Bereits als Kind hatte er Sport in allen Variationen als Ventil für seine Aggressionen benutzt und dies bis zum heutigen Tage beibehalten. Nachdem sich Jake ungefähr eine halbe Stunde lang den Frust von der Seele gelaufen hatte, hechtete er mit langen Schritten eine der künstlichen Steintreppen hinauf, die vom Strand zur Promenade führten. Gerade als er die vorletzte Stufe erklommen hatte, erlitt er plötzlich einen Krampf in der rechten Wade und geriet ins Straucheln. Vom stechenden Schmerz abgelenkt achtete Jake nicht mehr auf seine Schritte und stieß dadurch mit einem dunkelhaarigen Mann zusammen, der die Treppe in die entgegengesetzte Richtung benutzen wollte. Jake konnte einen Sturz nicht mehr vermeiden und riss den fremden Mann mit zu Boden. Erst nach mehreren Sekunden auf dem steinigen Asphalt konnten beide wieder einen klaren Gedanken fassen. Jake, dessen Krampf sich inzwischen gelöst hatte, rappelte sich als Erster auf. "Man, ist mir das peinlich. Hast du dir was getan?" fragte er vorsichtig und reichte dem anderen Mann die Hand, an der er sich hochziehen sollte. "Ich glaube nicht," erwiderte der Fremde knapp. Anstatt Jakes Hand zu ergreifen, richte er sich aus eigener Kraft wieder auf und schnappte sich anschließend seine Sporttasche, die er während des Sturzes fallengelassen hatte. Ein unbeholfenes "Tut mir echt leid" war alles, was Jake in diesem Augenblick noch einfiel. "Schon ok," murmelte der Mann und verschwand, ohne Jake noch einmal anzusehen. Der blieb noch einen Augenblick verdutzt stehen, bis er seinen Lauf schließlich fortsetzte.
Die Wanduhr tickte leise im Hintergrund und erfüllte den Raum mit ihrem gleichmäßigen Klang. Wie jeden Donnerstag befand sich Luke bei seiner wöchentlichen Therapiesitzung bei der Psychiaterin Maria Zavigo. Mit gefalteten Händen saß er auf der weißen Ledercouch und starrte Löcher in die Luft, während er darauf wartete, dass die Zeit verstrich. Maria, die ihm gegenüber saß, kannte das Prozedere bereits und wusste mittlerweile, dass Luke während ihrer Sitzungen selten auch nur ein einziges Wort über die Lippen brachte. "Die Stunde ist vorbei," sagte sie schließlich in einem nüchternen Ton und Luke atmete erleichtert auf. Er erhob sich von der Couch und wollte das Zimmer bereits verlassen, bis Maria erneut das Wort ergriff. "Diese Verhaltenstherapie ist eigentlich dazu gedacht, Ihnen zu helfen, Luke. Wenn Sie natürlich der Meinung sind, dass es sowieso sinnlos ist und Sie hier nur die Zeit absitzen wollen, ist das auch in Ordnung, aber es bringt Sie kein Stückchen weiter." "Sie wissen doch ganz genau, dass ich diese Therapie nicht freiwillig mache, sondern nur, damit ich meinen Job nicht verliere," erwiderte Luke verärgert, "aber solange ich jede Woche brav hier erscheine, kann mir keiner was." "Aber das ändert nichts an der Situation. Wenn sich der Vorfall ein zweites Mal ereignet, werden Sie nicht mehr mit einem blauen Auge davonkommen," warnte Maria ihn, "und ich dachte, Ihnen liegt viel an Ihrem Beruf." "Das tut es auch." "Wenn Sie noch einmal grundlos einen Kollegen zusammenschlagen, werden Sie Ihre Zulassung verlieren. Ich hoffe, das ist Ihnen bewusst." "Warum weisen Sie mich dann nicht direkt in die geschlossene Abteilung ein, wenn ich so gefährlich bin?" zischte Luke wütend und Maria schüttelte ungläubig den Kopf. "Hören Sie endlich auf, mich als Ihre Feindin anzusehen. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen – und das meine ich wirklich ernst. Das Problem ist nur, dass ich Ihnen nicht helfen kann, wenn Sie nicht mit mir reden." "Ich kann das nicht." "Was können Sie nicht?" "Über meine Gefühle sprechen. Das geht einfach nicht." "Es braucht vermutlich seine Zeit, aber Sie sollten es wenigstens versuchen," schlug Maria ihm vor, "und ich denke auch, dass Sie das schaffen werden. Also?" "Okay. Versuchen wir es. Aber ich garantiere für gar nichts." "Der erste Schritt ist getan," lächelte Maria und reichte ihm zum Abschied die Hand, "bis nächste Woche dann." "Selber Tag, selbe Uhrzeit," antwortete Luke, bevor er das Zimmer schließlich verließ. Maria packte ihre Sachen zusammen, räumte noch ein bisschen auf und machte dann ebenfalls Feierabend. Als sie auf den Krankenhausflur hinaustrat, rief plötzlich eine männliche Stimme hinter ihr ihren Namen und sie drehte sich verwundert um.
