38/V Ruthie dans le camp

Mit heulenden Sirenen holperte der Krankenwagen, in dem Tabitha Bennett gerade um ihr Leben kämpfte, nachdem sie einen Herzinfarkt erlitten hatte, über die Fleet Street bis hin zum "Melody Ville Medical Center". An Tabithas Seite saß ihre Zwillingsschwester Tabatha, die sich große Vorwürfe machte – und auch die Klatschreporterin Eschke Doughter, die samt ihrem Kameramann Max und dessen Ausrüstung im hinteren Teil des Krankenwagens Platz gefunden hatte. "Meine sehr verehrten Zuschauer, meine Name ist Eschke Doughter und ich berichte heute live vom Ort des Grauens für den geschätzten Sender MD-TV! Wir sind gerade live dabei, wie eine Frau die schrecklichsten Stunden ihres Lebens durchmacht! Tabitha, bitte sagen Sie doch, wie Sie sich gerade fühlen!" Eschke hielt Tabitha das Mikro unter die Nase, doch diese war nicht ansprechbar und lag unter einer Atemmaske. "Keine Reaktion! Sie sehen also, wie ernst es ist! Spitzfindig wie ich bin, habe ich natürlich alles auf Band!" sprach Eschke erregt in die Kamera und wandte sich danach an Tabatha, über deren Gesicht dicke Tränen kullerten. "Ja, Tabatha, zeigen Sie Ihre Emotionen! Die Zuschauer wollen Tränen sehen, das ist es, Sie sind ein Star! Weiter so! Oh, mit dieser Reportage werde ich ganz bestimmt den Sensations-Award gewinnen!" "Und ich werde auch endlich berühmt," meinte Max erfreut. "Halt die Klappe, Max. Niemand interessiert sich auch nur einen Scheißdreck für dich!" zischte Eschke und lächelte nur eine Sekunde später verführerisch in die Kamera. "In wenigen Augenblicken werden wir unser Ziel erreichen – doch wird die Zeit ausreichen, um ein Leben zu retten? Bleiben Sie dran, verehrte Zuschauer! Wir haben die Stars, die anderen nicht!" Kaum hatte Eschke diese Worte ausgesprochen, legte der Krankenwagen eine Vollbremsung hin und Eschke konnte sich kaum noch auf ihren Stilettos halten, so dass sie fast auf Tabitha draufgefallen wäre. "Wir sind da!" krähte der Fahrer und noch im nächsten Augenblick wurde die Hintertür aufgerissen, damit die Sanitäter Tabitha begutachten und sie ins Krankenhaus bringen konnte. "Aus dem Weg! Presse, wir sind von der Presse! Lassen Sie uns gefälligst durch!" pöbelte Eschke, als sie und Max vom Pflegepersonal ins Abseits gedrängt wurden. Während um sie herum das reinste Chaos herrschte, fühlte sich eine bestimmte Person pudelwohl: Tabitha Bennett genoss die Aufmerksamkeit sichtlich und konnte sich ein schelmisches Lächeln nicht verkneifen, welches von den Ärzten als Verkrampfung der Gesichtsmuskulatur abgetan wurde.

Starring
Landry Allbright as Ruthie Mackenzie
Halle Berry as Eschke Doughter
Francis Capra as Raoul Figaro
Marcia Cross as Preston Rogers
Courtnee Draper as Piston Rogers
Jan Hoag as Murgy Muschka
James Hyde as Hank Bennett
Keshia Knight-Pulliam as Bambina Knirsh
Jesse Metcalfe as Luis Figaro
Juliett Mills as Tabatha Lopez
Juliett Mills as Tabitha Bennett
Kay Panabaker as Dinah Beseburgh
Mackenzie Rosman as Mäckie Mackenzie
Nicholle Tom as Graaz Lopez
Guest Starring
Mischa Barton as Merissa Cohen
Harriet Samson Harris as Magda Muschka

