42/VI Essor et chute d’une star

Nachdem der Tornado über Melody Ville hinweggezogen war, kehrten die Bewohner der Stadt in ihre zerstörten Häuser zurück und sammelten alles, was ihnen wichtig erschien, zusammen. Da die meisten Gebäude einsturzgefährdet waren, verbrachten die Einwohner die Nacht in der unbeheizten Aula der "St. George High School". Nachdem Trudy Mackenzie eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen hatte, schliefen alle tief eingemummelt in ihre Schlafsäcke ein. Am nächsten Morgen wurden sie jedoch durch ein lautes, penetrantes Hupen geweckt. "Oh my Gott, die World geht under! Women und Kinder zuerst!" schrie sich Bambina Knirsh die Kehle aus dem Hals und krallte sich mit beiden Händen an ihrem Schlafsack fest. "Halt’s Maul, du Drama Queen!" zischte Ruthie Mackenzie und verpasste Bambina noch im selben Augenblick eine schallende Ohrfeige. Anschließend stellte sie sich auf einen Hocker und zog ein Megafon hervor. "Aufgepasst! Das ist der Bus, der uns nach Harmony Bay bringt! Macht euch bereit, denn diese Reise wird ganz bestimmt kein Zuckerschlecken! In 10 Minuten ist Abfahrt!" krähte Ruthie in das Megafon – und zwar so laut, dass sich alle die Ohren zuhalten mussten. Rasch rollten die Bewohner ihre Schlafsäcke zusammen und begaben sich anschließend mit ihren Habseligkeiten auf den Schulhof, wo bereits der Reisebus auf sie wartete. Hinter dem Steuerrad saß niemand Geringeres als Murgy Muschka, welche eifrig eine Straßenkarte studierte. Unter der Leitung von Ruthie, welche im schnellen Takt in die Hände klatschte und dabei "Zack, zack, da kommt Bewegung rein!" brüllte, verstauten die Bewohner ihr Gepäck und suchten sich anschließend einen Sitzplatz.

Während die Jugendlichen wie gewohnt die hinteren Plätze in Beschlag nahmen, nistete sich die ältere Garde hinter dem Führerhäuschen ein. Zum Schluss kontrollierte Ruthie, ob sich auch jeder im Bus befand. Als dies geschehen war und wider Erwarten tatsächlich niemand fehlte, setzte sich der Bus schwerfällig in Bewegung. Ruthie machte es sich auf einer Zweierbank bequem und kramte in ihrem Rucksack nach ihrem Walkman, als Graaz neben ihr erschien. "Dürfte ich eventuell neben dir sitzen? Luis und Raoul spielen da hinten Karten, und das ist mir entschieden zu laut," fragte Graaz höflich. Ruthie schaute sie mit zusammengekniffenen Augen an. "Nur wenn du dein dreckiges Maul hältst! Aber da du dass nicht kannst – NEIN!" zischte sie und stellte demonstrativ ihren Rucksitz auf den freien Sitz neben sich. Graaz schossen auf der Stelle die Tränen in die Augen, was Ruthie mit Genugtuung bemerkte. Bambina bekam von alledem nichts mit, da sie in der Zwischenzeit eine erstaunliche Entdeckung gemacht hatte: In der Ritze zwischen zwei Sitzen steckte ein altes Tourplakat, auf welchem in großen Lettern "Sweet Salope Tour 2000" geschrieben stand. Darunter war Bambina in einem freizügigen Outfit abgebildet und um ihren Hals hing eine rosafarbene Boa. "Oh du holy Shit! Now I get it! That’s mein old Tourneebus! This is so damn crazy. Ich kann mich noch exactly remembern, wie ich on the Rückbank meine Innocence verlor. Ich was so besoffen and drunk, but der Boy surely was mine!" Bambina betrachtete das Plakat mit einem wehmütigen Blick. Nach einiger Zeit fielen ihr die Augen zu und sie begann von vergangenen Zeiten zu träumen.



