33/V Un nouveau départ
Ruthie Mackenzie war schon immer ein großer Fan von Katastrophen jeglicher Art gewesen. Bereits als Kleinkind versteckte sie Silvesterknaller in der Manteltasche ihrer Mutter Trudy. In der Grundschule setzte sie absichtlich die Sprinkleranlage in Gang, so dass die Schule wegen Renovierungsarbeiten für zwei Wochen geschlossen werden musste. Und auch in Melody Ville hatte Ruthie schon für mehrere Zwischenfälle gesorgt, unter anderem hatte sie die Lagerhalle mit den roten Fenstern in Brand gelegt. Doch das, was an diesem heutigen Tag in der Stadt geschehen war, stellte alles bisher dagewesene in den Schatten: Durch die Explosion des chinesischen Zauberamuletts war das Hotel in der Milabu Avenue in Schutt und Asche gelegt worden - und Ruthie war nicht einmal maßgeblich an der Detonation beteiligt gewesen. Ein wenig verärgert war sie schon über diesen Umstand, doch sie hatte nicht viel Zeit sich zu grämen, denn sie musste ihre eigene Haut retten. Überall hingen brennende Balken von der Decke und dichter Qualm vernebelte die Sicht. Leute schrien und kreischten durcheinander, während sie versuchten sich ins Freie zu retten. Die Explosion hatte sich im Keller ereignet, so dass überall große Löcher im Parkettboden klafften. Wie ein Akrobat hüpfte Ruthie nun zwischen den Lücken umher und vollführte wahre Saltosprünge. Dabei nahm sie keine Rücksicht auf die anderen Menschen um sie herum und setzte ihre Ellenbogen ein, wo sie nur konnte. Endlich hatte sie den Ausgang erreicht und machte einen letzten, rekordhaften Dreisprung über das ganze Gerümpel, bis sie schließlich an der frischen Luft angekommen war. Erst jetzt konnte sie das ganze Ausmaß der Katastrophe in Augenschein nehmen. "Wer auch immer dafür verantwortlich war, dem gebührt mein vollster Respekt. Besser hätte ich es auch nicht geschafft," murmelte Ruthie leise zu sich selbst und ihre Augen verengten sich zu kleinen Schlitzen, denn ihr Ruf als "Königin der Unterwelt" war damit arg ins Wanken geraten. Inzwischen kamen auch noch weitere Verletzte aus der Ruine des Hotels gekrochen. Und in der Ferne war bereits lautes Sirenengeheul zu hören.
Starring
Landry Allbright as Ruthie Mackenzie
Halle Berry as Eschke Doughter
Francis Capra as Raoul Figaro
Marcia Cross as Preston Rogers
Steven Culp as Ben Delany
Courtnee Draper as Piston Rogers
Jan Hoag as Murgy Muschka
James Hyde as Hank Bennett
Keshia Knight-Pulliam as Bambina Knirsh
Melissa McCarthy as Dana Beseburgh
Jesse Metcalfe as Luis Figaro
Juliett Mills as Tabatha Lopez
Juliett Mills as Tabitha Bennett
Mackenzie Rosman as Mäckie Mackenzie
Nicholle Tom as Graaz Lopez
Guest Starring
Kathy Baker as Catalina Figaro
Andrea Evans as Trudy Mackenzie
Sean Gunn as Monk Evans
Catherine Hicks as Miss Schlivi
Harriet Samson Harris as Magda Muschka
Sarah Thompson as Mäg Duquette
Sandra Vidal as Sierra Leone
Zum selben Zeitpunkt liefen Graaz Lopez und Bambina Knirsh über die Milabu Avenue. "Lass mich los! Ich will jetzt niemanden sehen!" schrie Graaz und stieß Bambina von sich weg. Plötzlich sahen die beiden Mädchen nur noch die Scheinwerfer des herannahenden Wagens und es war für beide zu spät, um sich noch in Sicherheit zu bringen. Nur zwei Sekunden später gab es einen furchtbaren Unfall, als Graaz von dem Wagen erfasst wurde und meterweit durch die Luft geschleudert wurde. Bambina konnte sich in letzter Sekunde mit einer Rolle rückwärts aus der Gefahrenzone befreien, doch sie knallte mit dem Kopf gegen eine Straßenlaterne und war sofort bewusstlos. Mit einer Vollbremsung kam der Wagen schließlich vor einem Müllcontainer zum Stehen. Hinter dem Steuer saß niemand Geringeres als Miss Schlivi. Sie war nach ihrem Reitunfall eher als geplant aus dem Krankenhaus entlassen worden und wollte doch noch zur Abschlussfeier kommen. Dabei hatte sie so fest auf die Tube gedrückt, dass sie die Kontrolle über ihr Auto verloren hatte. Und nun hatte sie zwei ihrer Schüler über den Haufen gefahren und womöglich sogar getötet. "Schlivi, jetzt steckst du in der Klemme," sagte sie panisch und raufte sich die Haare, nachdem sie realisiert hatte, was geschehen war. Hastig löste sie ihren Anschnallgurt und öffnete die verbeulte Türe. Als sie ausstieg, sah sie Graaz in einer kleinen, aber feinen Blutlache auf der Mitte der Straße liegen; Bambina befand sich nur wenige Meter davon entfernt im Straßengraben. "Nichts wie weg!" dachte sich Miss Schlivi und humpelte so schnell sie konnte die Milabu Avenue entlang.