Das "Camp Harmony" lag außerhalb der Stadt Melody Ville inmitten saftiger, grüner Wiesen in einer idyllischen Landschaft. Der schöne Eindruck wurde jedoch dadurch getrübt, dass das gesamte Gelände durch eine meterdicke Betonmauer geschützt wurde – ein Entkommen gab es von hier ganz gewiss nicht. Das Camp war im Jahre 1888 errichtet worden, um aufmüpfigen Kindern Gehorsam beizubringen. Inzwischen war man natürlich von gewissen Folterungsmaßnahmen abgewichen, trotzdem herrschte im "Camp Harmony" immer noch eine bedeutende Strenge. Ruthie Mackenzie war nun schon seit einer Woche dort. Die Schüler bewohnten Zweierzimmer; Ruthies Bettnachbarin war ein brünettes Mädchen namens Merissa Cohen. Sie hatte sehr reiche Eltern und stammte aus dem kleinen Kaff Bettywhite Valley. Nach "Camp Harmony" war sie aufgrund von extremen Alkoholexzessen und Ladendiebstahl gekommen. In diesem Moment befand sich Ruthies Klasse auf dem kleinen Fußballfeld, denn der Sportunterricht stand auf dem Stundenplan. "10 Runden über den Platz! Und keine weniger!" brüllte die Lehrerin Mrs. Fanferry und trillerte ohrenbetäubend mit ihrer Pfeife. Schwerfällig setzte sich die Klasse in Bewegung, nur Ruthie hüpfte federleicht über den Platz und hatte den Rest der Schüler schon längst abgehängt. Doch als sie sich umdrehte, sah sie, dass Merissa ihr ganz nah auf den Fersen war. "Na warte, du mickrige Bohnenstange!" zischte Ruthie und ließ sich absichtlich etwas zurückfallen, um Merissa vorbeizulassen. Kaum hatte diese Ruthie passiert, holte Ruthie aus und schubste Merissa nach vorne, so dass diese stürzte und mit beiden Ellenbogen auf den harten Boden knallte. Unter Schmerzen rollte sie sich zur Seite und fiel in die durch den Regen aufgeweichte Sandgrube, die sonst für Weitsprung genutzt wurde. "Ruthie! Merissa! Was ist hier los? Ihr seid wohl nicht ganz bei Trost!" schrie Mrs. Fanferry. "Aber nicht doch, Mrs. Fanferry, wir haben doch nur miteinander gespielt," lächelte Ruthie Mackenzie mit unschuldiger Miene. "Ich bin entzückt, wie gut du dich in die Gruppe integriert hast," lobte Mrs. Fanferry Ruthies Verhalten und schaute danach auf Merissa, die in der Schlammpfütze lag. "Merissa, schau dich doch an! Du bist ja ganz schmutzig. Ab unter die Dusche, aber hurtig, und dann geht es zur Strafe ohne Abendessen ins Bett. Na wird’s bald." Ruthie setzte unterdessen ihren Lauf weiter fort und kam nach zehn Runden kräftestrotzend als Erste ins Ziel.