Starring
Landry Allbright as Ruthie Mackenzie
Halle Berry as Eschke Doughter
Francis Capra as Raoul Figaro (credit only)
Jan Hoag as Murgy Muschka
James Hyde as Hank Bennett (credit only)
Keshia Knight-Pulliam as Bambina Knirsh
Jesse Metcalfe as Luis Figaro (credit only)
Juliett Mills as Tabatha Lopez (credit only)
Juliett Mills as Tabitha Bennett (credit only)
Mackenzie Rosman as Mäckie Mackenzie (credit only)
Nicholle Tom as Graaz Lopez
Guest Starring
Kelly Bishop as Buffi Mackenzie
Barbara Crampton as Medusa Mackenzie
Andrea Evans as Trudy Mackenzie
Katherine Kelly Lang as Florke de Mahaffy
Phylicia Rashad as Mama Doughter
Alfre Woodard as Bauke Mamadou

Bambina Knirsh hatte eine glückliche Kindheit in Melody Ville verlebt. Gemeinsam mit ihren besten Freunden Graaz Lopez und Luis Figaro hatte sie die örtliche Grundschule besucht und später ihre weitere Ausbildung an der "St. George High School" genossen. Ihre Großmutter Mama Doughter hatte sich jahrelang um Bambina gekümmert, da ihre Mutter Eschke aus Karrieregründen keine Zeit für ihre Tochter hatte und stattdessen durch die Weltgeschichte gereist war, immer auf der Suche nach den neuesten Klatschnachrichten.

Wie jedes kleine Mädchen hatte Bambina damals den Herzenswunsch gehegt, einmal hübsch und berühmt zu werden. Zumindest einer dieser beiden Wünsche sollte später für kurze Zeit in Erfüllung gehen.

Als Bambina eines Tages – es war kurz nach ihrem 13. Geburtstag – von der Schule nach Hause kam, bemerkte sie sofort die nagelneue Corvette in der Einfahrt. Sie verabschiedete sich von Graaz, mit welcher sie sich am Nachmittag in der Bibelstunde treffen wollte, und rannte die Einfahrt hinunter. Nachdem Bambina die Haustür aufgeschlossen hatte, stieg ihr der Duft von teurem Parfüm in die Nase. Wie auf Samtpfoten näherte sich Bambina der Küche, in der sich zwei Frauen lauthals stritten. Als sie vorsichtig um die Ecke schaute, erblickte Bambina neben ihrer Großmutter eine ihr fremde Frau, die Stöckelschuhe, ein elegantes Kleid und glitzernde Ohrringe trug. Bambina bekam große Augen und starrte die Frau fasziniert an, da sie so etwas bislang nur aus dem Fernsehen kannte. Noch dazu fielen in der Unterhaltung zwischen dieser Frau und ihrer Großmutter zahlreiche Worte, welche Bambina die Schamesröte ins Gesicht trieben. Nach ein paar Minuten wollte sich Bambina unbemerkt entfernen, doch das Knarzen der Holzdiele ließ die beiden Frauen in der Küche auf sie aufmerksam werden. "Bambina, bist du das?" rief Mama Doughter, so dass Bambina sich schließlich zu erkennen gab. Mit gesenktem Blick betrat sie die Küche, da sie es nicht wagte, der hübsch angezogenen Frau ins Gesicht zu blicken. Sie schämte sich für ihr zerschlissenes Kleidchen und ihre ungekämmten Haare. "Ja, ist es denn zu fassen! Ist das etwa meine Tochter?" entfuhr es Eschke und sie brach bei Bambinas Anblick in schallendes Gelächter aus. "Ich kann nicht glauben, dass so was meinen Lenden entsprungen ist," brachte sie mit Tränen in den Augen hervor. "Wie kannst du bloß so herzlos sein, Eschke!" erboste sich Mama Doughter. "Sei du bloß still! Schau dir das Gör doch an. Mit Ruhm hast du dich jedenfalls nicht bekleckert!" konterte Eschke und ihre Ohrringe klimperten bei jeder ihrer Kopfbewegungen, was Bambina mit offenem Mund beobachtete. "Ich habe mein Bestes gegeben, nachdem du sie hier wie einen Müllsack abgestellt hast!" schrie Mama Doughter den Tränen nahe. "Nun, mit Müll kennst du dich ja bestens aus. Deine gesamte Einrichtung ist reif für den Sperrmüll und dein Geschmack stinkt zum Himmel. Aber genug davon," lächelte Eschke. Als sie bemerkte, dass Bambina ihren Schmuck anstarrte, erfüllte sie dies mit großer Genugtuung. Gekonnt spreizte sie ihre Finger und präsentierte ihrer Tochter jeden Ring einzeln. "Na, gefallen dir die Klunker? Mommy kann dir säckchenweise Schmuck schenken, wenn du magst." Bambina horchte auf und nickte eifrig. "Wenn ich dir den Schmuck besorge, dann musst du auch etwas für mich tun," fügte Eschke rasch hinzu. Bambina bemerkte den bedrohlichen Unterton in Eschkes Stimme nicht. Alleine die Verheißung auf Schmuck und Reichtum hatte sie willenlos gemacht. Und so kam es, dass Graaz an diesem Tag alleine in der Bibelstunde saß und vergeblich auf Bambina wartete.