Im Hotel in der Malibu Avenue herrschte absolutes Chaos. Es war ja nicht das erste Mal, dass dort etwas außer Kontrolle geraten war, doch dieses Mal waren die Auswirkungen katastrophal. Um den Schaden zu begutachten und alle Spuren zu sichern, waren Monk Evans und Mäg Duquette vom CSI Melody Ville eingetroffen. "Ab hier übernehmen wir," zischte Mäg und spannte vor Sheriff Parkinson das gelbe Band mit der Aufschrift "Crime Scene - Do Not Cross". Derweil begann Monk mit der Befragung der Zeugen. "Was können Sie mir zum Tathergang sagen, Miss Leone?" "Señorita Leone, wenn ich bitten darf. Es kam alles so plötzlich. Ich war gerade am Buffet und habe von der köstlichen Paella probiert, als es einen großen Knall gab und ich vor Schreck die ganze Paella über mein teures Kleid verschüttet habe. Mi dios, schauen Sie doch, alles ruiniert." "Sie sind mir keine große Hilfe..." "Monk, komm mal schnell. Ich glaube, ich habe etwas gefunden!" rief Mäg und Monk eilte ihr zur Seite. Mäg hielt eine Lupe in der Hand und deutete damit über den Fußboden. Zu sehen war eine kleine Haarschleife. "Sie muss einem der Opfer gehört haben," vermutete Mäg und steckte die Schleife daraufhin in eine Plastikhülle. Währenddessen wurden die ersten Leichen abtransportiert. Darunter befanden sich unter anderem Sära van de Driesche, Horsey Waldemore, Elenath Spirenzi, Aziza Barbere und Chuck de Buck. Murgy Muschka wurde mit dem Lastenaufzug aus dem Keller geborgen, weil die Sanitäter sie nicht über die Treppe nach oben befördern konnten. "Es war alles so graauuuusaaaam," schluchzte Murgy, die mit einer Platzwunde und einigen Schürfwunden noch relativ glimpflich davon gekommen war. "Wer auch immer diese abscheuliche Tat vollbracht hat, wir werden ihn kriegen und zu Rechenschaft ziehen," versicherte ihr Monk. "Das ist nicht möööglich. Die Drahtzieherin Emba van de Driesche beziehungsweise ihr Double Lücie ist selbst unter den Totten. Ihre Überreste köööönnnnen′s uuunten von der Waaand kratzen." "Na wunderbar. Fall abgeschlossen. Lass uns was essen gehen. Ich sterbe vor Hunger," freute sich Mäg und begann ihre Sachen wieder zusammenzupacken.
Mit 120 Stundenkilometern wurde Graaz Lopez von den Pflegern durch die Notaufnahme des "Melody Medical Center" geschoben. Ihre Mutter Tabatha sowie deren Zwillingsschwester Tabitha liefen wie aufgeschreckte Hühner hinter ihnen her, doch sie konnten das hohe Tempo nicht mithalten und holten sich erst einmal eine erfrischende Limonade am Getränkeautomaten, der auf dem Flur aufgestellt war. Nach Fahrten durch zahlreiche Schwingtüren, gegen die die Pfleger immer mit voller Wucht prallten und bei Graaz damit zusätzliche Schmerzen verursachten, kam die Liege schließlich in einem ungefähr sechs Quadratmeter großen Raum zum Stehen. Es gab scheinbar keine Fenster und auch kein elektrisches Licht, denn Graaz konnte nicht einmal ihre Hand vor Augen sehen. Nachdem die Pfleger verschwunden waren, dauerte es weitere zwanzig Minuten, bis sich endlich ein Arzt dazu bequemte, nach ihr zu schauen. "Sind Sie Miss Lopez?" fragte eine brummige Stimme. "Ja, ganz recht. Machen Sie doch mal bitte das Licht an, ich kann Sie nicht sehen." "Nun, das wird auch nicht möglich sein." "Wieso? Hat das Krankenhaus seine Stromrechnung nicht pünktlich zum Monatsanfang bezahlt? Sowas kenne ich ja nur aus dem Fernsehen. Bei Zeit der Unruhe gabs auch mal einen großen Stromausfall, das war voll lustig." "Miss Lopez, halten Sie endlich Ihre Klappe und hören Sie sich gefälligst die Diagnose an: Neben zahlreichen Knochenbrüchen haben Sie auch eine Verletzung an den Augen erlitten. Kurzum, Sie sind blind. Noch Fragen? Nein? Gut, dann kann ich ja jetzt endlich Mittagspause machen. Zustände sind das hier, tse." Mit diesen Worten verschwand der Arzt wieder und ließ Graaz in dem kleinen Zimmer zurück.