Da das Wetter für einen Herbsttag unbeschreiblich schön war, hatten sich Mäckie Mackenzie und ihr neuer Freund Raoul Figaro kurzerhand entschlossen, eine romantische Bootstour über den Melody River zu machen. Mäckie hatte den alten Picknickkorb vom Dachboden geholt und ihn mit allerhand Leckereien gefüllt; auch an eine plunderige Decke vom letzten Flohmarkt hatte sie gedacht. Als sie mit den Vorbereitungen fertig war, stellte sie sich ans Fenster und wartete darauf, dass ihr Angebeteter sie abholen würde. Doch stattdessen klingelte plötzlich jemand anderes an der Haustür. "Dinah? Was willst du denn hier?" fragte Mäckie erstaunt, als sie Dinah Beseburgh vor sich stehen sah. "Hast du vielleicht Lust, heute mit mir zu spielen? Mir ist so langweilig." "Heute ist es ganz schlecht. Hättest du nicht vorher anrufen können?" meinte Mäckie schnippisch und schaute dabei auf ihre frischlackierten Fingernägel. "Das geht doch nicht. Die haben mir doch das Telefon gesperrt, weil meine Eltern weg sind und niemand die Rechnung bezahlt hat. Ach, ich bin ja so alleine," schluchzte Dinah, "aber wenn du keine Zeit hast, dann geh ich wieder. An der Statue von St. Alamain ist bestimmt was los." "Nein, warte, so war das ja nicht gemeint," erwiderte Mäckie schnell, "mein Freund und ich, wir machen heute eine Bootstour. Du kannst gerne mitkommen." Am liebsten hätte sich Mäckie direkt danach auf die Zunge gebissen, denn nun konnte sie jegliche Art von Romantik vergessen. "Echt? Das ist toll! Habt ihr auch was zu essen? Ich habe seit Tagen nichts Richtiges zwischen meinen Beißerchen gehabt." "Natürlich. Wir haben alles da," lächelte Mäckie sie falsch an.

Als die Pausenklingel im "Camp Harmony" um Punkt 12 Uhr mittags ertönte, versammelten sich wie gewohnt alle Kinder und Jugendlichen in der Mensa. Während sich alle in einer Schlange vor der Essenstheke anstellten, wurde getuschelt, gelacht und geplappert. Kurzum, es herrschte ein munteres Treiben im gesamten Saal. Doch dies änderte sich schlagartig, als eine gewisse Person im Türrahmen stand: Ruthie Mackenzie. Sie trug weiße Handschuhe und ein feines Sonntagskleidchen von Gucci. Nun bahnte sie sich ihren Weg durch die Schlange, bis sie sich nach ganz vorne durchgedrängelt hatte. "Weg da, macht Platz, hier komm ich, Ruthie Mackenzie!" rief sie immer wieder und trat den anderen auf die Füße oder versetzte ihnen einen Hieb in die Rippen. Keiner wagte es ihr zu widersprechen, denn jeder wusste, wie aggressiv Ruthie war. Als sie vorne an der Theke angekommen war, riss Ruthie dem nebenstehenden Schüler sein Tablett aus der Hand und legte sich fein säuberlich ihr Besteck darauf. "Ich hätte gerne das Tagesmenü," trillerte Ruthie mit engelsgleicher Zunge und schaute die alte Frau hinter der Theke erwartungsvoll an. "Heute gibt’s nur Eintopf," erwiderte diese und wollte Ruthie gerade eine Kelle einfüllen, als diese sie garstig anstierte. "Wissen Sie etwa nicht, wer ich bin?" "Nein, weiß ich nicht." "Aha, Sie sind wohl neu hier... ich verstehe. Mein Name ist Ruthie Mackenzie. Na, fällt der Groschen nun?" "Entweder den Eintopf oder gar nichts," pampte die Frau zurück und Ruthie wurde vor Wut tiefrot im Gesicht. "Ich verlange sofort den Direktor zu sprechen!" "Der speist gerade zu Mittag und wünscht nicht gestört zu werden." "Wenn Sie wüssten, wer ich bin, wären Sie auch im Klaren darüber, dass der Direktor und ich jeden Sonntag gemeinsam Tee trinken! Also, entweder servieren Sie mir jetzt mein Vier-Gänge-Menü und retten damit Ihren Arsch, oder ich werde dem Direktor am nächsten Sonntag nahelegen, Sie zu feuern. Was ist Ihnen lieber?" lächelte Ruthie ihre Widersacherin eiskalt an. "Meine Antwort lautet: Eintopf!" giftete die alte Frau zurück und ihre Augen verengten sich zu kleinen Schlitzen. "Ihren dreckigen Eintopf können Sie sich in die Haare schmieren!" schrie Ruthie nun vollkommen außer sich und schleuderte das Tablett wie einen Bumerang über den Tresen, so dass alle Pappbecher und Ketchupflaschen damit umgesemmelt wurden. Eine von den Ketchupflaschen fiel direkt in Ruthies zarte Händchen, und geistesgegenwärtig drückte sie mit voller Kraft darauf, so dass die alte Frau von Kopf bis Fuß mit der roten Masse bespritzt wurde. "Sind das die neuen Herbstfarben der Saison? Steht Ihnen außerordentlich gut!" schüttete Ruthie sich den Bauch vor lauter Lachen aus. Als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, holte sie ihr nagelneues Handy aus ihrer Handtasche. "Hallo Herr Direktor, ich hoffe ich störe nicht? Hätten Sie wohl bei ihrem Mittagsmahl noch ein klitzekleines Plätzchen für mich frei? Mir steht im Moment der Sinn nach gehobener Gesellschaft." Mit diesen Worten stolzierte sie an der Schülermenge vorbei nach draußen und schaute jedem, an dem sie vorbeiging, furchteinflößend in die Augen.