Es dauerte nicht lange, bis sich Bambina in der Grande Suite des Hotels in der Milabu Avenue wiederfand, in welchem sich Eschke während ihres Aufenthalts in Melody Ville eingemietet hatte. Bambina lag gerade auf dem überdimensionalen Himmelbett und schaute sich Zeichentrickfilme im Fernsehen an, als Eschke in Begleitung von drei ihrer Assistenten den Raum betrat. "Das ist sie," flüsterte sie hinter vorgehaltener Hand und deutete mit einem Kopfnicken in Bambinas Richtung. Die drei Assistenten postierten sich wortlos neben der Tür, während Eschke zielstrebig auf das Bett zuging und Bambina mit einem gekonnten Griff die Fernbedienung aus der Hand riss. "Aufgepasst!" zischte Eschke und spannte Bambinas Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger ein, um ihre volle Aufmerksamkeit zu erhalten. "Ich möchte dir jemanden vorstellen. Das sind Marlous, dein Vocal Coach, Gaute, dein Personality Coach, und Max, mein Kameramann. Marlous und Gaute werden dich in Zukunft 24 Stunden am Tag betreuen und dich keine Sekunden aus den Augen lassen. Max und ich werden dich jetzt zur Probe interviewen. Denk daran, Stage Presence zu beweisen. Dein Look und dein Outfit sind zwar noch nicht perfekt, aber mit etwas Glitter und Glamour wirst du bald Rich 'n' Spoiled aussehen. Wir brauchen außerdem jede Menge Emotions, kriegst du das hin?" fragte Eschke, während sie mit ihrem Handy einige Fotos von Bambina machte. Bambina wusste nicht, wie ihr geschah, und brachte vor Schreck keinen Ton heraus. Nur wenige Sekunden später stand Max mit laufender Kamera vor ihr und Eschke hielt ihr ein Mikrofon unter die Nase. "Meine verehrten Zuschauer, guten Abend, mein Name ist Eschke Doughter, ich berichte heute live vom Ort des Grauens für den geschätzten Sender MD-TV! Neben mir sitzt das neue Popsternchen Bambina Knirsh, das in Kürze ihre erste CD auf den Markt werfen wird. Bambina, erzählen Sie uns doch bitte, wie Sie es geschafft haben, der grauen Masse zu entkommen und ins gleißende Rampenlicht zu treten!" Mit aufgerissenen Augen starrte Bambina in die Kamera und sie merkte, wie ihr die Schweißperlen die Stirn herunterliefen. Anstelle einer Antwort versteckte sich Bambina unter der Bettdecke und begann zu wimmern. "Aus! Cut! Ich fasse es nicht!" schrie Eschke und fegte vor Wut eine Vase vom Nachttisch. "Kümmert ihr euch um sie! Und ich warne euch – in ein paar Stunden will ich erste Fortschritte sehen!" herrschte Eschke Marlous und Gaute an. Danach stürmte sie wütend davon und knallte die Tür der Grande Suite hinter sich zu.