Luis Figaro hatte von der Explosion nur am Rande mitbekommen, denn er hatte die Abschlussfeier schon früher verlassen. Er fühlte sich absolut nicht gut, denn er hatte Herzrasen und schlotterige Knie, seitdem Bambina und Graaz von der Beziehung zwischen ihm und Ruthie erfahren hatten. Luis hatte kein Mitleid mit den beiden Mädchen, nein, er fürchtete vielmehr ihre Rache, falls sie sich gegen ihn verbünden würden. Mädchen konnten ja so grausam sein. Als Luis kurz vor seinem Wohnhaus den Bürgersteig entlang ging, kam plötzlich ein klapperiger VW-Bus aus der entgegengesetzten Richtung angefahren. Dieser hielt ebenfalls vor dem Haus der Figaros und Luis traute seinen Augen kaum, als er sah, wer am Steuer saß: Sein großer, böser Bruder Raoul, der die letzten drei Jahre im örtlichen Gefängnis verbracht hatte. Luis stand wie angewurzelt auf dem Gehweg und wäre am liebsten in Ohnmacht gefallen, doch er hatte immer noch blaue Flecken vom letzten Mal, als er auf dem Ponyhof gegen das Gebälk gestoßen war. Auf der Beifahrerseite saß Luis′ Mutter Catalina Figaro, die nun mit einem gekonnten Tritt die Tür aufstieß und ins Freie hüpfte. Dort zupfte sie sich erst einmal ihr Sonntagskleid zurecht und schaute dann mit einem finsteren Blick in Luis′ Richtung. "Was ist los, Jungchen? Willst du wohl das Gepäck deines Bruders ins Haus tragen?" Luis nickte stumm und trottete mit langsamen Schritten auf das Auto zu. Raoul war inzwischen auch ausgestiegen und begrüßte seinen Bruder mit einer heftigen Kopfnuss. "Grüß Gott! Lange nicht gesehen, wie?" Anschließend zog er eine kleine Pistole aus seiner Gürteltasche hervor und setzte sie Luis an die Schläfe. "Ab jetzt gelten hier wieder andere Regeln. Deinen Nachtisch kannst du in Zukunft vergessen, den bekomme ab jetzt ich - verstanden?" zischte Raoul seinem Bruder ins Ohr. Luis zitterte vor Angst und begann zu wimmern. "Luis! Du wirst mir doch nicht etwa krank werden wollen?" fragte Catalina in einem drohenden Ton und zog ihren Sohn am Ohr. "Sich drücken ist nicht drin! Nimm die Koffer und dann ab! Marsch!"
Nach einigen Untersuchungen in Dr. Iñigos Praxis wurde Mäckie mit der Auflage nach Hause entlassen, sich in den in den nächsten Tag auszuruhen. Dort angekommen, machte ihre Tante Trudy ihr erstmal einen heißen Tee. Derweil holte Mäckie ihre Schmusedecke aus ihrem Zimmer und machte es sich auf der Couch bequem. Als Trudy ins Wohnzimmer kam, um ihrer Nichte den Tee zu bringen, war diese bereits eingeschlafen und begann zu träumen. Mäckie stand in einer großen Halle und wusste nicht, wo sie war. In der Ferne hörte sich Musik. Doch egal in welche Richtung sie auch lief, die Musik kam nicht näher. Plötzlich sah sie einen Schatten hinter sich. Als sie sich umdrehte, lief dieser davon. "Halt!" schrie Mäckie und rannte los. Immer schneller und schneller. Der lange Gang schien kein Ende zu nehmen. Dann stand sie plötzlich vor einer großen Tür. Der Schatten war verschwunden. Vorsichtig öffnete Mäckie die Tür und wie aus dem Nichts strömte eine Menschenmasse aus dem Raum, die Mäckie umrannte. "Herr Sandmann, neiiiin!" schrie Mäckie, die am Boden lag und begann schließlich zu weinen. Dann schreckte sie hoch. "Halte bloß dein dreckiges Maul!" zischte Ruthie, die ihrer Cousine ein Kissen aufs Gesicht drücke. "Ruthie, hör auf mit dem Unsinn" ermahnte Trudy ihre Tochter und gab ihr einen Schupps. "Wer zur Hölle ist Herr Sandmann?" schrie Ruthie und schlug Trudy die Teetasse aus der Hand. "Das wirst du nie erfahren hörst du, niemals!" schluchzte Mäckie und lief mit ihrer Schmusedecke aus dem Zimmer.