Zur selben Zeit kam auch der Pick-up von Raoul Figaro am Bootsschuppen unweit vom Ufer des Melody Rivers zum Stehen. Da in der Fahrerkabine nur zwei Sitzplätze waren und diese von Raoul und seiner Freundin Mäckie belegt waren, musste Dinah Beseburgh die gesamte Fahrt auf der Ladefläche verbringen. "Wieso haben wir diese blöde Gans eigentlich mitgenommen?" zischte Raoul, nachdem er und Mäckie ausgestiegen waren. "Was sollte ich denn machen? Ich hatte eben Mitleid," verteidigte sich Mäckie, "aber wenn es mich recht überlege... auch Mitleid hat manchmal Grenzen." Sie wandte sich danach von Raoul ab und ging zu Dinah, die inzwischen von der Ladefläche geklettert war und sich den Schmutz von ihren Klamotten wischte. "Hör zu, Dinah. Wir haben dich hierher mitgenommen, aber jetzt musst du sehen, wie du alleine klarkommst." "Was? Was meinst du?" fragte Dinah mit großen Augen. "Okay, dann noch einmal ganz langsam zum Mitschreiben: Raoul und ich wollen es uns unten am Ufer kuschelig machen, und du störst uns! So einfach ist das. Also verzieh dich." Als Dinah diese Worte vernahm, drehte sie sich wortlos um und rannte beleidigt davon. "Das war gar ja nicht so schwer," meinte Mäckie verwundert und erfreut zugleich. Während sie sich damit abmühte, die Decke und den Picknickkorb zu schleppen, ging Raoul voraus zum Schuppen. "Ich habe vor ein paar Tagen eine romantische Überraschung für dich vorbereitet," kicherte er, "ich hoffe, es gefällt dir. Tritt ein." "Oh, ich bin ja so aufgeregt," meinte Mäckie entzückt und drückte die morsche Türklinke runter. Sofort schlug ihr ein moderiger Geruch ins Gesicht und sie musste sich die Nase zuhalten, sonst wäre sie auf der Stelle in Ohnmacht gefallen. "Scheinbar ist die Überraschung nicht mehr ganz frisch," brachte Mäckie gequält hervor, was Raoul verunsicherte. Er holte ein Streichholz hervor, womit er den Schuppen notdürftig erhellte. Kaum, dass man etwas sehen konnte, begannen Mäckie und Raoul zeitgleich an zu schreien: Vor ihnen lagen die leblosen Körper von Ben Delany und Patty Quack – genau in dem Kanu, welches Raoul vor ein paar Tagen gezimmert und auf den Namen "Mäckie’s Daydream" getauft hatte. So schnell wie sie konnten, rannten die beiden zurück ins Freie und riefen sofort Sheriff Parkinson über Mäckies Handy an.