Nach dem Kurzbesuch bei seiner Tochter, welcher ihm erneut vor Augen geführt hatte, dass er Lianes Leben dringend in andere Bahnen lenken musste, bevor es zu spät war, war James Connor in seine Firma "Connor Enterprises" gefahren. Deren Büroräume befanden sich in einem modernen Neubau am Rande des Biscane Boulevard. In der Chefetage angekommen, sah James einen ihm fremden Mann vor seinem Büro sitzen, der nervös mit einem Bein auf und ab wippte. In seinen Händen hielt er etwas, was wie eine Bewerbungsmappe aussah. "Wollen Sie zu mir?" fragte James in einem unwirschen Ton und ging auf den Mann zu. Der sprang sofort auf, strich sich die Hose seines Anzugs glatt und reichte James seine rechte Hand. "Guten Tag, Mr. Connor. Mein Name ist Jean Voltaire. Wir hatten vor einigen Tagen telefoniert und Sie hatten mich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen." James musterte Jean für einen Augenblick von Kopf bis Fuß. "Ach ja, ich erinnere mich." Er schüttelte Jean kurz die Hand und bat ihn dann sein Büro, welches komplett mit teuren Designermöbeln ausgestattet war. James nahm hinter seinem Schreibtisch aus Mahagoni Platz und ließ sich Jeans Bewerbungsmappe reichen, welche er in wenigen Sekunden überflog und dann salopp auf den Schreibtisch fallen ließ. Jean wusste nicht recht, was er davon halten sollte, ließ sich jedoch nichts anmerken und schaute James abwartend an. Der wiederum überlegte einen Moment und betrachtete sein Gegenüber mit kritischen Blicken. Jean wirkte in seinen Augen seriös, entschlossen und erhaben – drei Eigenschaften, die nicht viele seiner Mitarbeiter aufweisen konnten. Einen feinen Anzug konnte außerdem jeder Mann tragen, doch nur wenigen stand er so gut wie Jean. Es schien fast so, als wäre nur nicht sein Anzug, sondern auch sein Körper maßgeschneidert. "Dieser Kerl hat das gewisse Etwas," schoss es James durch den Kopf. Rasch wurde ihm klar, dass Jean genau der Typ Mann war, den er sich als Schwiegersohn und somit als Lianes Ehemann wünschte. "Erzählen Sie mir doch ein bisschen mehr von sich," forderte James Jean auf und gab diesem damit unterschwellig zu verstehen, dass er den Arbeitsplatz bei "Connor Enterprises" so gut wie sicher hatte.
"Maria! Schön dich zu sehen," rief der ältere Mann im weißen Arztkittel, der hinter Maria aufgetaucht war und sie anstrahlte. "Dad! Das ist aber eine Überraschung," freute sich Maria, "ich wusste gar nicht, dass du heute Spätdienst hast." "Das hatte ich auch eigentlich nicht, aber ein Kollege hat sich krankgemeldet und dann bin ich quasi in letzter Sekunde eingesprungen. Deine Mutter hat getobt wie eine Irre, weil wir Karten für die Oper hatten. Aber ganz im Vertrauen, wirklich traurig bin ich nicht," grinste Jacob Zavigo verschmitzt und Maria begann ebenfalls zu grinsen. Sie wusste schließlich seit frühester Kindheit, wie sehr ihr Vater seinen Beruf liebte. "Und du? Endlich Feierabend?" erkundigte sich Jacob bei seiner Tochter, während die beiden den Flur hinunterschlenderten. "Ja, ich mache heute etwas eher Schluss. Ich hole jetzt gleich noch Steve vom Strand ab und dann fahren wir nach Hause." "Dann grüß ihn schön von mir. Ich muss jetzt kurz auf der chirurgischen Intensivstation nach dem Rechten sehen." "Dann will ich dich nicht länger aufhalten. Viel Spaß im Dienst," zwinkerte Maria und umarmte ihren Vater zum Abschied. Nachdem sich ihre Wege getrennt hatten, ging Jacob zum Fahrstuhl, um sich in den fünften Stock befördern zu lassen. Als die Türen aufgingen, erblickte er sogleich ein weiteres