Während Murgy Muschka im Krankenhaus behandelt wurde, fuhr derweil ein gelbes Taxi vor ihrem Haus in der Market Street vor. Nachdem der Taxifahrer das Gepäck einer mittelalterlichen Frau mit Topfschnitt und biederer Kleidung aus dem Kofferraum geladen hatte, gab sie ihm noch ein paar Dollar Trinkgeld. Zur selben Zeit kamen Tabatha und Tabitha von ihrem Besuch aus dem Krankenhaus wieder. "Entschuldigen Sie, aber wenn Sie zu Murgy Muschka wollen, dann haben Sie Pech. Die liegt nämlich im Krankenhaus," teilte Tabatha der Frau mit. "Ach wirklich? So ein Jammer aber auch. Aber wie gut dass ich weiß, wo Murgy ihren Zweitschlüssel versteckt," erwiderte die Frau mit einem aufgesetzten Lächeln. "Ich bin Magda Muschka, Murgys Schwester," stellte sie sich schließlich vor. "Freut mich Sie kennen zu lernen, ich bin Tabatha Lopez und das ist meine Zwillingsschwester Tabitha Bennett. Sag hallo, Tabitha!" "Hallo!" zischte Tabitha und begann wie wild um sich zu schlagen. "Sie müssen das Verhalten meiner Schwester entschuldigen. Sie steht unter Medikamenten." "Ach, das kenne ich. Es ist doch immer das gleiche mit den Schwestern," begann Madga zu lachen. "Ja, wollen Sie denn Ihre Schwester gar nicht im Krankenhaus besuchen?" wollte Tabatha wissen. "Ich? Aber nein! Murgy und ich können uns auf den Tod nicht ausstehen. Sie weiß noch nicht mal, dass ich hier bin. Da kommt es mir schon sehr gelegen, dass sie die ersten paar Tage nicht zu Hause sein wird. So wird der Überraschungsmoment umso größer. Wenn Sie mich dann jetzt entschuldigen würden..." Magda nahm ihr Gepäck und verschwand in Murgys Haus.
Da alle Bewohner von Melody Ville nach der Explosion mit ihren eigenen Problemen viel zu beschäftigt waren, bemerkte niemand den schweren, schwarzen Truck, der sich durch die schmalen Straßen von Melody Ville zwängte und schließlich in der Fleet Street zum Stehen kann. Hier befand sich das Haus, das zuvor von Emba und Sära van de Driesche bewohnt wurde. Nun, nach dem Tod der beiden Schwestern, war das Haus direkt neu vermietet worden. "Ein Glück, dass dein Vater noch nicht mitgekommen ist. Er würde einen Anfall kriegen, wenn er diese Bruchbude sieht," sagte die rothaarige Preston Rogers, nachdem sie aus dem Truck ausgestiegen war und das Haus in Augenschein genommen hatte. "Aber zum Glück haben wir noch drei Tage Zeit, um das Haus auf Vordermann zu bringen. Der Rasen muss gemäht werden. Die Fassade muss gestrichen werden. Der Kamin muss gereinigt werden. Dass Dach muss neu gedeckt werden. Die Veranda muss neu gefliest werden. Und wir müssen eine Menge neuer Möbel anschaffen. Gleich morgen müssen wir ins Möbelhaus." "Ich höre immer nur müssen, müssen, müssen," motzte Piston Rogers, Prestons Tochter. "Was hast du gerade gesagt?" drehte sich Preston mit einem versteinerten Gesichtsausdruck zu ihr um. "Ich sagte, es riecht hier nach Nüssen," erwiderte Piston schnell und setzte ein engelsgleiches Lächeln auf. "Wie schön. Dann muss ich morgen direkt welche ernten und ein paar Nussmuffins backen. Ich muss noch das Rezept suchen. Aber zuerst müssen wir das Haus inspizieren und die Betten beziehen." Mit diesen Worten fischte Preston den Hausschlüssel aus der Tasche ihres feinen Blousons und bewegte sich auf die Haustüre zu. Piston folgte ihrer Mutter im geringen Abstand und versuchte mit ihren hochhackigen Stiefeln nicht zwischen den brüchigen Steinplatten des Gartenwegs steckenzubleiben. Kurze Zeit später waren die Rogers im Haus verschwunden. Die Nacht war über Melody Ville gekommen und das, was an diesem Tag in der Stadt geschehen war, sollte am nächsten Morgen schon wieder vergessen sein...














