18/III Le cirque dans le ville
Dicke, schwarze Rauchwolken hatten sich über Melody Ville gebildet, nachdem in der alten Lagerhalle ein Feuer ausgebrochen war. In letzter Sekunde konnten Murgy Muschka und Kikis aus dem Gebäude gerettet werden. Beide wurden mit einer schweren Rauchvergiftung ins örtliche Krankenhaus eingeliefert. "Das ist eindeutig Ruthie Mackenzies Handschrift," bemerkte Sheriff Parkinson, als er eine Zigarettenkippe vom Tatort aufsammelte und in eine Plastiktüte steckte, damit sie auf Fingerabdrücke untersucht werden konnte. "Kann gar nicht sein, meine Ruthie hat noch nie in ihrem Leben geraucht. Also das weiß ich ganz bestimmt!" mischte sich Trudy Mackenzie mit hastiger Stimme ein. "Mach dir doch nichts vor, Tante Trudy, du weißt ja nicht einmal, welche Haarfarbe Ruthie hat," zischte Mäckie mit einem hämischen Blick. "Sieh den Tatsachen ins Auge, unsere Ruthie ist eine kriminelle Ziege, die jetzt vom FBI gesucht wird. Und das ausgerechnet jetzt, wo ich mich selbstständig machen will. Die negativen Schlagzeilen werden mir sicher alles kaputt machen. Oooh, wenn ich Ruthie in die Finger kriege, dann kann sie was erleben!" Mäckie simulierte bildlich, wie sie ihrer Cousine zuerst kräftig in den Arsch trat und danach mit beiden Händen würgte. Die herumstehenden Passanten hielten ihre Darbietung für Pantomime und klatschten massig Beifall. Mäckie schaute verdutzt in die Runde und hielt sich dann am Rockzipfel von Trudy fest. "Komm jetzt, Tantchen, wir gehen," bettelte sie und verschwand gemeinsam mit Trudy hinter der nächsten Straßenecke. Langsam löste sich die Menschentraube vor der Lagerhalle auf, die Rettungsfahrzeuge kehrten wieder zu ihren Stationen zurück und die Sonne ließ die letzten Strahlen des Tages auf Melody Ville fallen...
Starring
Mackenzie Rosman as Mäckie Mackenzie
Dustin Milligan as Raffi de Mahaffy
Melissa McCarthy as Dana Beseburgh (credit only)
Steven Culp as Ben Delany (credit only)
James Hyde as Hank Bennett
Juliett Mills as Tabatha Lopez
Juliett Mills as Tabitha Bennett
Nicholle Tom as Graaz Lopez
David Gallagher as Harry Crane
Halle Berry as Eschke Doughter
Jesse Metcalfe as Luis Figaro
Keshia Knight-Pulliam as Bambina Knirsh
Jan Hoag as Murgy Muschka
Nicollette Sheridan as Alaska Lennox (credit only)
Jennifer Love Hewitt as Mary Frances
Landry Allbright as Ruthie Mackenzie (credit only)
Guest Starring
Kathy Baker as Schwester Bernadette
Jessica Biel as Emba van de Driesche
Frances Conroy as Andorra von Harlekin
Andrea Evans as Trudy Mackenzie
Beverley Mitchell as Chastity Bellet
William Sadler as Sheriff Parkinson
Der nächste Morgen zog sich wie Kaugummi in Melody Ville. Durch die Zeitumstellung am Wochenende, bei der die Uhr um fünf Stunden zurückgestellt worden war, waren alle Bewohner mitten in der Nacht wach geworden, da sie nicht mehr schlafen konnte. So hatten sich die meisten mit Mühle, Schach oder Sackhüpfen die Zeit vertrieben. Als die Sonne langsam aufging, trottete Tabatha Lopez in ihrem Haus zum Briefkasten und sortierte wie jeden Tag die Morgenpost. Rechnungen, Mahnungen, Werbung, Reklame, Prospekte, doch halt – was war das? Ein buntes Zettelchen, auf dem ein lachendes und ein weinendes Clownsgesicht prangerten! Darüber stand in krakeliger Kinderschrift geschrieben "C’est beau la vie, pour les grands et les petits!" Kaum hatte Tabatha diesen Satz gelesen, ertönte draußen auf der Hauptstraße ein lautes Tröten und kitschige Drehorgelmusik war zu hören. Tabatha rannte zum Fenster und konnte einen Elefanten sehen, auf dem eine Frau ritt. "Schnell, kommt schnell, der Zirkus ist da! Der Zirkus ist daaa!" brüllte sie sich die Seele aus dem Hals und lief auf die Straße hinaus, wo sich bereits eine große Menschentraube gebildet hatte. Die Frau auf dem Elefanten warf eifrig Konfetti und schmierige Bonbons in die Menge. Die Musik stammte von einer mobilen Drehorgel, die sich hinter dem Elefanten befand und von einem Affen bedient wurde. "C’est bon! Mon nom est Andorra von Harlekin, je vous invite tous dans mon cirque!" Kurz darauf musste der Elefant an der nächsten Ampel eine Vollbremsung hinlegen und Andorra von Harlekin verlor das Gleichgewicht. Sie stürzte vom Rücken des Elefanten und brach sich dabei das rechte Bein. Doch niemand bekam dies mit, da alle Leute begeistert "Wir gehen in den Zirkus, wir gehen in den Zirkus!" kreischten.