Einige Monate waren seitdem verstrichen. Inzwischen war es Frühjahr und in Melody Ville und den umliegenden Städten gab es nur noch ein einziges Thema: Den von MD-TV ins Leben gerufenen "Melodyvision Song Contest", an welchem Vertreter aus jeder Stadt des Umkreises teilnehmen sollten. Durch ihren immensen Einfluss bei MD-TV hatte Eschke Doughter erreicht, dass das Gremium für die interne Auswahl Bambina nominiert hatte, für Melody Ville an den Start zu gehen. Und so kam es, dass Bambina, deren Künstlername nun "Bämbs" lautete, jeden Tag mehrere Stunden auf MD-TV zu sehen war. Durch das monatelange Coaching hatte sie sich in ein mediengerechtes Popsternchen verwandelt, ausgestattet mit zahlreichen Allüren und einem scheinbar perfekten Leben. Niemand ahnte, dass Eschke die Fäden in der Hand hielt. Der Öffentlichkeit wurde Bambina nämlich als armes Waisenkind verkauft, das sich ganz von alleine nach oben gearbeitet hatte. Dass Eschke Bambinas Mutter war, war top secret und durfte unter keinen Umständen bekannt werden!

Schließlich war der große Abend des "Melodyvision Song Contest" gekommen. Neben Melody Ville hatten auch Epiphany Town und Harmony Bay jeweils eine Sängerin zum Wettbewerb entsandt. Bramsenbach-Dromsenbusch hatte sich jedoch in letzter Sekunde zurückgezogen, da der lokale Fernsehsender pleite gegangen war. Moderiert wurde die Veranstaltung – wie sollte es anders sein – von Eschke Doughter, welche sich live aus dem Hotel in der Milabu Avenue an die Fernsehzuschauer wandte. "Meine verehrten Zuschauer, guten Abend, mein Name ist Eschke Doughter, ich berichte heute live vom Ort des Grauens für den geschätzten Sender MD-TV! Wir möchten Ihnen heute Abend ein Konzert der Sonderklasse präsentieren. 3 Städte kämpfen um den Sieg! Ist das nicht spannend? Ich glaube, ich platze vor Aufregung! Und jetzt: Bühne frei für den ersten Beitrag! Für Epiphany Town tritt an Lünett mit dem Lied 'Mon bébé est un clochard'. Patin und Sponsorin der Sängerin ist 'Mackenzie Enterprises'." Lünett bot einen fetzigen Bauernschlager dar, der den Saal in Windeseile zum Kochen brachte. Anschließend präsentierte Sjors aus Harmony Bay die zweisprache Ballade "Tu es moi, je bent me", welche jedoch beim Publikum keinen Anklang fand. Während des Vortrags verließ beinahe die Hälfte aller Gäste den Saal, um sich vor dem Hotel mit Limonade und Süßkram einzudecken.

