26/IV L’esprit de Noel

Dichte Schneeflocken wehten durch die hohlen Gassen des Ortes Melody Ville und verwandelten das triste Städtchen in ein wahres Winterwunderland. Der Schnee passte hervorragend zur Jahreszeit, denn an diesem Tag war Heiligabend – und wer wünschte sich nicht weiße Weihnachten? Ein großer Weihnachtsmarkt war auf der Market Street, der Einkaufsmeile, errichtet worden, auf dem viele Buden aufgebaut waren. Überall dudelte Weihnachtsmusik aus den Lautsprechern und es duftete an allen Ecken nach Zimtsternen und Glühwein. Alle Bewohner der Stadt waren schon in Vorfreude auf das Fest – nur einer Person war das Getue ein Dorn im Auge: Ruthie Mackenzie. Eingehüllt in einen nuttigen Pelzmantel lief sie durch die Market Street und telefonierte dabei mit ihrem Handy. "Du Miststück, was willst du? – Und, was geht mich das an? – Boah, jetzt hör endlich auf, du Schlampe! – Na und, dann ist sie eben krank, Pech gehabt! – Grandma ist mir egal! Sie kann von mir aus im Club feiern! Und jetzt halte endlich dein dreckiges Maul, sonst garantiere ich für gar nichts!" Mit diesen Worten beendete Ruthie das Gespräch und steckte ihr Handy mit einem zornigen Blick in ihre Gucci-Handtasche. Auf ihrem Weg kam sie an zwei Kindern vorbei, die auf der Straße standen und auf ihrer Blockflöte Weihnachtslieder spielten. Eine der beiden war Sära van de Driesche, die sich für diesen Anlass sogar richtig herausgeputzt hatte. "Ihr Rotznasen schämt euch wohl gar nicht, rechtschaffende Bürger mit eurem Gefiepe zu belästigen, wie?" schnauzte sie die beiden an und Sära schaute sie mit ängstlichen Augen an. "Aber das ist doch für einen guten Zweck. Wir sammeln Geld für die entlaufenen Buschwindröschen aus dem Stadtpark." "Das ist mir total egal! Hört auf mit diesem verlogenen Weihnachtsgetue!" Ruthie riss Sära die Flöte aus der Hand und warf sie auf den Asphalt. Eine Sekunde später trat sie mit ihren Lackstiefeln so fest darauf, dass die Flöte in tausend Teile zersplitterte.



Starring
Mackenzie Rosman as Mäckie Mackenzie
Melissa McCarthy as Dana Beseburgh
Steven Culp as Ben Delany
James Hyde as Hank Bennett
Juliett Mills as Tabatha Lopez
Juliett Mills as Tabitha Bennett
Nicholle Tom as Graaz Lopez
Halle Berry as Eschke Doughter
Jesse Metcalfe as Luis Figaro
Keshia Knight-Pulliam as Bambina Knirsh
Jan Hoag as Murgy Muschka
Nicollette Sheridan as Alaska Lennox
Chad Michael Murray as Chad Lennox
Landry Allbright as Ruthie Mackenzie
Guest Starring
Jessica Biel as Emba van de Driesche
Alexis Bledel as Sära van de Driesche
Andrea Evans as Trudy Mackenzie
Catherine Hicks as Miss Schlivi
Katherine Kelly Lang as Florke de Mahaffy
Sandra Vidal as Sierra Leone