Graaz Lopez wusste nicht mehr, ob es Tag oder Nacht war, welcher Wochentag an der Reihe war oder gar in welcher Zeitzone sie sich befand. Seit Tagen war sie in einer klapprigen Pferdekutsche quer durch die Vereinigten Staaten unterwegs, über unzählige Highways und Feldwege. Bei jedem Schlagloch machten sich Schmerzen in ihrem Körper breit und schlafen konnte sie beim besten Willen nicht. Hätte sie vorher gewusst, wie weit der Weg von Melody Ville nach Harmony Bay war, hätte sie sich zweimal überlegt, ob sie die Strapazen auf sich nehmen würde – aber nun war es zu spät. Plötzlich ertönte eine laute, markdurchdringende Trompete und Graaz schreckte zusammen. "Harmony Bay – Aufenthalt 1 Minute," verkündete der Kutscher mit lauter Stimme. Das war das Zeichen, dass Graaz endlich dort angekommen war, wo ihr Schicksal sie hingeführt hatte. "Na los, aussteigen!" befahl der Kutscher und trieb Graaz mit einer Mistgabel aus dem Inneren der Kutsche. Er warf ihre Gepäckstücke in den staubigen Sand der Landstraße und setzte die Kutsche danach wieder in Bewegung. Graaz schaute sich unbeholfen zu allen Seiten um – doch sie konnte nichts sehen, weit und breit war absolut gar nichts. Plötzlich tippte ihr jemand von hinten auf die Stirn, und Graaz drehte sich erschrocken einmal um die eigene Achse. "Grüß Gott. Du musst Graaz sein. Wir erwarten dich schon, um dich in unsere Gemeinschaft aufzunehmen. Mon cheri, du siehst süßer aus als eine Kirsche. Ich bin übrigens Schwester Bernadette," stellte sich eine alte Frau in Nonnenkleidung Graaz vor. "Ha... hallo," brachte Graaz heiser hervor.
Es war kurz vor acht und in wenigen Minuten sollte die Vorstellung des Zirkus "Pico-Balla" beginnen. Unbemerkt schlich die Psychiaterin Mary Frances um das Zirkuszelt herum auf der Suche nach den Tieren, die in der Vorstellung auftreten sollten. Sie folgte einer Spur von Pferdemist, die sich schließlich auch zu ihrem Ziel führte. In einem löchrigen Zelt waren einige Esel, Maultiere und auch zwei schwarze Schimmel an Leinen angebunden. "Tiere darf man doch nicht einsperren. Ein Glück, dass ich Mitglied bei 'Terre du monde' bin, der Vereinigung, schwachen Geschöpfen zu helfen!" grinste Mary Frances und zauberte dann eine Heckenschere aus ihrer Handtasche hervor. Damit zerschnitt sie die Leinen und lockte die Tiere mit angefaulten Möhren vom Zelt weg. Ein Brüllen hinter ihr ließ sie erschrocken zusammenzucken. "Aha, ein Löwe! Hab ich es mir doch gedacht," murmelte sie und brachte ein Blasrohr zum Vorschein. Sie steckte einen Betäubungspfeil hinein und ein paar Sekunden später landete der Pfeil im Fell des Löwen. "Süße Träume," lachte Mary Frances und rannte dann vom Löwenkäfig zu den Wohnwagen der Artisten. Mit einer Silikonspritze füllte sie die Schlüsselöcher auf und steckte dann von außen einen Besen unter die Klinke, so dass sie sich nicht mehr herunterdrücken ließ. Danach machte sie sich schnell wie der Blitz aus dem Staub.