Wie fast jeden Tag lagen Luis Figaro und Piston Rogers in Pistons Bett und trieben miteinander verbotene Spielchen. Dabei vergaßen sie immer öfter Zeit und Raum, und das, obwohl sie schon einmal fast von Pistons Mutter Preston erwischt worden waren. Aber Piston sagte immer "der Blitz schlägt nie zwei Mal an derselben Stelle ein", und deshalb machten sich die beiden keine Sorgen mehr. Doch sie hatten sich verkalkuliert, denn mitten im Liebesspiel vernahm Piston plötzlich Schritte auf der Treppe, die ins erste Stockwerk führte. "Oh mein Gott, du musst dich verstecken!" zischte Piston aufgeregt und befahl Luis, sich schnell unter das Bett zu legen. Piston nahm eine Zeitung von ihrem Nachttisch und tat so, als wenn sie ins Lesen vertieft wäre, als ihre Mutter das Zimmer betrat. "Piston, Schätzchen, ich habe uns Apfelstrudel vom Bäcker mitgebracht. Du bist doch sicher hungrig." "Nein, danke, ich habe gerade keinen Appetit," erwiderte Piston lächelnd. "In Ordnung. Ich werde dir etwas aufheben." Preston wollte das Zimmer gerade wieder verlassen, als plötzlich ein lautes Niesgeräusch ertönte. Prestons Gesichtszüge entgleisten, als sie realisierte, dass diese nicht von Piston stammten. "Piston, ist da etwa ein dunkelhaariger Mann unter deinem Bett?" "Mom, es ist nicht so, wie es aussieht," versuchte Piston die Situation zu retten, doch Preston verpasste ihr sofort eine schallende Ohrfeige. "Hey, du da unten!" schrie Preston Luis an. "Du kommst jetzt sofort da raus, ziehst dich an und verlässt auf der Stelle dieses Haus! Und wir," nun wandte sie sich wieder an Piston, "müssen uns dringend unterhalten!" Sie zog ihre Tochter am Arm aus dem Zimmer und verpasste ihr eine zweite Ohrfeige. "Bist du dir eigentlich dessen bewusst, was du da getan hast? Du bist erneut mit dem Freund von Ruthie Mackenzie ins Bett gegangen! Hast du denn nicht aus Harmony Bay gelernt?" "Es tut mir leid, Mom!" heulte Piston und hielt sich ihre gerötete Wange. "Es tut dir leid? Dass ich nicht lache! Aber lass mich kurz nachdenken... ja, genau. Du wirst ihn heiraten." "Ich soll was?" fragte Piston geschockt. "Du hast schon richtig gehört. Du wirst ihn heiraten und ich will, dass du Ruthie damit in Grund und Boden richtest. Und zwar nicht so stümperhaft wie damals. Ich erwarte, dass du sie fertigmachst!"