Alaska Lennox stand am Fenster ihres Lofts, welches sich im 15. Stock des großen Apartmenthauses an der Melody Avenue befand. Die blonde Frau mittleren Alters drehte sich um, als ein männlicher Teenager ins Wohnzimmer kam. "Chad, mein Lieber. Du weißt ja gar nicht, wie sehr ich mich freue, dass du Weihnachten bei mir verbringen wirst." Alaska setzte ein künstliches Lächeln auf und schaute ihren Sohn Chad an. "Spar dir den Schmus, Mom. Du hast dich doch nie um mich gekümmert und mich stattdessen ins Internat abgeschoben. Aber mein Verhalten hat den Leuten dort nicht gefallen. Dennoch bereue ich es absolut nicht, das Lehrerzimmer in Brand gesetzt zu haben – denn jetzt bin ich wieder hier bei dir und werde dir das Leben zur Hölle machen. Du hast es nicht anders verdient." Chad ging zur Minibar und goss sich einen Martini ein, den er mit einem Schluck runterkippte. "Du spinnst doch total!" rief Alaska empört aus. "Was fällt dir ein, von meinem Alkohol zu trinken? Das ist meiner, den rührt kein anderer an, hast du mich verstanden? Ich werde dir dein asoziales Verhalten noch abgewöhnen, das schwöre ich dir. Und vor allem werde ich ein neues Internat für dich finden – oder noch besser, eine Zelle in einer geschlossenen Anstalt. Am besten so schnell wie möglich!" Alaska griff zu ihrem Telefonhörer und wählte eine Nummer, doch Chad schubste sie zur Seite, so dass sie gegen die Schrankwand stürzte. "Bist du wahnsinnig?" heulte Alaska und Chad beugte sich bedrohlich über sie. "Nicht mehr als du," lachte er sie aus und erspähte dann Alaskas Brieftasche auf dem Wohnzimmertisch. Er bediente sich daran und stopfte mehrere Hundert-Dollar-Scheine in seine Hosentasche. Danach schnappte er sich eine Flasche Vodka und machte sich aus dem Staub. Als Alaska die Tür ins Schloss fallen hörte, rappelte sie sich langsam wieder auf und dachte nach. "Er wird sicher nichts Falsches tun," meinte sie schließlich lächelnd und ertränkte dann ihre Sorgen mit einem großen Glas Chianti.

Derweil hatte sich die Theater-AG der "St. George High School" im Gemeindesaal von Melody Viille eingefunden, um das alljährliche Krippenspiel zu proben, das immer am ersten Weihnachtstag während des Gottesdienstes aufgeführt wurde. Miss Schlivi stand erwartungsvoll in der Mitte des Saales und überprüfte die Anwesenheit der Teilnehmer. "Wo ist Ruthie Mackenzie?" rief sie schallend in den Raum. "Ich soll Ihnen ausrichten, dass Ruthie heute etwas später kommt," erklärte Mäckie. "So wird das aber nicht laufen. Ich werde die Rolle der Maria neubesetzen." "Ey, wie krass. Die macht einen Recast," rief Bambina und hob hysterisch ihren Arm, da sie unbedingt die Neubesetzung sein wollte. "Graaz wird die Rolle der Maria spielen!" verkündete Miss Schlivi schließlich und klatschte dabei vergnügt in die Hände. "Pech gehabt, du Drama-Queen. Luis wird mir gehören," dachte Graaz und blickte dabei Bambina mit finsterer Mine an. "Luis, du spielst den Josef. Bambina, Emba und Sära, ihr spielt die drei Weisen aus dem Morgenland. Und Mäckie spielt den Herbergenbesitzer. Geht alle in Position. Und Action!" Graaz hatte sich ein großes Kissen unter ihren Pulli gesteckt, damit sie schwanger aussah. Luis hielt sie im Arm, und sie bewegten sich ganz langsam vorwärts. "Ich werde mal nachfragen, ob wir hier die Nacht verbringen können. Die Herberge sieht nett aus," erklärte Luis als Josef und klopfte an Tür, die man in die Mitte des Raumes gestellt hatte. Mäckie öffnete sie einen kleinen Spalt und sah die beiden mit bösem Blick an. "Was wollt ihr?" "Habt Ihr noch ein Zimmer für mich und meine schwangere Frau frei? Es ist sehr kalt draußen." "Nein! Und jetzt verpisst euch. Die Herberge ist voll!" Mit diesen Worten knallte Mäckie die Türe wieder zu. "Aus!" schrie Miss Schlivi und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Die anderen brachen in schallendes Gelächter aus. "Graaz, nimm gefälligst ein kleineres Kissen. Maria bekam ein Kind und nicht drei. Alles auf Anfang. Krippenspiel Klappe, die Zweite. Und Action!"