"Mäckie, aufstehen! Frühstück ist fertig!" brüllte Trudy Mackenzie durch den Korridor ihrer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung, die sie erst vor einigen Wochen bezogen hatte. Wenige Sekunden später öffnete sich die Tür des Schlafzimmers und die kleine Mäckie schlurfte mit ihrem Teddybären im Arm durch den Flur in die Küche. "Ich will zurück in mein Loch," meinte sie mürrisch und schaufelte sich danach Cornflakes in den Mund, die sie laut schmatzend vertilgte. "Du kannst aber nicht schon wieder die Schule schwänzen, Kind. Irgendwann glauben dir die Lehrer nicht mehr, wenn du jedes Mal sagst, du müsstest deine kranke Cousine im Gefängnis besuchen – obwohl es sich ja theoretisch um die Wahrheit handeln könnte," überlegte Trudy und legte ihre Stirn in Falten. Plötzlich klingelte es an der Wohnungstür und Trudy öffnete sie. Vor ihr stand niemand Geringeres als Raffi de Mahaffy, Ruthies Ex-Mann. "Ich wünsche einen wunderschönen guten Morgen! Ist Mäckie da?" Er schaute sich angestrengt in der Wohnung um, bis er Mäckie am Küchentisch erspähte. "Guten Morgen, Madame, es ist mir eine Ehre, Sie zu sehen," begrüßte er sie mit einem Handkuss und zauberte danach einen aufblasbaren Plastikstrauß hinter seinem Rücken hervor, den er ihr überreichte. "Ich hole mal eine Vase," entschuldigte sich Trudy und verließ das Zimmer, während Mäckie Raffi mit einem neckischen Blick anstarrte. "Ich habe Freikarten für den Zirkus 'Pico-Balla'... hast du Lust, mich dorthin zu begleiten?" schlug Raffi ihr vor und Mäckie nickte beschämt.
"Hereinspaziert, hereinspaziert! Einmalig in ganze Welt!" lockte Andorra von Harlekin die Zuschauer in das modrige Zirkuszelt, in dem es kräftig nach Knoblauch und Zwiebeln stank. Sie zerriss die Karten und wies die Leute außerdem noch auf ihre Plätze. Plötzlich kam der kleine Affe, der zuvor die Drehorgel bedient hatte, angelaufen und tippte Andorra auf die Schulter. "Was ist denn jetzt schon wieder, Chico? Ich habe jetzt keine Zeit, das siehst du doch," fragte sie genervt und der Affe flüsterte ihr etwas ins Ohr. "Wie bitte? Die Tiere sind weg und die Artisten eingesperrt? Das ist doch nicht zu fassen! Wer macht denn bloß so etwas!" stampfte Andorra vor Wut auf den Boden. "Jetzt müssen wir zu Plan B greifen. Hol schon mal das Löwenkostüm aus der alten Mottenkiste, und irgendwo müssten wir auch die Verkleidung von Nero haben. Und bereite schon mal das Trapez, die Clownsnummer und den Sägetrick vor. Hopp hopp hopp, Chico, was stehst du hier noch doof rum, die Zeit drängt!" Chico verschwand hinter dem Vorhang, während Andorra versuchte mit einem freundlichen Gesicht die schöne Fassade aufrecht zu erhalten.