Pünktlich zu Bambinas Auftritt füllte sich die Halle erneut und alle Gäste vor Ort und zu Hause vor den Fernsehern warteten gespannt auf den Beitrag aus Melody Ville. Bambina wurde jedoch von großen Lampenfieber geplagt und weigerte sich, vor Publikum aufzutreten. Eschke wusste um diesen Umstand und ließ daher eine unsichtbare, verspiegelte Wand in den Festsaal rollen, welche die Bühne und das Publikum voneinander abtrennte. Während das Publikum weiterhin freien Blick auf die Bühne hatte, konnte Bambina niemanden sehen. Eschke schubste Bambina hinaus auf das Parkett und Bambina ging mit ängstlichem Blick zum Mikrofon. Als die ersten Takte ihres Lieds "Je danse juste pour moi" erklangen, verlor Bambina jedoch ihre Scheu. Sie zog sich die Schuhe aus, hielt sie nicht an die Choreogaphie, und tanzte von einer Ecke in die andere, während sie mit gellender Stimme den Text ins Mikrofon brüllte. Eschke befürchtete bereits eine Katastrophe, doch das Publikum war begeistert und feuerte Bambina regelrecht an. Nach dem Auftritt musste Bambina von zwei Sanitätern von der Bühne getragen werden, da sie sich vollkommen verausgabt hatte. In der Zwischenzeit wurden bereits die Telefonleitungen geöffnet. Nach 10 Minuten wurde die Abstimmung beendet und Eschke trat erneut vor das Publikum. "Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir starten nun mit der Punktevergabe!" Per Videowand erfolgte nun eine Live-Schaltung in den Melody Tower in Epiphany Town, wo Buffi Mackenzie an ihrem Schreibtisch saß. "Good evening, Melody Ville! This is Epiphany Town calling! What a wonderful show you did tonight!" sprach Buffi in die Kamera. "Thank you so much, Epiphany Town. May we have the Epiphanian results, please?" "Of course. Here are the results of the Epiphanian televote: Harmony Bay – 1 Point, La Baie de Harmony – 1 Point. Melody Ville – 12 Points, La Ville de Melody – 12 Points! Congratulations!" Die Menschen im Festsaal stießen Jubelrufe aus und klatschten mehrere Minuten. "Now we move on to Harmony Bay. Goedenavond, buurtjes!" "Goedenavond, Melody Ville! Dank je vel voor deze revue!" meldete sich Florke de Mahaffy aus dem Leuchtturm von Harmony Bay. "Zo hebben we afgestemd: Epiphany Town – 1 Point. Melody Ville – 12 Points!" Erneut brach das Publikum in einen Freudentaumel aus. "Last but now least, let’s see how the Melodian public has voted. Hello, Melody Ville!" "Chello! Siis is Melody Ville collin! Sänk ju sooo matsch for se wanderfol show!" Auf der Videowand erschien Murgy Muschka, welche die Punkte aus Melody Ville vorlas. "So, I will tell ju nau hau se Melodian pablick has tschosen: Harmony Bay – 1 Point. Epiphany Town – 12 Points!" Nach dem Sieg von Melody Ville gab es im Hotel in der Milabu Avenue kein Halten mehr.

Nach dem großen Erfolg beim "Melodyvision Song Contest" wurde Bambina zum Ehrenbürger von Melody Ville ernannt. Innerhalb eines Tages wurde ihr Debütalbum "Sweet Salope" produziert, welches sich in Melody Ville über 100 Mal verkaufte und somit wochenlang Platz 1 der "Melody Charts" belegte. Noch nie zuvor hatte ein Künstler dies erreicht und Bambina genoss daher auch außerhalb der Stadtgrenzen immense Popularität – zumindest für eine gewisse Zeit.