Mit schnellem Schritt eilte Ruthie Mackenzie in die Boutique "Mackenzie Hard Designs", die ihrer Cousine Mäckie gehörte. Dort saß ihre Mutter Trudy hinter dem Schreibtisch und fuchtelte wie wild mit der Fernbedienung für den kleinen Fernseher rum, der auf einer kleinen Kommode stand. "Was tust du da, Mutter?" zischte Ruthie, während sie den Schnee von ihrem Pelzmantel klopfte. "Ich verstehe das nicht. 'Zeit der Unruhe' läuft neuerdings nur noch auf Spanisch. Dabei läuft doch heute die Weihnachtsfolge", beklagte Trudy sich. "Zeig mal her!" Ruthie riss ihrer Mutter die Fernbedienung aus der Hand und schaute auf die Mattscheibe. "Du musst den Sprachwahlknopf drücken," erklärte Ruthie genervt und knallte die Bedienung auf den Schreibtisch. "Wie bitte? Den Sprachwahlknopf?" "Ja verdammt! MD-TV strahlt neuerdings einige Sendungen in zwei Sprachen aus. Du kannst dann zwischen dem Original und der synchronisierten Fassung wählen. Und jetzt lass mich in Ruhe, sonst setzt es was." Mit diesen Worten verschwand Ruthie im Hinterzimmer. Derweil blickte Trudy wie hypnotisiert auf den Fernseher und schaltete ununterbrochen zwischen Spanisch und Englisch hin und her. "Das ist ja mal eine kluge Erfindung. Wahnsinn!" Sie bemerkte gar nicht, dass plötzlich eine junge Frau vor ihr stand. Sie hatte lange schwarze Haare und trug einen beigefarbenen Fetzen, der notdürftig ihre Brust bedeckte, und dazu eine Mischung aus Kleid und Hose, welche nur ein Hosenbein hatte. "Hatten Sie einen Termin?" fragte Trudy, ohne ihren Blick vom Fernseher abzuwenden. "Sie wollte mich sprechen," erwiderte die Frau mit spanischem Akzent. "Gucken Sie da etwa 'Zeit der Unruhe'? Oh, ich liebe es!" begann die Frau plötzlich zu lachen. "Ach wirklich? Na dann erklären Sie mir mal, wieso die heute ständig Feliz Navidad sagen. Das kommt sonst nie vor." "Señora, Sie sind wirklich noch dümmer als Sie aussehen. Das heißt – wie sagt man – frohe Weihnachten!" Doch bevor Trudy darauf etwas antworten konnte, erschien Ruthie wieder im Laden. "Mutter, ich habe dir schon tausend Mal gesagt, dass ich...," doch als Ruthie die dunkelhaarige Frau entdeckte, stockte ihr der Atem. "Sierra Leone, bist du es wirklich, du alte Schlampe?" brachte Ruthie nur stotternd hervor. "Hallo Ruthie!" erwiderte sie und dabei war ein deutliches Blitzen in ihren Augen zu erkennen.