Währenddessen hatte sich Dinah Beseburgh in das dichte Schilf am Ufer des Melody Rivers verkrochen und schmollte vor sich hin. "Man, Mäckie und Raoul sind so gemein. Ich durfte nicht einmal ein Stück von dem Kuchen essen. Dabei hängt mir mein Magen schon in den Kniekehlen." Dinah beschloss, sich etwas von ihrem Ärger abzulenken, indem sie mit ihrem regenbogenfarbenen Wasserball herumspielte. Immer wieder warf sie ihn in die Luft und erfreute sich an den bunten Farben. Doch plötzlich wurde der Ball von einer leichten Windböe erfasst und in die Mitte des Melody Rivers geweht. "Oh nein! Mein schöner Ball!" knatschte Dinah und ihre Gesichtszügen entgleisten vollkommen. Panisch schaute sie sich um, denn sie wollte ihr Lieblingsspielzeug um keinen Preis verlieren. Da erspähte sie ein kleines Ruderboot, was zwischen den Schilfrohren vor sich hin trieb – sogar zwei Paddel lagen darin. Dinah zögerte nicht lange und bestieg den wackeligen Kahn, mit dem sie sich sogleich aufmachte, ihren Ball zu retten. Doch kaum hatte sie die Mitte des Flusses erreicht, merkte sie, dass die Strömung stärker war, als sie angenommen hatte, und der Ball geriet immer mehr außer Reichweite. Als sie nach unten schaute, sah sie, dass sich um ihre Füße herum eine Wasserlache gebildet hatte – das Ruderboot hatte ein Leck und begann zu sinken. Dinah versuchte verzweifelt, das Wasser mit ihren kleinen Händchen aus dem Boot zu schaufeln, doch es nützte nichts. Hilflos schaute sie sich zu allen Seiten um, doch Hilfe war nirgendwo zu sehen. "Mammaaaaa!!" schrie sie unter Tränen, doch ihre Hilferufe blieben ungehört. "Komm jetzt! Ich kann nicht schwimmen!! Hilfe! Mammaaaa!!!" Während Dinah Todesängste ausstand und einen Heulkrampf bekam, stand eine Person am Flussufer und beobachtete das Schauspiel durch ein Fernglas: Magda Muschka. "Das ist besser als Kino," lachte sie diabolisch und langte alle paar Sekunden in eine Tüte Popcorn, die sie sich erst vor wenigen Minuten im Supermarkt gekauft hatte. Nachdem die Strömung Dinahs Boot so weit mitgerissen hatte, dass sie außer Sichtweite geraten war, entfernte sich Madga unauffällig und verwischte professionell alle Spuren.

Fröhlich pfeifend und mit gefülltem Magen kehrte Ruthie Mackenzie vom Mittagstisch mit dem Schuldirektor in die Lobby des Hauptgebäudes des "Camp Harmony" zurück. Außer ihr war weit und breit niemand zu sehen, wahrscheinlich hockten alle anderen Schüler gerade in ihren Zimmern und brüteten über ihren Hausaufgaben. Ruthie hatte mit Hausaufgaben nicht viel am Hut, sie hatte die Lehrer fest im Griff und wusste genau, wie sie sie um den kleinen Finger wickeln konnte. Zufrieden steckte sie sich ein leckeres Bonbon in den Mund und ließ dann ihren Blick durch die Halle schweifen, bis sie eine Tageszeitung, den "Melody Enquirer", entdeckte. "Wollen wir doch mal sehen, was in der dreckigen Stadt so vor sich geht," meinte Ruthie abfällig und nahm die Zeitung an sich. Ihr Atem erstarrte, als sie die Schlagzeile auf der Titelseite las: "Mackenzie Enterprises hält Betriebsrat ab – Neue Produktpalette erscheint bald". Darunter war ein Bild von Buffi und Mäckie abgebildet, wie sie sich freundlich umarmten und übertrieben in die Kamera grinsten. Ruthie platzte fast vor Wut und riss die Zeitung auf der Stelle in tausend kleine Stücke. Nachdenklich ging sie auf und ab und überlegte, wie sie auf diese Neuigkeit reagieren sollte. "Diese hinterhältigen Ratten! Ihr glaubt, ihr seid mich für immer los? Mäckie, diese miese Schlange! Schleicht sich hinter meinem Rücken in den Betriebsrat! Und Großmutter? Die alte Schachtel denkt wohl, dass sie mich so einfach ausbooten kann! Aber freut euch nicht zu früh, ich komme bald wieder! Und dann sorge ich dafür, dass jeder einzelne von euch bezahlt, für dass was ihr mir angetan habt! Ich werde euch alles nehmen... alles, was euch lieb und teuer ist!" zischte Ruthie und zermarterte sich gleichzeitig das Gehirn, wie sie das anstellen konnte.

Letzte Aktualisierung: 10.06.2010

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