bekanntes Gesicht – und zwar das von Luke Foster, der sich inzwischen ebenfalls seinen Arztkittel übergezogen hatte. "Ah, Dr. Rambo gibt sich die Ehre," meinte Jacob scherzhaft und gab seinem Kollegen die Hand, "wie geht es Ihnen?" "Man schlägt sich so durch," erwiderte Luke in einem ironischen Tonfall. "Hauptsache, Sie haben Ihren Humor nicht verloren," lachte Jacob kurz auf und wurde dann wieder leiser, "und ganz im Vertrauen, diese kleine Abreibung war längst überfällig. Ich habe selten einen unangenehmeren Zeitgenossen als Dr. Clarke erlebt. Wenn es nötig sein sollte, werde ich jederzeit ein gutes Wort für Sie einlegen." "Ich danke Ihnen, Sir." "Keine Ursache," wiegelte Jacob ab, "Sie wissen, wie sehr ich Sie und Ihre Arbeit schätze. Übrigens wollte ich Sie schon lange einmal zum Abendessen einladen. Hätten Sie und Ihre Verlobte vielleicht Lust, am Samstag bei uns zu speisen?" "Natürlich, es ist mir eine Ehre." "Schön. Sagen wir gegen acht Uhr?" "In Ordnung." "Wunderbar. Ich freue mich." Kaum hatte Jacob diese Worte ausgesprochen, war der Fahrstuhl im fünften Stock angekommen und die beiden Männer verabschiedeten sich voneinander. Luke blieb jedoch mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend zurück.
Zum selben Zeitpunkt trat Victoria Harris aus der Eingangshalle des Miami International Airport ins Freie und setzte sich ihre Sonnenbrille auf die Nase. Das feuchtwarme Klima in Miami unterschied sich im großen Maße vom regnerischen Wetter in New York und Victoria brauchte daher einige Augenblicke, um sich an ihre neue Umgebung zu gewöhnen. "Willkommen zu Hause," sagte sie zu sich selbst und drehte sich dann zu ihrer Begleiterin um, die nun hinter ihr auftauchte. "Was ist los, Nancy? Wieso trödelst du so herum?" "Mein Absatz ist eben abgebrochen, und anstatt stehen zu bleiben läufst du einfach weiter," zischte Nancy Gray und kam auf Victoria zugehumpelt, "dabei habe ich dir sogar noch hinterher gerufen." "Es war so laut da drinnen. Außerdem kann ich meine Ohren nicht überall haben," erwiderte Victoria schnippisch und kramte danach in ihrer Handtasche, um wenige Sekunden später eine Packung Zigaretten zum Vorschein zu bringen. Während sie sich eine Zigarette ansteckte, zog Nancy ihren rechten Stiletto aus und stand nun barfuß auf dem heißen Asphalt. Nancy hatte lange blonde Haare und trug an diesem Tag einen sehr kurzen Rock, der ihre langen Beine besonders zur Geltung brachte. "Und, was machen wir jetzt? Wollen wir hier am Flughafen Wurzeln schlagen?" fragte Nancy und warf gleichzeitig einen wehmütigen Blick auf die kläglichen Überreste ihres Schuhs. "Gemach, gemach," sagte Victoria und blies den Rauch langsam in die Luft, "ich habe dir doch bereits im Flugzeug gesagt, dass wir meine alte Schulfreundin Maria besuchen werden. Ihre Eltern sind steinreich und haben ein Haus, das einem Palast gleicht. Wenn wir Glück haben, können wir dort über Nacht bleiben." "Wie langt habt ihr euch eigentlich nicht gesehen?" "Mindestens zehn Jahre." "Und meinst du, dass es ihr gefallen wird, dass du nach so langer Zeit einfach unangekündigt bei ihr hereingeschneit kommst?" "Nein, aber genau das ist ja der Sinn der Sache. Unangekündigte Besuche stiften viel mehr Unruhe, denn es bleibt keine Zeit, um Geheimnisse noch rechtzeitig unter den Teppich zu kehren, wenn du verstehst, was ich meine. Ich persönlich bin ein großer Fan von schmutziger Wäsche," lächelte Victoria geheimnisvoll und drückte dann ihre Zigarette aus. Danach winkte sie ein Taxi heran.