Von weitem konnte man schon den vielen Rauch sehen, der aus dem großen Kaminschlot von Murgy Muschkas Höhle ausgestoßen wurde. In der Höhle selber war es mollig warm und Murgy hatte sich gerade einen großen Braten in die Röhre geschoben, den sie an diesem Weihnachtsabend verputzen wollte. Doch bis der Braten fertig war, dauerte es noch ein Weilchen, und Murgy schaute in der Zwischenzeit ihre Post durch. "Sieh aaan, ein Kärtschen vooon Spooolek. Wer hääätte gedacht, dass er mich deeenkt," lachte Murgy zufrieden, als sie eine Weihnachtskarte von ihrem Cousin in den Händen hielt. Die nächste Karte hatte einen goldenen Umschlag und war mit einem eigenartigen Geruch einparfümiert. "Die schwüüülen Blütendüüüüfte Arabiens," erinnerte sich Murgy schlagartig, woher sie diesen Geruch kannte, und ehe sie sich versah, bildete sich in der Höhle ein dichter Nebelschleier. Es gab einen lauten Knall und plötzlich stand eine weibliche Person vor Murgy, die in ein orientalisches Gewand gehüllt war. "Frohe Weihnachten, du Miststück. Wir haben noch eine Rechnung offen, meine Liebe!" sagte die Frau und zog einen Zauberstab hinter ihrem Rücken hervor. "Verfluucht und zugenaaaht," schrie Murgy und sprang schnell von ihrem Stuhl auf, so dass dieser umkippte. "Damit kommst nischt dursch!" "Oh doch, und meine Rache wird grenzenlos sein. Ich, Hexina van Halen, kann es nicht erdulden, dass du mich auf dem Hexenseminar von Sim Sala Bim im Duell geschlagen hast. Ich fordere eine Revanche, und zwar auf der Stelle!" Hexina richtete ihren Zauberstab auf Murgy und feuerte einige grelle Blitze in ihre Richtung ab, die sie jedoch verfehlten. "Diiiiich hexe isch in Gruuund und Booooden!" zischte Murgy und stampfte mit dem Fuß so fest auf den Boden, dass die ganze Höhle wackelte. Darauf war Hexina nicht vorbereitet und sie verlor das Gleichgewicht. Diese Tatsache nutzte Murgy geschickt aus und hob ihren alten Berberteppich vom Boden auf. Damit wickelte sie Hexina flink ein, so dass diese sich nicht mehr rühren konnte. Anschließend packte Murgy Hexina unter ihren rechten Arm und ging dann vor ihre Höhle, wo sie ein altes Katapult aus der Ritterzeit abgestellt hatte. Murgy setzte Hexina auf dem Katapult ab und kurbelte dann so kräftig wie es nur ging. "Ich wüüünsche gutes Fluug," lachte Murgy gehässig und ließ dann das Katapult los. Mit mehr als 100 Stundenkilometer wurde Hexina in die Luft geschleudert und Murgy schaute genüsslich zu, wie ihre Widersacherin aus ihrem Blickfeld verschwand. Ihr knurrender Magen erinnerte sie schließlich daran, dass ihr Braten bald fertig sein musste.

Es war schon längst dunkel, als Florke de Mahaffy in Begleitung ihrer Schwiegertochter Mäckie Mackenzie über den Weihnachtsmarkt in der Market Street bummelte. "Ach weißt du, Mäckie, es ist ja so nett von dir, dass du mit mir zusammen Weihnachten feiern willst," sagte Florke erfreut. "Keine Ursache. Das mache ich doch nur wegen dem Erbe," erwiderte Mäckie und Florke schaute sie entsetzt an. "Was hast du gerade gesagt?" "Ich... äh... ich habe gesagt, das mache ich doch gerne." Mäckie setzte ein falsches Lächeln auf und Florke hakte sich bei ihr ein. Die beiden kamen an einem Stand vorbei, an dem es herrlich nach Glühwein duftete. "Komm, ich lade dich ein," meinte Florke und wandte sich dann an die korpulente Frau, die hinter der Theke der Pappbude stand. "Wir hätten gerne zwei Mal." "Kommt sofort!" rief die Frau mit schriller Stimme und stellte wenige Augenblicke später zwei klitzekleine Tassen an den Thekenrand. "Wofür sind die denn?" zog Florke entrüstet eine Augenbraue hoch. "Na, für den Kaffee. Die sind für den Kaffee!" klärte die Frau sie auf. "Welchen Kaffee? Ich will Glühwein, verdammt noch mal! Rück endlich den Alkohol raus, du mieses Stück. Ich hab genug Geld, um den ganzen Weihnachtsmarkt hier aufzukaufen, also tu gefälligst, was ich dir sage!" brüllte Florke so laut wie sie nur konnte und fegte mit einem Handschlag die Tassen vom Tresen. Die Frau war so erschrocken, dass sie sofort ihre Bude verriegelte und das Licht ausschaltete. "Wenn man sich nicht auf sich selbst verlässt, ist man verloren in dieser Welt, ich sag’s dir Mäckie," zischte Florke und holte ihren Flachmann aus ihrer Handtasche, aus dem sie einen großen Schluck nahm. "Ach, wenn Raffi doch noch hier wäre. Weihnachten ohne ihn ist einfach nicht dasselbe." "Weiß ich nicht. Ich hatte nie das Vergnügen mit ihm zu feiern," zuckte Mäckie mit den Schultern. "Raffi hat vor dem Weihnachtsbaum immer die schönsten Lieder mit seiner Sopranstimme vorgetragen. Mein Essen hat er immer gelobt und außerdem hat er sich vor dem Schlafen gehen ohne zu murren die Zähne geputzt." Tränen stiegen in Florkes Augen und sie nahm einen weiteren Schluck. Mäckie schaute sie angewidert an und wollte sich wegschleichen, doch Florke umklammerte sie fest. "Du darfst mich nicht auch noch verlassen, Mäckie. Ich bin doch so alleine!" "Das ist mir egal. Zu Hause wartet meine Familie auf mich und ich will nicht zu spät zum Essen kommen! Sieh doch zu, wie du nach Hause kommst. Und noch was: Gleich morgen werde ich den Notar anrufen und ihn das Testament von Raffi nachträglich fälschen lassen. Ich werde die Alleinerbin sein. Und du hast keine Beweise, du alte Schnapsdrossel. Schönen Tag noch!" Mit diesen Worten schüttelte Mäckie Florke ab und lief dann im Sauseschritt davon. Florke war fassungslos und ließ sich zu Boden sinken. Laut schluchzend klagte sie den Passanten ihr Leid, doch niemand nahm auch nur eine Notiz von ihr.