Mit tosendem Applaus begann an diesem Nachmittag die Aufzeichnung der neuesten Ausgabe der Melody Tonight Show auf MD-TV. "Meine sehr verehrten Damen und Herren, bitte begrüßen Sie Ihre Gastgeberin Medusa Mackenzie!" kündigte eine männliche Stimme den Auftritt der Moderation an. In der Mitte des Studios saß Medusa Mackenzie hinter ihrem Schreibtisch und wartete auf das Zeichen der Produzentin, mit ihrer Einleitung zu beginnen. "Guten Abend zusammen, ich begrüße Sie recht herzlich zu einer weiteren Ausgabe der Melody Tonight Show. Heute zu Gast: Der neue Stern am Pophimmel, Bambina Knirsh!" lächelte Medusa in die Kamera und auf der Leinwand im Hintergrund sah man Bambina in ihrer Garderobe, wie sie mit Lockenwicklern im Haar und Gurkenmaske auf ihrem Schminkstuhl saß und völlig erschrocken aus der Wäsche guckte. Sofort schaltete die Kamera zurück auf Medusa, welche daraufhin die Expertenrunde im Studio begrüßte. "Neben Bambinas Entdeckerin und Mentorin Eschke Doughter hat die Reporterin Bauke Mamadou heute bei uns Platz genommen. Bauke arbeitete für die Musikzeitschrift 'Melody Music' und hatte bereits einige kritische Artikel über Bambinas kometenhaften Aufstieg verfasst." "Und sich dafür die ein oder andere Klage eingehandelt," zischte Eschke hinter vorgehaltener Hand, was Bauke jedoch nicht verborgen blieb. "Du halt’s Maul! Was weißt du schon," keifte Bauke und schaute Eschke hochnäsig von der Seite an. "Ich weiß mehr als du. Das merk dir, Flittchen!" konterte Eschke. "Du hast deinen Presseausweis doch im Kaugummiautomaten gewonnen. Solche Schmierfinken wie du bringen doch die ganze Gewerkschaft in Verruf!" "Ladies, ich muss doch sehr bitten," versuchte Medusa einzuschreiten. In diesem Moment wurde Bambina ins Studio gebracht, die plötzlich wie aus dem Ei gepellt aussah und nicht mehr an das jämmerliche Etwas von vor wenigen Minuten erinnerte. Bambina nahm zwischen Eschke und Bauke Platz, die sich weiterhin mit giftigen Blicken anfeindeten. "Bambina, Sie sehen einfach zauberhaft aus. Wie machen Sie das bloß? Manchmal kommt es mir so vor, als wenn sie auf jedem Foto anders aussehen würden. Eins ist schöner als das andere. Verraten Sie uns doch bitte das Geheimnis ihrer Schönheit," begann Medusa mit der Gesprächsrunde. "Well, also... it is so... ich...," stammelte Bambina. "Deine Artikel sind einen Dreck wert," zischte Eschke und beugte sich hinter Bambinas Rücken zu Bauke herüber. "Jetzt reicht’s mir aber!" kreischte Bauke und griff nach ihrem Wasserglas, dessen Inhalt sie Eschke ins Gesicht kippen wollte. Sie verfehlte jedoch ihr Ziel und die Flüssigkeit landete genau in Bambinas Gesicht. Bambina stieß einen gellenden Schrei aus und nur wenige Augenblicke später löste sich ihr Gesicht in seine künstlichen Bestandteile auf: Das gesamte Make-up, die falschen Wimpern, die angeklebten künstlichen Wangenknochen und das Nasenprofil aus Silikon rutschten in die Tiefe und ließen Bambina wie einen hässlichen Clown erscheinen. Bambina brachte vor Schreck keinen Ton heraus und sie lief vor Scham rot an. Schließlich sprang sie wie von der Tarantel gestochen auf und rannte aus dem Studio. "Schätzchen, vergiss deinen Plastikarsch nicht!" rief Bauke ihr hinterher und hielt sich den Bauch vor Lachen.

Nach diesem peinlichen Vorfall war Bambinas Karriere schlagartig beendet, doch auch nach all den Jahren zehrte das Mädchen stets von den Erlebnissen dieser Zeit.

Als der Bus eine Vollbremsung hinlegte, wurde Bambina unsanft aus ihren Träumen gerissen. "Diesa Idiot hat nischt gesehen, dass Busse hier Voorfahrt haben!" schrie Murgy aus dem Führerhäuschen. "Keine Panik, keine Panik, es gäht sofoort weiter!" Mit einem sanften Lächeln betrachtete Bambina das Tourplakat und zerriss es dann in tausend Stücke. "The Show is over, say Goodbye," sagte sie zu sich selbst. Anschließend drehte sie sich zu Graaz um, welche eine Bank hinter ihr saß und im Radio gerade das Lied "Where have all the Clowns gone" hörte. "Maybe du hast Bock, Mau-Mau with me zu playen?" "Liebend gerne," nickte Graaz, "ich frage Luis und Raoul, ob sie uns ihr Kartenspiel leihen." "Oh, I just love the Good Life," seufzte Bambina und lehnte sich zufrieden zurück, während der Bus weiter in Richtung Harmony Bay fuhr.

Letzte Aktualisierung: 10.06.2010

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