"Weißt du, Graaz, hier im Kloster 'St. Elsewhere' vergeht die Zeit anders als auf dem Rest der Welt. Deshalb sind hier auch keine Uhren erlaubt, hast du verstanden? Rück auf der Stelle deine Armbanduhr heraus!" forderte Schwester Bernadette Graaz in einem strengen Ton auf, während die beiden friedlich durch den prächtigen Klostergarten spazierten. Das Kloster lag hinter einer großen Steinmauer inmitten eines Sees auf einer kleinen Insel. Eine Hängebrücke führte über den See zum Eingang des Klosters, und Graaz stellte fest, dass sich im Burggraben grüne Krokodile tummelten, die Graaz mit gierigen Augen anstarrten. Vor Schreck ließ sie ihre allerliebste Babypuppe Mäggie fallen, die nur wenige Sekunden von den ausgehungerten Krokodilen in tausend Einzelteile zerfetzt wurde. Endlich waren die beiden im Innenhof des Klosters angekommen, in dem viele Nonnen mit Obstkörben herumliefen oder Wasser in Kanistern auf ihrem Kopf balancierten. "Das Leben ist kein Zuckerschlecken, Graaz, das wirst du hier noch schmerzlich erfahren. Aber du hast es ja so gewollt, nicht wahr?" triumphierte Schwester Bernadette und Graaz wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen. Plötzlich kam ein Mädchen, das ungefähr in ihrem Alter sein musste, an ihnen vorbei. Sie hatte schmutzige Hände und hielt eine Spitzhacke in einer Hand. "Das ist Chastity. Sie muss heute im Bergbau arbeiten und Kohle zum Heizen beschaffen. Ihr werdet euch ein Gemach im Nordturm teilen. Deine Koje ist schon frisch mit Stroh bezogen, Graaz. Ich wünsche dir einen angenehmen Aufenthalt."
"Bonjour, mon cheris, willkommen im Zirkus 'Pico-Balla'! Es ist uns eine große Ehre, heute in Melody Ville gastieren zu dürfen! Und jetzt viel Spaß mit unserer grandiosen Show! Applaus, Applaus für unseren tapferen Löwenbändiger Hank, der Harte, und seinen Löwen Muschka!" eröffnete Andorra von Harlekin die Zirkusvorstellung. Die Scheinwerfer senkten sich und strahlten auf den kleinen Löwenzwinger, in dem nun niemand Geringeres als Hank Lopez mit einer Peitsche in der Hand stand. Auf einem Hocker saß Murgy Muschka in einem uralten Löwenkostüm, bei dem schon ein Ohr fehlte und auf dem überall Flicken aufgenäht waren. Hank knallte ein paar Mal mit seiner Peitsche auf den Boden und nun sollte Murgy durch den brennenden Reifen springen. Um davon abzulenken, dass es nur künstliches Feuer war, liefen plötzlich Bambina Knirsh und Luis Figaro als Pferd verkleidet in die Arena. Bambina steckte im vorderen Teil und bediente zusätzlich den Kopf, während Luis die Hinterbeine spielte und wild mit dem Schwanz wedelte. "Boah, ist das krass geil," fand Bambina und die beiden liefen immer wieder im Kreis herum. Als nächstes sahen die Besucher Mäckie, die auf einem Zwirnfaden balancierte und dabei nur einen Bastrock trug. Sie bewegte lasziv ihre Hüften und auf ihre nackten Brustwarzen hatte sie sich glitzernde Sterne geklebt. Über Mäckie schwang Emba van de Driesche an einem Trapez und führte waghalsige Sprünge vor. Ein paar Mal wäre sie fast abgerutscht und durch das Publikum ging jedes Mal ein schadenfrohes Gelächter. Harry Crane und Eschke Doughter führten "Die zersägte Jungfrau" auf, und wenn man genau hinsah, konnte man sogar die Blutspritzer sehen. Tabatha und Tabitha traten als Clowns auf und warfen am Ende ihrer Nummer Schokoladenkuchen und reife Tomaten ins Publikum. Doch dann kam das, womit keiner gerechnet hatte: Plötzlich lief Mary Frances in die Arena und stellte sich in die Mitte des Zeltes. "Hokus Pokus, drei Mal schwarzer Kater! Krötenauge, schwarzer Gaul, haltet euer schäbig’ Maul! Eis, Marzipan und Gummibärchen, bald fühlt ihr euch wie im Märchen!" schrie sie sich die Kehle wund und zeigte dann mit ihrem Zauberstab auf das Publikum. Helle Blitze erstrahlten und alle mussten sich die Augen zuhalten, um nicht geblendet zu werden...