Der "Jingle Bells Rock" dröhnte an diesem Abend durch das gesamte Haus der Bennetts. Während Tabatha in der Küche stand und mit aller Liebe das Essen zubereitete, begrüßte ihre Zwillingsschwester Tabitha die Gäste, die sich den Feierlichkeiten der Bennetts angeschlossen hatten. Nacheinander trudelten Eschke Doughter und ihre Tochter Bambina, Luis Figaro sowie Ben Delany mit seiner Gattin Dana und dem Baby Dinah ein. Graaz deckte gerade den Tisch, als Bambina und Luis Arm in Arm das Wohnzimmer betraten. "Oh Graaz, es is so krass geil, dass wir Christmas alle together celebraten. Ich bin so damn excited!" lachte Bambina fröhlich, doch Graaz schaute sie nur mit einem zornigen Blick an. Sie konnte es nicht länger ertragen, die beiden zusammen zu sehen, und rauschte aus dem Zimmer, um sich heulend auf ihr Bett zu werfen. "Sweety pie, was hat sie, ey?" fragte Bambina ihren Freund, doch Luis zuckte nur mit den Schultern. Plötzlich tauchte Tabitha auf und schlug mit einem Löffel gegen eine Triangel. "Essen ist fertig!" rief sie mit schriller Stimme und alle Gäste ließen sich in froher Erwartung am Wohnzimmertisch nieder. Auch Graaz kehrte wieder zurück, setzte sich aber ans andere Ende des Tisches, um nicht mit Bambina oder Luis reden zu müssen. Stattdessen musste sie sich von Dana anhören, wie stressig ihr Leben geworden war, seitdem sie Dinah bekommen hatte. Immer wieder schaute Graaz zu Bambina und Luis rüber und ihr Magen verkrampfte sich jedes Mal, wenn sie sah, wie die beiden miteinander herumalberten oder sich gar küssten. "Entschuldigen Sie mich kurz," meinte Graaz zu Dana und ging aus dem Wohnzimmer. "Das arme Kind. Sie sieht so bleich aus. Sie sollte viel mehr essen. Also ich habe ja fast 30 Kilo verloren, seitdem ich Dinah habe. Sie wissen ja, der Stress...," begann Dana nun Eschke vollzulabern, während Graaz im Flur stand und tief durchatmete. In ihrem Kopf gingen allerlei Arten von Rachegelüsten umher – unter anderem dachte sie daran, Bambina Abführtabletten ins Essen zu mischen. Plötzlich richtete sich ihr Augenmerk auf Dinah, die friedlich in ihrer Tragetasche schlummerte. Graaz erinnerte sich wieder an ihren Einfall, den sie auf der Insel hatte: Sie brauchte ein Baby, um Luis an sich zu binden. Graaz schaute sich verstohlen nach allen Seiten um und nahm Dinah dann auf den Arm. Vorsichtig schlich sie die Treppe ins obere Stockwerk hoch und versteckte das Baby dann in ihrem Zimmer, bevor sie pfeifend zurück ins Wohnzimmer ging und wieder am Esstisch Platz nahm.

Nachdem Sära und Emba an den Proben für das Krippenspiel teilgenommen hatten, waren die beiden in ihr Haus zurückgekehrt. Während Sära im Wohnzimmer unter dem Weihnachtsbaum spielte, hatte sich Emba in die Küche verzogen, wo sie vorsichtig ihr Amulett mit einem Tuch polierte. "Oh du feines Kleinod mein, darfst niemals woanders sein," sagte sie leise ein Sprüchlein auf. Kaum hatte sie diesen Satz ausgesprochen, begann das Amulett zu glühen. "Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich in Wahrheit Lücie heiß. Und sollte das Amulett nur ein einziges Mal in falsche Hände geraten, ist mein Plan für immer gescheitert. Nur mit Hilfe dieses Amuletts wird es mir gelingen, die Weltherrschaft an mich zu reißen," murmelte Emba und betrachtete das Schmuckstück im gleißenden Kerzenschein. "Emba, spielst du mit mir?" kam Sära plötzlich auf allen vieren angekrochen und zupfte am Rockzipfel ihrer Schwester. Emba erschrak sich so sehr, dass sie dabei das Amulett fallen ließ. "Du kleines Aas. Ich habe es jetzt echt satt mit dir! Andauernd kommst du mir in die Quere, aber damit ist jetzt Schluss." Emba gab ihrer Schwester eine schallende Ohrfeige, so dass diese taumelnd nach hinten stürzte. Anschließend packte Emba Sära an ihren Zöpfen und zerrte die strampelnde Sära in den Flur, wo sie die Türen des großen Wandschranks öffnete und Sära dort hineinsperrte. Emba nahm einen Besen und stellte ihn quer unter die Klinke, so dass man sie nicht mehr herunterdrücken konnte. "Und glaub nur nicht, dass der Weihnachtsmann dich dort drinnen findet!" lachte sie gehässig, während Sära knatschend und schreiend von innen gegen die Türe polterte. Emba schnappte sich derweil ihren Mantel, schlüpfte in ihre hochhackigen Stiefel und lief dann nach draußen auf die Straße, wo gerade ein gewaltiger Schneesturm tobte. Emba hielt das Amulett locker in ihrer rechten Hand, und als sie um die nächste Ecke bog, kam plötzlich eine männliche Person aus der anderen Richtung und riss ihr das Amulett aus der Hand. "Ei ei ei, was haben wir denn da? Wenn das nicht der Glücksbringer von Sim Sala Bim ist." Unter dem Schein der Straßenlaterne wurde nun Chads Gesicht sichtbar. "Gib ihn mir sofort zurück!" befahl Emba, doch Chad schaute sie mit einem boshaften Lächeln an. "Niemals, du Schlampe. Ich habe schon immer davon geträumt, die Welt zu beherrschen." "Dann träum mal schön weiter!" zischte Emba und verpasste Chad ohne Vorwarnung einen Karatetritt ins Gesicht. Mit einem lauten Platschen fiel er in den 30 Zentimeter hohen Schnee und Emba nahm schnell das Amulett wieder an sich. "Wer die Welt beherrschen will, muss eben ein bisschen früher aufstehen, du Penner," zischte Emba und eilte dann in Richtung Market Street, während der Schneesturm über Melody Ville hinwegfegte...

Letzte Aktualisierung: 10.03.2011

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